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Komplimente Das machen sie mit uns

Komplimente: Glückliche Frauen
© UfaBizPhoto / Shutterstock
Bekommen wir ein Kompliment, passiert so einiges in unseren Köpfen. Was das mit dem Selbstbild, Motivation und Sex zu tun hat, erklärt der Neurowissenschaftler Christoph Korn.

BARBARA: Herr Korn, Sie haben unter anderem untersucht, wie sich positive Rückmeldung auf den Empfänger auswirkt. Wie haben Sie das gemacht?

Christoph Korn: Für die Studie haben wir Personen zusammengebracht, die sich vorher nicht kannten. Sie mussten auf einer Skala von 1 bis 10 sich selbst und die anderen Teilnehmer einschätzen – also, wie höflich, aggressiv, herzlich bin ich und sind die anderen. Dann haben wir allen gezeigt, was die Teilnehmer über sie gesagt haben, und die Reaktionen in ihrem Gehirn im MRT verfolgt.

Was war in den Gehirnen los?

Erhalten Menschen ein Kompliment, also positive Rückmeldung, sind dieselben Belohnungszentren aktiv, die auch mit Geld, gutem Essen oder erotischen Bildern in Verbindung gebracht werden. Je positiver eine Charaktereigenschaft beurteilt wurde, umso stärker war die Aktivität in diesen Regionen.

Komplimente wirken wie Sex?

So einfach ist es nicht, denn wir können natürlich unterscheiden, ob wir gerade ein Kompliment bekommen oder Sex haben.

Was fanden Sie noch heraus?

Ist die Rückmeldung positiver als erwartet, ändern die meisten Menschen ihre Meinung über sich. Anders ist es, wenn die Rückmeldung negativer ist als erwartet.

Wir sind offener für Komplimente als für Kritik.

Ja, denn kommt ein bestimmtes Verhalten gut an, verfolgen wir es weiter. Kritik wehren wir eher ab. Die positiven Rückmeldungen werden stärker wahrgenommen, das nennt man eine "optimistische Tendenz".

Ist diese Selbstüberschätzung gut?

Wer sich im positiven Sinne überschätzt, wird möglicherweise härter arbeiten, intensiver trainieren, sich neuen Menschen und herausfordernden Situationen stellen. All dies kann positive Konsequenzen haben, die den anfänglichen Optimismus antreiben. Das Ergebnis ist ein sich selbst verstärkender positiver Kreislauf. Verschiedene Theorien gehen davon aus, dass das einen evolutionären Vorteil bringt.

Unterm Strich bringt Lob mich also mehr voran als Kritik?

Lob scheint zumindest oft stärker angenommen zu werden. Aber das heißt nicht, dass man nicht mehr kritisieren soll. Und es hängt natürlich auch davon ab, was der andere erwartet. Wenn ich zum Beispiel denke, dieses Interview war toll, so genial habe ich mich noch nie ausgedrückt, und Sie sagen, ja, war doch ganz okay, dann empfinde ich Ihr vermeintliches Kompliment geradezu als negativ. Es geht also immer auch um das Verhältnis.

Ein gutes Kompliment ist also …

… positiv und unerwartet. Es ist immer ein Vergleichen: Was erwarte ich, und was bekomme ich. Wenn ich jeden Tag von einem Kollegen ein Lob erhalte, dann wird das irgendwann zum Normalzustand. Bleibt das Lob aber aus, nehme ich die Diskrepanz zwischen meiner Erwartung und der Rückmeldung wahr. Das Gehirn verarbeitet ständig viele Arten von Diskrepanzen.

Wann noch?

Sogar wenn wir ein Bild anschauen, das gleichmäßig mit einer Farbe bemalt ist, dann beachten wir die Ränder, denn dort passiert plötzlich etwas. Hier ist das Bild, und da ist die Wand.

Das Gehirn nimmt Kontraste wahr.

Ähnliches passiert mit dem Unterschied zwischen Erwartungen und Wirklichkeit, siehe unsere eingangs beschriebene Studie.

Erkennen wir eigentlich ein Kompliment mit Hintergedanken?

Möglich, denn wer ein Kompliment erhält, möchte automatisch verstehen, warum er es bekommen hat. Komplimente aktivieren die Gehirnregionen, die für das sogenannte Mentalizing zuständig sind – also dafür, sich zu überlegen, was im Kopf des Gegenübers vorgeht, welches Ziel die andere Person verfolgt.

Manchmal klappt es trotzdem: Wenn man dem Eisverkäufer vor der Bestellung ein Kompliment macht, gibt’s zehn Prozent mehr Eis, hat die Uni Innsbruck herausgefunden.

Interessantes Studienergebnis! Ich würde ganz generell sagen, dass wir nicht immer merken, wenn eine Person aus egoistischen Gründen ein Kompliment macht.

Werde ich durch Lob eigentlich ein besserer Mensch?

Von Lob kann man lernen. Komplimente sind ein Signal für sozial erwünschtes Verhalten. Dabei macht es natürlich einen großen Unterschied, wofür ich gelobt werde. Meine Augenfarbe kann ich zum Beispiel nicht ändern.

Was hält uns davon ab, mehr zu loben?

Es ist anstrengend. Für ein wirksames, also überraschendes Kompliment muss man sich Gedanken machen. Nehmen wir noch einmal dieses Interview. Wenn ich darüber etwas Originelles sagen soll, reicht eben nicht: "Sie waren sehr nett und haben interessante Fragen gestellt."

Sondern?

Sie haben mich auf neue Gedanken gebracht, was man noch alles in diesem Bereich erforschen könnte. Das ist aber nett von Ihnen. Gern geschehen.

CHRISTOPH KORN, Juniorprofessor für Soziale Neurowissenschaften am Universitätsklinikum Heidelberg. 

BARBARA 53/2021

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