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Krankenschwester bittet: "Lasst uns erst nach der Krise um Gehalt kämpfen!"

Krankenschwester bittet: "Lasst uns erst nach der Krise um Gehalt kämpfen!"
© Getty Images
Das Netz ist in diesen Tagen voller Petitionen und Forderungen nach besserem Gehalt für Pflegekräfte. Teresa, Krankenschwester einer Zentralen Notaufnahme in Baden-Württemberg bittet ihre Kollegen, den Zeitpunkt für diese Kämpfe zu verschieben: "Wir brauchen unsere Energie jetzt woanders!"
Protokoll: Miriam Kühnel

Ich bin Krankenschwester. Eine von denen, die vor Corona laut protestiert haben gegen die Sparmaßnahmen, die tägliche Arbeitsbelastung und all die anderen Missstände, die in unserem Beruf immer drastischer wurden. Ich habe mit der Presse geredet, habe Petitionen unterschrieben und wütende Briefe an das Gesundheitsministerium geschrieben. Wie gesagt... VOR Corona.

Jetzt aber, in diesen Zeiten, bin ich ruhig geworden. Ich ignoriere all die wütenden Facebook-Posts meiner Kollegen, ich unterschreibe nicht die Forderung nach einer sofortigen Gehaltserhöhung und ich suhle mich nicht in dem Gefühl, dass "die da oben" sich jetzt mal hübsch wundern werden. Ich finde, es gibt Zeiten, in denen man für sich selbst und die eigene Berufsgruppe kämpfen sollte. Und dann gibt es Zeiten wie diese, in denen wir einfach unser Bestes geben sollten, zu einem höheren Zweck. Ja, wir geben unser Bestes vielleicht etwas mehr "an der Front" als einige andere Berufsgruppen. Aber gerade deshalb können genau wir - wenn ihr mich fragt - keine Nebenkriegsschauplätze gebrauchen. 

Eine geschwächte Armee

Es ist wahr, wir sind eine geschwächte Armee im Kampf gegen Corona. Und ja, das haben wir einer Sparpolitik zu verdanken, die unverantwortlich war. Aber jetzt müssen wir die Schlacht kämpfen. Nicht für die Politiker, sondern für jede Oma, jeden Opa, jede Schwester, jeden Bruder, jeden Partner da draußen und für all die anderen, denen Corona zur Gefahr werden kann. Das sind viele, auch viele, die es jetzt noch nicht ahnen, wahrscheinlich auch der und die ein oder andere von uns. Nennt mich dumm oder devot... ich nenne mich pragmatisch. Denn ich glaube, die Medien arbeiten ganz von selbst für uns, während wir für die Menschen arbeiten. Wir müssen uns in diesen Zeiten nicht brüsten, nicht beschweren, nichts fordern. Niemand wird drumherum kommen, nach Corona auch im Gesundheitssystem aufzuräumen. Und dann werde ich wieder wie eine Löwin in der ersten Reihe stehen und mich mit all meiner Kraft einsetzen für ein Arbeitsumfeld, in dem wir unseren Job endlich wieder so machen können, wie er sein sollte. Mit Zeit für ein paar tröstende Worte, mit Urlaub, in dem man nicht zurückgepfiffen wird und mit einem Gehalt, das der Anstrengung angemessen ist. Dass erste Schritte in diese Richtung getan werden, sehen wir ja gerade. Ich finde es auch schlimm, dass das hier erst passieren musste, um die Mächtigen aufzurütteln. Aber ich vergeude meine Energie gerade sicher nicht mit Wut über mein Gehalt. Was ich aktuell fordere sind: kluge Entscheidungen in der Krise und (ganz wichtig!!!) endlich sichere Schutzkleidung für uns und die Ärzte.

Lasst uns Haltung bewahren

Wenn ich in den sozialen Medien in diesen Tagen Sätze sehe wie "Wir brauchen keinen Applaus, wir brauchen mehr Geld", dann schäme ich mich. Die Menschen, die uns applaudieren, die haben nie über unsere Gehälter und Arbeitsumstände entschieden. Es sind Menschen, die uns ihre Solidarität bekunden. Diese Solidarität zurückzuweisen, empfinde ich – verzeiht mir – als stillos. Also, an alle da draußen, die klatschen, uns Care-Pakete vor die Tür stellen oder anbieten, unsere Hunde auszuführen... DANKE! Ich bin mir sicher: Die Mehrheit von uns weiß das sehr zu schätzen. Und an all meine Kollegen, die ihren Ärger öffentlich ausdrücken: Ja, ihr habt Recht, es gibt so viele Gründe, wütend zu sein. Aber ich denke, jetzt gibt es noch mehr Gründe, diese Wut auf später zu verschieben und die Anerkennung der Gesellschaft als etwas Positives zu sehen. Wir brauchen jetzt alle guten Vibes, die wir kriegen können, um das hier zu meistern. Danach bin ich auch wieder dabei bei der Revolte, versprochen!!! Jetzt lasst uns da sein für die anderen... ich bin mir sicher, die anderen stehen dann auch nach Corona noch geschlossen hinter uns! 


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