VG-Wort Pixel

Kopfkarussell Warum ich keinen Bock mehr habe, auf die Frage nach dem Beziehungsstatus zu antworten

Kopfkarussell: Warum ich keinen Bock mehr habe, auf die Frage nach dem Beziehungsstatus zu antworten
© Roquillo Tebar / Shutterstock
“Und? Was macht die Liebe?” Da ist sie wieder. Die Frage, die jede:r selbstverständlich stellt. Ob Arbeitskolleg:innen, Verwandte oder Bekannte, die man ewig nicht gesehen hat. Sie lauert überall.

Ich bin Single. Nicht erst seit 3 Monaten oder 2,5 Jahren. Ich bin seit 25 Jahren Single und sehe auch keine Beziehung am Horizont. Und diese Tatsache gibt den Menschen in meinem Umfeld das Gefühl, sie müssen meinen "Single-Status" kommentieren. Das fängt bei der Oma an, die fragt, wann ich denn endlich heiraten möchte (25 scheint in ihren Augen schon sehr spät zu sein), geht über zur Kindheitsfreundin, die bei jeder Kontaktaufnahme nur wissen will, ob es was "Neues" gibt und was das Liebesleben so macht und endet bei Bekannten, die den Single im Kreis entweder verkuppeln wollen oder vorschlagen, das Dating-Leben einfach mal auszuprobieren. Aber warum ist mein Beziehungsstatus so wichtig?

Manche Fragen sind einfach dumm

In unserer Gesellschaft sind die Rahmenbedingungen für ein "glückliches" Leben oft vorgegeben. Viele von uns entscheiden sich entweder für eine Karriere oder das Familienleben. Manche wollen und schaffen auch beides, wobei in meiner Kindheit und Teenagerzeit Ehefrau und Mutter zu sein ein höherer Stellenwert beigemessen wurde und die Karriere nur Plan B war, wenn eine Beziehung und damit die Familienplanung nicht zum Greifen nah waren.

Die Frage "Warum bist du noch Single?" ist einfach unangebracht und auch nicht sonderlich clever. Was soll man darauf antworten? "Wahrscheinlich, weil ich zu laut, leise, emotional oder bindungsunfähig bin?" Oder weil "ich mich immer in die falschen Menschen verliebe?" Die Frage ist meist genauso durchdacht wie flapsige Aussagen à la "Der:die Richtige kommt schon noch". 

Manchmal würde ich gerne genauso flapsige Rückfragen stellen. "Bist du wirklich glücklich in deiner Beziehung oder tust du nur so, damit dich keiner bemitleidet?" oder "Du bist auch manchmal einsam oder? Wenn dein Freund lieber mit seinen Jungs Fußball schaut als mit dir Zeit zu verbringen." Aber nein, ich beiße mir auf die Zunge und erspare mir die Diskussion.

Klischees, Klischees, Klischees

Wir kennen es alle: Die gängigen Geschichten von Single-Frauen in der Großstadt, die an jeder Straßenecke, in Cafés und bei der nächsten hippen Party den umwerfenden Typen treffen, mit dem es sofort funkt. Daraus entsteht natürlich ein Flirt, vielleicht auch eine Romanze, die mehr als drei Wochen andauert, mindestens aber eine gute, aufregende, ungezwungene Zeit. Trennen sich die Wege wieder, dauert es nicht lange, bis man den Nächsten trifft. Ja, so sehr ich Sex and the City auch liebe – Carrie Bradshaw und Co. haben das unerfüllbare Klischee eines Single-Alltags geprägt. Die Realität ist aber eine andere: Die meisten Singles von uns haben normale Jobs, schmeißen dann den Haushalt und swipen vielleicht noch ein bisschen auf Tinder rum oder treffen Freunde. Welchen Singles läuft wirklich regelmäßig ein potenzieller neuer Partner über den Weg? Also mir nicht! 

Können Singles etwa glücklich sein?

Obwohl Single sein mittlerweile oft als aufregend und"normaler" gilt, und es in den meisten Rom-Coms und Serien auch darum geht, als Single glücklich zu sein, ist die finale Destination am Ende trotzdem die Beziehung mit diesem tollen und aufregenden Mann oder der umwerfenden Frau. Ja klar, sind ja nur Serien und Filme – trotzdem stelle ich immer wieder fest, wie oft dieses romantisierte und völlig unrealistische Bild auf unseren Alltag und unsere Beziehungen projiziert wird. 
Nicht nur wegen des Drucks, endlich den Richtigen zu finden, auch wegen der engstirnigen Denkweise und den geistlosen Gesprächen verließ ich nach der Schulzeit meine Heimat. Auch dazu hatten meine Mitmenschen im Hinblick auf das Liebesleben jede Menge zu sagen. "Da gibt's mehr Auswahl. Wenn du in der Großstadt niemanden findest, dann weiß ich auch nicht", "Na, ziehst du um, weil es hier keinen Mann für dich gibt?"

Ich habe schon früh gemerkt, dass ich das Alleinsein schätze und dabei zur Ruhe kommen kann. Nach Abenden mit Freunden ist meine soziale Batterie schnell leer und wenn ich jeden meiner Tage unter der Woche verplane, bereue ich es spätestens am Mittwoch, weil ich mich nach meiner Couch, Comfort-Food und einer guten Serie sehne – nur für mich alleine. Trotzdem wird man als Frau oft schief angeschaut und belächelt, wenn man sich bei sich selbst und vor allem als Single wohl und vollständig fühlt. Das kann doch nicht sein? Das sagt sie doch nur, damit man sie nicht bemitleidet oder? Sie ändert ihre Meinung schon noch, wenn der Richtige erst mal da ist. Kann ich einfach mal ernst genommen werden? Danke!

Kein Bock auf Levels

Ganz ehrlich? Meinen Single-Status aufzugeben, wäre für mich zu diesem Zeitpunkt eine große Sache. Eben weil ich keinen Mann brauche, mein Leben allein auch vollständig und glücklich ist und ich absolut keine Lust auf belangloses Dating und Drama habe. Ich würde lügen, wenn ich sage, ich würde mich nicht auch mal nach einem Partner sehnen, will auch nicht das "Alle Männer sind scheiße"-Klischee bedienen, aber erwarte von meinem Leben mehr, als nur die Meilensteine abzuhaken oder Level durchzuspielen, um mit allen anderen auf dem gleichen Treppchen zu stehen: Single, vergeben, verheiratet, Kind, Kinder. Und wenn wir schon dabei sind, wo bleiben eigentlich Levels wie Selbstverwirklichung, Erfolg im Job, finanzielle Unabhängigkeit und so weiter?

Ich bin in diesen Leveln unterwegs, und bin nicht nur der Single. Das ist nicht mein Label, und ich wünsche mir, dass mehr Menschen über den Tellerrand schauen und anderen zugestehen, alles in ihrem eigenen Tempo machen zu dürfen. Ich wünsche mir ehrliche Fragen zu meinem Leben und dem, wie es mir gerade geht. Oder wenn man nichts Gewinnbringendes zu sagen hat – einfach mal die Klappe halten!

Ich genieße mein Leben. Ich date nicht viel, lerne nicht regelmäßig Männer kennen, sondern konzentriere mich viel auf meine persönliche Entwicklung. Ich reise alleine, treffe Entscheidungen aus mir heraus und bin zum Glück von niemandem anhängig. Ich beschere mir mein Glück ganz alleine. Außerdem kann ich einfach machen was ich will – was gibt's besseres? Ich bin nicht einsam, ich bin nur Single. Und ziemlich zufrieden damit, ehrlich. That's it.

Wir sind mehr?!

All die unbedachten Kommentare über meinen Single-Status prallen mittlerweile von mir ab. Mich verletzt es nicht mehr, wenn ich auf den Beziehungsstatus reduziert werde, ständig gefragt werde, warum ich noch Single bin und mich nicht doch einfach nur einsam fühle. Mir macht es nichts mehr aus. Ich bin einfach nur genervt davon!
Aber was ist mit den anderen Frauen, die damit vielleicht weniger locker umgehen? Die ehrlich traurig um ihren Beziehungsstatus sind? Und überhaupt, warum muss das ständig zum Thema gemacht werden? Ich frage mich dann immer: "Ist mein Beziehungsstatus das Wichtigste in meinem Leben"? Und weiß die Antwort eigentlich schon. Wir sind mehr, können mehr und wollen wahrscheinlich auch mehr. Warum können wir alle nicht einfach auf dieses dumme Label scheißen?

Barbara

Mehr zum Thema

Mehr Barbara ...