Kaiserschnitt-Mama wider Willen: Über das Gefühl, versagt zu haben

Unsere Autorin hat zwei Kinder per Kaiserschnitt geboren. Nicht, weil sie wollte, sondern weil es nötig war. Sie hatte jahrelang das Gefühl, schon an der ersten Aufgabe als Mutter gescheitert zu sein.

von Miriam Kühnel

Vor einigen Tagen in der Bahn: Zwei ältere Damen unterhalten sich über den Trend, Kinder nur noch per Kaiserschnitt zu gebären. "Ach, die sind doch einfach nur zu weichgekocht heutzutage, um ne Geburt durchzustehen". sagt die Ältere der beiden kopfschüttelnd. Dann folgen alle Gemeinplätze, die man je zum Thema gehört hat: Kaiserschnitt-Kinder sind gestört. Ihr Immunsystem ist eine Katastrophe. Und erst der Schreck in der ersten Lebenssekunde. Grausam! Und die Frauen... die Frauen werden im Alter schon noch merken, was sie sich und ihrem Nachwuchs angetan haben... Ich höre ihnen eine Weile zu, dann platzt mir der Kragen. Ich frage, ob ich mich in eine Expertenrunde der Hobbygynäkologen verirrt habe. Eigentlich wollte ich nur in die S3 und in Ruhe zur Arbeit fahren. Die beiden verstummen vielsagend und werfen sich Blicke zu.Und ich bin froh, dass es mich nur noch nervt, aber nicht mehr jede Faser meines Körpers mit Trauer erfüllt.

Ich schaffe das schon

Ich habe vor der Geburt meines ersten Kindes nicht einmal über die Option nachgedacht, einen Kaiserschnitt machen zu lassen. Ich war doch jung, kräftig und habe meinem Körper vollkommen vertraut, dass er auch eine Geburt rockt. Wie im Kurs besprochen wollte ich das Kind unter Schmerzen aus mir herausatmen. Was so viele Frauen vor mir geschafft haben, konnte doch nicht so ein Hexenwerk sein. Dass dieser "Ich schaffe das"-Gedanke schon der erste Fehler war, habe ich erst viel später begriffen. Denn wie ein Kind auf die Welt kommt, liegt nur bedingt in unserer Macht. Manchmal muss man im Sinne des Kindes die Reißleine ziehen. Zum Beispiel, weil die Geburt seit 24 Stunden stockt und es langsam gefährlich wird, wie bei meiner Tochter, oder weil das Geburtsgewicht 5 kg ist und der Geburtstermin seit knapp zwei Wochen verstrichen ist, wie bei meinem Sohn. Doch obwohl ich immer wusste, dass ich für meine Kinder richtig entschieden habe, wurde ich lange das Gefühl nicht los, meine Kinder nicht selbst zur Welt gebracht zu haben.

Ohne Hilfe wäre sie gestorben

Ich weiß, dass meine Tochter vermutlich nicht leben würde, wenn man sie nicht geholt hätte. Was von außen betrachtet tröstend klingt und vor allem wie das schlagendste Argument, doch einfach froh zu sein über die Hilfe, hat mich in den ersten Wochen völlig verstört. Als Mutter hätte ich ihr doch das Leben schenken müssen! Wie konnte es sein, dass ich das nicht geschafft habe? Oft saß ich stundenlang an ihrem Bettchen, betrachtete sie und entschuldigte mich innerlich tausende Male dafür, dass mein Körper ihr ihr Leben beinahe verwehrt hätte. Heute weiß ich, dass die Hormone sicher völlig verrückt spielten. Aber wenn man drinsteckt, in diesem postnatalen Albtraum, dann fühlt sich dieser Gedanke leider richtig an. 

Früher haben sie das doch auch alle geschafft

Geholfen hat mir letzten Endes meine Oma. Als ich mich ihr anvertraute, wusch sie mir ordentlich den Kopf. "Aber ihr habt das doch früher auch alle geschafft ohne Kaiserschnitt!", versuchte ich, mein Hadern zu rechtfertigen. Doch dann erzählte mir meine Oma von den vielen Totgeburten früher. Von sterbenden Müttern. Und davon, wie sie ihr meinen Vater mit einer Zange aus dem Leib zerrten, dabei sein Ohr verletzten und wie die Ärzte letzten Endes ihr Becken aufsprengten, um den großen Kerl herauszubekommen. "Meinst du, da bin ich stolz drauf?", fragte sie mich und ich begann langsam zu verstehen, dass meine Gedanken zum Thema Geburt kompletter Schwachsinn waren. Die Gleichung: Natürliche Geburt gleich gute Geburt geht nicht auf.

Wehrt Euch gegen das Stigma

Zwei Jahre später jedenfalls wurde mein Sohn geboren. Wieder im OP, auch wenn ich mir das anders gewünscht hätte für ihn und mich. Nein, einfach war es nicht, das Thema "natürliche Geburt" damit für immer von der To-Do-Liste zu streichen. Aber viel schlimmer fand und finde ich noch immer: Als Kaiserschnitt-Mama und auch als Kaiserschnitt-Kind muss man sich noch Jahre nach der Geburt einiges gefallen lassen. Hat dein Kind einen schlechten Winter mit vielen Infekten? Is ja klar, wegen des Kaiserschnitts. Hibbelig, unkonzentriert? Keine Frage, Grund ist der Kaiserschnitt. Bei der Ergotherapie wurde uns erklärt, dass unser Sohn kein Obst mag wegen einer sensitiven Störung oder was weiß ich. Warum? Bestimmt der Kaiserschnitt. Egal in welchem Bereich, der Kaiserschnitt hält immer gut als Erklärung her. Für alles. Weil es so schön einfach ist. Das mag im Einzelfall vielleicht sogar mal wahr sein, aber im Gesamtbild ist es erstens grober Unfug und zweitens ein Stigma, das niemanden weiterbringt. Nur um Mütter in spe davon abzuhalten, sich für einen Wunschkaiserschnitt zu entscheiden, wird das Wunder der Geburt meiner und so vieler anderer Kinder zu einem Fehlstart ins Leben degradiert. Dabei sind sie so wunderbar, genau wie sie sind. 

Ich werde es niemals erleben. So wie viele andere Dinge auch. 

Nein, ich weine nicht mehr um das beglückende Gefühl, es allein geschafft zu haben. Und ich bin nicht mehr bereit, mir die Schuld an jedem Stein auf dem Lebensweg meiner Kinder einreden zu lassen. Eine Geburt ist eine Geburt. Ein Wunder. Das größte Wunder überhaupt. Wie sie genau abgelaufen ist, ist dabei doch völlig egal. Es wird noch vieles im Leben unserer Kinder anders laufen, als wir das geplant hatten. Als Kaiserschnitt-Mama wider Willen hat man dann wenigstens schon mal geübt, das zu akzeptieren. Mit Versagen hat ein Kaiserschnitt jedenfalls rein gar nichts zu tun. Wir haben getan, was getan werden musste. Für unsere Kinder. Schön war es nicht. Es hat wehgetan, nicht nur körperlich. Und doch würden wir es jederzeit wieder tun. Man nennt das Mutterliebe. Und die ist bei uns allen ganz und gar natürlich.

Wer hier schreibt: