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Kinderwunsch Wenn nur eine Freundin schwanger wird

Kinderwunsch: Schwangere Frau
© Basilico Studio Stock / Shutterstock
Die eine bekommt ein Kind. Die andere nicht. Bis heute haben die Freundinnen nie miteinander über diese Ungerechtigkeit gesprochen. Also schreibt die eine der anderen einen Brief …

Liebe Connie, 

dass uns beiden mal die Worte fehlen, das kann eigentlich nicht sein. Und es ist auch nicht unser Dauerzustand, denn wir reden ja ständig. Nur wenn es um das eine gehen könnte, verstummen wir.

Warum waren Kinder nie ein Thema für uns? Ich kann mich nicht erinnern, dass wir in unseren ersten Jahren je gemeinsam beratschlagt hätten, ob wir uns das überhaupt vorstellen könnten, Mutter zu sein. Da warst Du schon Ende 30 und ich Mitte 20. Vielleicht glaubte ich, für Dich sei das abgehakt. Für mich stand es noch nicht auf dem Plan. Aber ein klarer Gedanke kann das nicht gewesen sein, nur so ein Gefühl. Als ich dann einige Jahre später schwanger war, hast Du erzählt, dass ihr es auch probieren würdet, aber dass es sicher nicht leicht werden würde mit über 40. Ich hab nichts Ermutigendes für Dich gefunden, keinen Trost. Alles, was mir einfiel, kam mir banal und nicht treffend vor: "Wird schon!" Oder: "Kinder sind doch nicht alles." Wer war ich denn, so etwas zu sagen? Statt überhaupt eine Regung zu zeigen, zog ich mich mit meinem dicken Bauch zurück.

Als das Baby dann da war, wollte ich Dir nicht das junge Familienglück zumuten – was in Wahrheit total zehrend und wacklig und gar nicht so glücklich war. Aber sollte ich das ausgerechnet vor Dir beklagen? Und so haben wir wieder Kinder- und Familienthemen ausgelassen, absurd, denn nichts hat mich damals mehr ausgemacht. Wenn ich mich in jener Zeit vor mir sehe, kann ich nicht glauben, dass ich da so verkrampft war und nicht offen zu Dir gesagt habe: "Mir tut das so leid, dass es für Dich nicht so gekommen ist, wie Du es Dir gewünscht hast. Hältst Du mich und mein Leben denn aus?" Stattdessen hab ich in Kauf genommen, dass wir uns verlieren. Du wirst das gespürt haben, Du hast mich gehen lassen.

Mein Sohn war fast schon in der Grundschule, als Du mich wieder rangezogen hast – und zwar mit ihm. "Halt nicht Dein Kind von mir fern", hast Du gesagt, gar nicht vorwurfsvoll, aber doch wie den Finger einen Tick zu lang auf den Klingelknopf gepresst. Und ich weiß noch, an einem dieser gemeinsamen Abende, als Du dem Jungen vor dem Zubettgehen eine heiße Wärmflasche in die Hand drücktest und gesagt hast: "Aber nicht alles auf einmal trinken!" – da hab ich gespürt, wie sehr mir Dein Humor und Deine Albernheit gefehlt haben, ganz grundsätzlich, aber besonders als Mutter, die immer eher die Zähne zusammenbeißt. Ich weiß, Du wärest eine gute Mutter geworden. Aber das ist schon wieder so ein Satz, der nicht gerade umarmt, oder? Dabei würde ich Dir so gern etwas von Deiner Traurigkeit nehmen, die ich immer spüre. Es ist keine Frage, ob ich das kann, sondern eher, ob ich das darf: Hast Du denn nicht jedes Recht darauf, traurig zu sein? Was ich eigentlich sagen will, liebe Freundin: Lehn Dich an mich, wenn Du magst.

Dieser Artikel erschien ursprünglich im Barbara Heft Nr. 05/2021.

Barbara

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