Kaiserschnitt ohne Betäubung: "Diesen Schmerz werde ich nie vergessen"

Als die Oberärztin mit dem Skalpell ihre Bauchdecke öffnet, schreit Sarah (Name von der Redaktion geändert) vor Schmerzen. Die einzige Reaktion der Ärztin: "Der Bauch ist doch jetzt schon offen." Ein Geburtsbericht, der sich wie ein Alptraum liest.

Protokoll: Miriam Kühnel

Meine kleine Tochter ist ein absolutes Wunschkind. Als ich schwanger war, begann für meinen Freund und mich eine neue Zeitrechnung. Wir freuten uns unendlich darauf, Eltern zu werden, und ich genoss jeden Tag meiner Schwangerschaft. Den kleinen Menschen in meinem Bauch nannten wir liebevoll Blaubeere und wir konnten den Tag der Geburt unserer kleinen Blaubeere kaum erwarten. Zum Glück wussten wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht, was auf uns zukommen würde. Ob ich mir vorher Sorgen gemacht habe wegen der Geburt? Ehrlich gesagt, kein bisschen. Ich bin ein optimistischer Mensch und wollte mich nicht verrückt machen.

Von Anfang an würdelos

Doch diese Geburt war von Anfang an kein Spaziergang. Ich hatte viele Stunden unerträgliche Schmerzen, die PDA brachte keine Linderung. Nach 26 Stunden Wehen bat ich schweren Herzens um einen Kaiserschnitt. Ich wollte so sehr eine natürliche Geburt erleben, aber ich merkte, dass ich keine Kraft mehr hatte. Ich war erleichtert, als die Hebamme, die nur wenig mit mir sprach, endlich die Oberärztin hinzu holte. Doch die schaute mich nur streng zwischen meinen Beinen hindurch an und sagte, sie würde meine Logik nicht verstehen. Es sei unsinnig, fünf Tage länger im Krankenhaus verbringen zu wollen, anstatt das Kind auf natürlichem Weg zu gebären. Zu diesem Zeitpunkt lag mir nichts ferner, als über Logik zu diskutieren. Die ersten Worte der Oberärztin schüchterten mich ungemein ein. Mir kamen die Tränen, weil ich mich nicht gehört fühlte. Ich hatte nun doch schon so lange versucht, mein Kind auf normalem Weg zu gebären, aber ich war völlig erschöpft. 

Gegen den Kristeller-Handgriff konnte ich mich nicht wehren

Anstatt mit mir zu sprechen und mir zuzuhören, legte sich die Oberärztin plötzlich auf mich und drückte mit all ihrem Gewicht meinen Bauch nach unten, während ich auch pressen sollte. Ich wusste sehr wohl, was sie da tat. Wir hatten im Geburtsvorbereitungskurs über diese Praktik, den Kristellerhandgriff, gesprochen. Obwohl man uns gesagt hatte, dass dieser eigentlich nicht mehr angewandt werden sollte, brachte ich nicht die Kraft auf, mich zu wehren. Ich hatte nur noch panische Angst davor, dass der Wehentropf noch höher gestellt werden würde. So ein Gefühl der Auslieferung war mir bis zu dem Zeitpunkt nur aus Albträumen bekannt. Nachdem endlich festgestellt wurde, dass mein Kind es nicht aus dem Geburtskanal schaffen würde, spürte ich nur Erleichterung. Zitternd am ganzen Körper wurde ich in den OP geschoben. Mein Freund durfte erst einmal nicht mit. "Die Kleine kriegen wir noch in meiner Schicht raus", hörte ich die Stimme der Oberärztin dumpf aus der Ferne. Noch wusste ich nicht, was dieser Vorsatz anrichten würde.

Ich spürte den Schnitt

Der Versuch, den großen OP-Katheter einzuführen, bereitete mir unheimliche Schmerzen. Ich sagte das der Ärztin immer wieder, presste meine Beine zusammen. Sie zog sie gewaltsam wieder auseinander und legte den Katheter. Der Anästhesist spritzte die PDA auf, anschließend wurde mir in den oberen Teil meines Bauchs gekniffen. Ich sagte sofort, dass mir das wehtat. „Warte doch noch mal eben“, hörte ich die Stimme des Anästhesisten. Doch im nächsten Moment spürte ich schon den Schnitt im unteren Teil meines Bauches. Ich war dem Schmerz und der Angst völlig ausgeliefert und konnte mich nicht wehren. Panisch rief ich immer wieder, dass ich alles fühlte, doch die Oberärztin hörte nicht auf. Ihre einzige Reaktion: "Der Bauch ist doch jetzt schon offen." Ich konnte nicht mehr richtig sehen, mir wurde schwindelig vor Schmerz, wie von Weitem hörte ich irgendwann meine Tochter schreien. Ein Schrei, den ich selbst nicht mehr zustande brachte. 

Ich dachte, ich sei gestorben

Dann muss ich ein Medikament gespritzt bekommen haben, denn mein Blickfenster fing an zu verschwimmen. Meine Augen verdrehten sich und ich musste sie schließen. Die Stimmen um mich herum wurden zu immer lauter werdendem Dröhnen. Ich sah bunte Muster und Farben und musste an meine Tochter denken, die ich kurz zuvor hatte schreien hören. Ich wollte unbedingt wissen, was passiert war, wo meine Tochter war und mein Freund. Meine Gedanken waren durchsetzt von Panik und es war nur noch Angst, die ich fühlte. Mein Körpergefühl löste sich auf, ich hatte keine Körpergrenzen mehr, konnte nicht mehr denken und flog durch verschiedene Ebenen, wusste nicht mehr, wer ich bin, wo ich bin,  was ich bin. Alles war nur ein Fluss aus Farben und Geräusche. Ich war mir sicher: Ich bin tot.
Das Erste, was ich dann wieder sah, war der Anästhesist, der mich über Kopf anschaute. Ich fragte ihn, was das gewesen sei und er sagte nur: „Ja, das war krass oder?“  

Ein Teil von mir wurde an diesem Tag aus mir herausgerissen

Als ich Stunden später endlich meine Tochter auf dem Arm hielt, dachte ich, ich hätte mich selbst auf dem Arm. Es war, als hätten sie mich selbst aus mir herausgerissen. Da war kein Gefühl des Glücks, vielmehr machte es mir panische Angst, dieses Kind auf meinem Arm, das meines sein sollte! Auch dauerte es noch einige Stunden, bis ich wieder mit meinen beiden Augen klar sehen konnte und wieder ganz in der Realität angekommen war. Ich konnte mich nicht darüber freuen, dass dieses so von Herzen ersehnte Kind nun auf der Welt war. Ich tat, was mir die Schwestern sagten, aber meine Gefühle waren nicht die einer glücklichen Mutter. 

Vorbei und doch nicht vorbei

Heute liebe ich meine Tochter von ganzem Herzen. Sie ist nun ein Jahr alt und wir haben eine wunderbare Verbindung. Trotzdem verfolgen mich Nacht für Nacht Alpträume.Ob meine Tochter je ein Geschwisterchen bekommen wird? Ich weiß es nicht. Auch wenn die Kaiserschnittnarbe längst verblasst ist, die Wunden meiner Seele sind noch lange nicht verheilt.


Anmerkung der Redaktion: In wenigen Wochen wird ein Gericht über den Fall entscheiden. Wir wünschen Sarah viel Kraft für das Verfahren.
 



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