Kaiserschnitt als Event – Mit Partyplaner ins Leben

Wer sich schon hierzulande über den "Bequemlichkeitskaiserschnitt" aufregt, bekommt beim Blick nach Brasilien die Krise. Dort wird jedes zweite Kind per Skalpell geboren. Während vor einer Glasscheibe die Großfamilie mit bestem Blick auf das Geschehen eine Megaparty feiert. 

von Marie Stadler

Blumendeko, Cup Cakes, Luftballons und Blitzlichtgewitter – das ist für viele brasilianische Babys das erste, was sie zu sehen bekommen. Denn Kaiserschnitte sind in einigen Krankenhäusern Brasiliens schon lange kein langweiliger OP-Termin mehr. Warum auch, wenn man eine Riesenparty draus machen kann? Es werden also Partyplaner engagiert, OP-Sääle mit Public Viewing-Vorraum gemietet, Haare und Make-Up (der Mutter, wer weiß, vielleicht ja auch des Babys) in die Hände professioneller Beauty-Artists gegeben und 72 Handys gezückt, um den Neuankömmling auch ja mindestens so pompös wie royalen Nachwuchs zu begrüßen. Nun ja.

Man plant halt gerne

Das an sich ist ja schon ne harte Nummer für Freunde der Privatsphäre. Noch problematischer als die Party an sich finden Mediziner allerdings die Zahlen der medizinisch nicht notwendigen Kaiserschnitte in Brasilien. Lange galt der geplante Kaiserschnitt als Statussymbol privilegierter Mütter, heute kommt bereits jedes zweite Baby im OP-Saal zur Welt. Zum Vergleich: Die WHO geht nur bei etwa 10 Prozent der Geburten von einer medizinischen Notwendigkeit des Kaiserschnitts aus. Aber um Medizin geht es eben auch gar nicht: "Brasilianer planen gerne alles. Sie wollen auf dem Weg zum Krankenhaus nicht im Verkehr feststecken, sie wollen ihre Nägel gemacht und beim Waxing gewesen sein, wenn es losgeht. Kurz: Sie planen die Geburt wie ein Event", erklärt Marcia da Costa, Leiterin des Sao Luiz Privatkrankenhauses in Sao Paulo, gegenüber der Washington Post.

Geburtspartys gibt es auch nach natürlichen Geburten

Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass auch für viele natürliche Geburten in Brasilien Partys geschmissen werden. Ist dann natürlich schwieriger. Muss ja ne Menge besorgt, vorbereitet und organisiert werden, während die Mutter in den Wehen liegt. Und die Gäste der Party haben nachts um 3 Uhr vielleicht nicht ganz so viel Lust auf das Spektakel. Und so bleibt der planbare Kaiserschnitt halt einfach die bequemste Variante für viele Eltern. Mag man gut finden oder nicht, Brasilianerinnen schwören jedenfalls auf das Gemeinschaftsgefühl, das durch das Willkommensfest entsteht. Ob die vielen Menschen am Krankenbett wirklich gegen postnatale Depressionen helfen, sei mal dahingestellt. Wir haben keine Ahnung. Aber schätzungsweise würden wir jeden in Stücke reißen, der mit einem Glas Sekt in der Hand und "It's a boy"-Ballons über dem Kopf dabei zusehen wollen würde, wie wir breitbeinig im OP liegen... professionelles Make-Up hin oder her.