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Kegelverein Kölner Club der Aufgesetzten: Von wegen ruhige Kugel

Kölner Club der Aufgesetzten: Teilansicht einer Frau, die eine gelbe Kegelkugel wirft
© George Rudy / Shutterstock
Kegelvereine gibt es viele. Den Kölner Club der Aufgesetzten allerdings schon seit mehr als 50 Jahren. Kein Grund, eine ruhige Kugel zu schieben.

Hier geht's alle zwei Wochen rund

Das Aufwärmtraining fürs Kegeln findet an einem Tisch in Thekennähe statt. An dem sitzen sechs Frauen in Warteposition. Der Sohn des Wirts eilt mit Schnapsgläsern heran, alle randvoll mit Kirschlikör. "Gerade halten, jeder Tropfen zählt", mahnt Hilde Heimerich, 71. Dann stemmt jede ihr Pinnchen mit dem Wurfarm hoch und führt es zielsicher zum Mund: erster Volltreffer des Abends in der urigen Kneipe Veedels Treff im Kölner Stadtteil Höhenhaus. Noch eine Viertelstunde, dann geht es auf der Kegelbahn rund, wie alle zwei Wochen freitags, immer von 17 bis 20 Uhr. Das ist schon seit 51 Jahren so. "Wobei dat letzte Jahr zählt ja nicht richtig, wegen Corona. Da konnten wir lange nicht kegeln, dafür liefen unsere Telefone heiß", sagt Hilde.

Mit ihrer Freundin Therese Meier, 80, hat sie das Ganze einst ins Rollen gebracht. "Die Männer hatten ihren Fußball und wir Spielerfrauen Langeweile. Also gründeten wir den Club", erinnert sich Hilde. Therese, für alle hier Resi, wurde Präsidentin. Wenn man Hilde auch einen Titel verleihen will, trifft es wohl Redeführerin am besten.

Welchen Status der Kegelclub in dieser Kneipe hat, wird deutlich, wenn man einen Blick auf die weiße Wand gleich hinter ihrem Stammplatz wirft. Wo andere Wirte vermutlich Fotos mit Stargästen ihres Lokals aufhängen würden, hat Georg nur eines prominent platziert – er mit dem "Club der Aufgesetzte". "Aufgesetzt" hat übrigens nichts mit Überheblichkeit zu tun, der Name stammt von einer Spirituose, die mit Früchten und Zucker "aufgesetzt" wird. Lieblingssorte der Kegelschwestern: Kirsch. Auch sonst wird im Club nicht alles so bierernst genommen. Weniger Wettkampf, mehr Spaß.

Eine bunte Runde

Die Stimmung geht jetzt erst mal in den Keller, runter an die Kegelbahn, der einzigen im Lokal. Hilde öffnet das Club-Schließfach mit der Nummer 13. Darin befindet sich das Equipment für den Abend: Sportschuhe, Aschenbecher, Desinfektionstücher. Für besondere Anlässe wie Karneval oder Geburtstage steht ein CD-Player bereit, samt Plastiktüte voller Partyhits-CDs.

Über die Jahre schwankten die Mitgliedszahlen wie ein Börsenkurs. 13 Frauen waren sie zu Beginn, doch im Laufe der Zeit zogen einige fort, Neue kamen hinzu, manche schafften es zeitlich oder körperlich nicht mehr, von anderen mussten sie sich für immer verabschieden. Übrig blieb eine eingeschworene Vierertruppe: Hilde und Resi, Karin, 78, und Christel, 84. Ab und zu kommen Gastkeglerinnen vorbei, so wie heute Elisabeth, 85, die alle Liesel nennen. Oder auch Überraschungsgäste, wie an diesem Freitag Margret, 79. Sie war jahrzehntelang Mitglied, dann bekam ihr Mann Demenz. Ihn alleine lassen – kaum möglich, deshalb verließ sie den Club. Zum Mitkegeln fehlt ihr mittlerweile die Kraft. Sie will einfach mal wieder dabei sein. "Für dich", sagt Resi, "ist immer ein Platz an unserem Tisch frei. Wir müssen da mal wat organisieren, damit du wieder öfter kommen kannst."

Das Startgeld wird eingesammelt: 15 Euro pro Keglerin, Gäste zahlen nur die Hälfte. Die Mitglieder geben zusätzlich einen Zehner in die Kasse, für die jährliche Kegeltour. Und auch die "Leck mich am Arsch"-Dose muss gefüttert werden: Zwei Euro kostet der Freifahrtschein fürs Fluchen. "Früher haben wir pro Schimpfwort einen Groschen reingetan. Aber da hinterherzukommen, das ist im Alter zu anstrengend", sagt Hilde. Und vermutlich auch zu teuer, denn "Driss", das kölsche Wort für Scheiße, gehört bei den Damen zum besonders aktiven Wortschatz.

"Es muss einfach passen"

Dann ist es endlich so weit: Karin steht an der Startlinie. Die anderen behalten sie im Auge, kommentieren ihre Haltung, fiebern mit. Sie donnert die Kugel auf die Bahn, sechs Kegel fallen um. Das reicht schon, um alle zum Jubeln zu bringen. Sie ist das Küken in der Runde – zumindest was ihre Mitgliedszeit betrifft. Erst vor vier Jahren stieß sie dazu. Wer in den Club reinwill, muss ein paarmal mitkegeln, wird dann hoch an den Tresen geschickt und muss abwarten, wie die anderen unten abstimmen. Bewertungskriterium? "Es muss einfach passen", sagt Resi über dieses unerklärliche Gefühl, wenn der Funke überspringt. Der sollte allerdings ein Feuer entfachen, Sparflamme reicht nicht. "Wenn wir gemerkt haben, dass da welche so etepetete waren, haben wir die nicht aufgenommen. Wir sind ja nicht die High Society", ergänzt Hilde.

Als Nächstes ist Christel dran, sie ist seit 30 Jahren dabei. Ihre gerade geworfene Kugel bringt die drei in der Mitte hintereinanderstehenden Kegel zu Fall, "Stina" nennt sich dieses Bild. Christel hat in der Gruppe die Rolle der Versorgerin inne, notiert laufend die Getränke- und Essenswünsche der anderen und leitet sie per rotem Wandtelefon direkt nach oben an die Theke weiter.

Nun greift sich Liesel eine Kugel. Sie ist zwar Gastkeglerin, aber trotzdem ziemlich zuverlässig alle zwei Wochen da. Warum sie immer wiederkommt? "Weil’s Spaß macht mit denen. Guck sie dir doch an", sagt sie und deutet Richtung Hilde und Resi. Die Freundinnen hauen sich gerade mal wieder Sprüche um die Ohren. Weil die sechs Frauen insgesamt aber so viel Lärm machen, als würde hier eine Schulklasse mit 30 Kindern herumturnen, bekommt man davon nur Bruchstücke mit: "… du Flatterbacke …", „… wie im Irrenhaus …" – das geht den ganzen Abend so. Ein Comedyduo, einfach zum Kugeln.

Die Kegeltour ist ein Pflichttermin

Liesel wirft derweil einen Pudel, eine Gosse oder wie es hier genannt wird: eine Kalle. Den anderen teilt sie auch gleich den Grund dafür mit: Krampf im Bein. Es folgt ein kollektiver Austausch über Wehwehchen. Zumindest so lange, bis Resi zur Ordnung aufruft: "Hilde, hör auf zu schwatzen und kegel." Die entgegnet: "Stress mich nicht, dat ist ein Gasthaus, kein Treibhaus." Bei Hilde gehen dann drei der knallgelben Kegel zu Boden, bei Resi, die gleich danach dran ist, fallen sechs Stück um, die Leuchttafel zeigt aber nur fünf an. Das macht bei den Frauen gleich ein neues Thema auf: Technik, auf die kein Verlass ist.

Worauf man sich jedoch verlassen kann: die Kegeltour am letzten September-Wochenende. Pflichttermin – wer nicht kann, braucht eine gute Entschuldigung. "Ich bin ein einziges Mal nicht mitgefahren. Entweder habe ich da gerade meine Kneipe aufgemacht oder ein Kind gekriegt", erzählt Hilde.

Einige Umdrehungen und Kegelrunden später wird eine Pause ein-gelegt. Zur Stärkung kommt Lachs auf den Tisch, dazu ein paar Kölsch. "Der Fisch muss ja schwimmen", sagt Hilde. Brüllendes Gelächter. Margret fragt, wie es dem Käthchen gehe. Käthe war mehr als zehn Jahre dabei, eine Hüft-OP mit Komplikationen warf sie aus der Bahn. Hilde weiß Bescheid und berichtet: "Sie sitzt noch im Rollstuhl. Ich hab ihr gesagt: Schwing bald mal wieder die Hüfte, wir warten auf dich."

Die Königspartie kommt zum Schluss

Letzter Programmpunkt: die Königspartie. Dabei müssen Runde für Runde andere Kegelbilder abgeräumt werden. Die umgefallenen Kegel addiert man, und wer am Ende die höchste Punktzahl hat, bekommt die Königinkette – zumindest für die nächsten zwei Wochen. Sie müssen Gas geben, um 20 Uhr ist die nächste Truppe dran. Kugel um Kugel rollt über die Bahn, dann rechnet die Präsidentin ab. Das Ergebnis: ein Stechen zwischen Hilde und Karin. Das heißt: jeweils zwei Würfe auf die Stina.

Hilde bringt einen Kegel zu Fall, Karin zwei. Die Siegerin steht fest. Die anderen springen auf wie Cheerleader, die den Mannschaftssieg feiern. Resi legt Karin die Kette um, Gratulationsgedrücke, und dann runter von der Bahn. Das Spiel ist aus, doch der Abend noch lange nicht vorbei.

Marlene Kohring kann sich vorstellen, irgendwann von Hamburg nach Köln zu ziehen. Die Leute dort, hach

Barbara

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