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Kind-Ersatz: Wenn Kakadus zur Familie gehören

Kindersatz: Beatrice mit Kakadu auf dem Arm
Ja, es ist Liebe! Beatrice Thielmann mit Nora und Cooper.
© Andreas Sibler
Muss man eigentlich einen Vogel haben, um das Glück der Familie im Zusammenleben mit Kakadus zu suchen? Nein. Man braucht zwei!

Als Beatrice Thielmann ihrem Mann Marcus das Jawort gab, trug sie kein weißes Kleid, nicht im Standesamt und nicht in der Kirche. Stattdessen einmal Creme, einmal Blau. Heute, zwölf Jahre später, ergibt die Entscheidung von damals für sie einen ganz neuen Sinn. Als hätte sie geahnt, dass ihr persönlicher Traum in Weiß ein anderer sein würde. Einer, der auf religiöse Bräuche und behördliche Dokumente pfeift. Der einen kräftigen Schnabel hat und eine zitronengelbe Haube. Der gewöhnlich in Australien lebt. Und nur in Ausnahmefällen im schleswig-holsteinischen Kaltenkirchen.

"Unsere Vögel haben es wahrscheinlich besser als manches Kind"

Aus dem Klinkerbau, in dem die Thielmanns wohnen, dringt ein raues, lautes Kreischen. Das müssen sie sein: Nora und Cooper, die Gelbhaubenkakadus, die seit zehn Jahren den Lebensmittelpunkt des Pärchens bilden. "Unsere Vögel haben es wahrscheinlich besser als manches Kind", sagt Beatrice nachdenklich. "Sie bekommen wirklich viel Aufmerksamkeit, viel Liebe, jeden Tag frisches Obst." Außerdem haben sie den schönsten und hellsten Raum der Wohnung in Beschlag genommen, der nun voll von Ästen, Kletterseilen und zwei mannshohen Edelstahlvolieren ist. Es gibt Spielzeug zum Schreddern und mit Nüssen gefüllte Überraschungseier zum Aufknacken. Früher war das Vogelreich das Büro von Marcus, der als Datenschutzbeauftragter bei der Bank auch mal im Homeoffice arbeitet. Jetzt geht er dafür in die ausgebaute Garage.

"Hallo, Mäuschen, na, willst du gekuschelt werden?" Die Stimme von Beatrice, einer ruhigen, freundlichen Frau, die gerade 40 geworden ist und als Notärztin arbeitet, klingt samtig, wenn sie mit dem Vogelweibchen spricht. "Die beiden sind unser Kinderersatz, ganz bewusst", kommt sie der Frage zuvor, die man so direkt vielleicht nicht gestellt hätte: "Die Zeit, die wir haben, brauchen unsere Tiere. Käme ein Baby hinzu, würden sie wahrscheinlich eifersüchtig reagieren. Sie sind auch untereinander eifersüchtig, sobald einer mehr Kuscheleinheiten bekommt." Dass es Wildtiere bleiben, bekam gerade eine Freundin zu spüren, die nach Kaffee, Kuchen und dem Versuch, mal die weichen Federn anzufassen, mit blutender Nase nach Hause fuhr. Doch: Die Jacke mit dem Aufdruck "Notärztin", da drüben über der Stuhllehne, hat etwas Beruhigendes.

Schon als Kind liebte Beatrice Vögel, sie wuchs mit Wellensittichen auf, las Bücher über Papageien. Nach Australien zu fahren und sie in freier Natur zu sehen war ihr Lebenstraum. Sie erfüllte ihn sich gemeinsam mit Marcus. Als kleiner Junge besaß der 47-Jährige einen Hamster. Doch seit er Beatrice liebt, liebt auch er Vögel.

Eine gemeinsame Liebe

Es waren ihre Flitterwochen, die sie am anderen Ende der Welt verbrachten – selten am Strand, meist mit Teleobjektiv im Wald. In ihrer Einliegerwohnung braucht man sich nicht auf die Lauer zu legen, dort sind die Haubenträger überall. An den Wänden Bilder ihrer Lieblinge. Auf dem Herd eine Abdeckplatte mit Kakadus. Swarovski-Kakadus in der Vitrine, daneben welche aus Meißner Por­zellan. Kissen, Tischläufer – überall Vögel.

Der Ort, an dem die Leidenschaft für Papageien noch mal richtig entbrannte, war ähnlich bodenständig: kein Regenwald, sondern die Vogelabteilung von Megazoo in Henstedt-Ulzburg. Immer wieder standen die Thielmanns fasziniert vor dem Käfig mit dem Kakadu- Paar. Irgendwann ließ der Verkäufer sie in die Voliere, ein magischer, ein verhängnisvoller Moment: "Nora kam direkt auf mich zu, es war Liebe auf den ersten Blick", erinnert sich Beatrice. Und Marcus war klar: "Wir gehen hier nicht ohne die Vögel raus." Während seine Frau die Welt um sich herum vergaß, klärte er die Finanzierung. 5000 Euro für beide Papageien, nur im Set zu haben, denn es sind Schwarmtiere. "Es war ein Spontankauf, wovon man eigentlich abraten sollte. Doch als mein Mann und ich die beiden in dieser Katzenbox rausgetragen haben, war ich einfach nur stolz und glücklich."

Seitdem ist nichts mehr wie vorher – wie bei allen jungen Eltern: die bedingungslose Liebe, die ständige Sorge. "Wenn es den beiden nicht gut geht, dann leiden wir mit." Auch den Spagat zwischen Job und Familie kennt Beatrice: "Wenn ich lange arbeiten muss, sind sie beleidigt und ignorieren mich erst einmal." Länger als eine Woche fährt das Paar denn auch nicht mehr weg, dann hüten die Großeltern ihre Enkel. Und jeden Abend der Stress mit dem Schlafengehen! "Es ist wie bei richtigen Kindern, die wollen nicht ins Bett. Dann fliegen sie weg und schreien herum." Auch wenn natürlich kein echtes Bett gemeint ist, sondern die Voliere, stellt Cooper bei dem Wort abrupt seine Haube auf. "Na, Dickerchen, das magst du gar nicht, ne?", sagt Beatrice und formt mit gespitzten Lippen zwei Küsschen in seine Richtung.

Als sie langsam die Tür zum Vogelreich öffnet, tapsen die beiden unbeholfen über den Fliesenboden hinaus in die Küche. Dass sie gern dort sind, verraten die Nusskrümel auf der Dunstabzugshaube. Cooper sitzt bald auf der Schulter von Bea­trice und lässt sich kraulen. "Das ist Urvertrauen", sagt sie und legt ihren Kopf an seinen.

Dramatisches Weibchen

Die gefiederten Stars der Familie haben ganz eigene Egos. "Nora kann zickig sein, gefühlt so einmal im Monat hat sie ihre Momente", sagt Beatrice. "Aber das versteht man als Frau ja auch." Besonders ungemütlich soll das Weibchen auf dunkelhaarige Frauen reagieren. Cooper sei weniger eigensinnig, entspannter. Außer, er soll aus medizinischen Gründen eine Halskrause tragen, dann lässt er sich theatralisch zu Boden sinken und kreischt wie unter bestialischen Schmerzen. Bis das Ding abgenommen wird. "Sie simulieren gern. Einmal hat Nora sogar eine Gehbehinderung vorgetäuscht, um Aufmerksamkeit zu bekommen."

Bei den Vögeln kam übrigens nie Romantik auf. Sind sie einfach satt von Zärtlichkeit? "Kann schon sein, dass wir sie daran hindern, weil es ihnen reicht, dass wir sie so viel bekuscheln", sagt Beatrice. "Aber sie sind ja auch noch nicht so lange im zeugungsfähigen Alter." Dass Marcus die Kakadus nicht nur im Sinne des Familienfriedens akzeptiert, ist unübersehbar: der Stolz, sie zu zeigen, die Freude über das Ver­trauen, das die Tiere zu ihm haben. Er geht mit seiner Frau ins Kino oder zum Konzert von Fury in the Slaughterhouse – aber genauso gern zum Stammtisch der Papageienfreunde Nord e.V. Beim Papageienkongress auf Teneriffa waren sie auch schon. Es ist etwas, das sie verbindet, nicht trennt. Dass jemand an dieser tiefen Liebe zu zwei Vögeln etwas komisch finden könnte, finden die Thielmanns wiederum komisch: "Wahrscheinlich haben wir deshalb nur Freunde, die von ihnen begeistert sind."

Kakadus können bis zu 60 Jahre alt werden

Wie alle, die Verantwortung für jemanden übernommen haben, machen sich auch Beatrice und Marcus Gedanken um später. Kakadus können bis zu 60 Jahre alt werden. "Für den Fall, dass sie uns überleben, geht unser Erbe an den Papageienverein oder an jemanden aus der Familie, der sich gut um die beiden kümmert." Am liebsten würden sie sich im Friedwald gemeinsam mit ihren Tieren beerdigen lassen. Doch das ist nicht erlaubt, jedenfalls heute noch nicht. Aber dazwischen liegt ja noch ein ganzes Leben. Mit viel mehr gemeinsamer Zeit als in anderen Familien. Denn flügge werden die beiden Vögel wahrscheinlich nie.

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BARBARA 04/2020

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