Enkel von Kriegskindern: Wie der 2. Weltkrieg auch uns geprägt hat

Der 2. Weltkrieg war schon lange vorbei, als wir das Licht der Welt erblickten. Und trotzdem ist unsere Autorin sich mittlerweile sicher, dass dieser Krieg auch in unserem Leben Spuren hinterlassen hat und wird.

Ich bin in den frühen 80ern geboren, also fast 40 Jahre nach Kriegsende. Deshalb habe ich auch nie darüber nachgedacht, ob der Krieg irgendeinen Einfluss auf mich und mein Leben hatte. Natürlich kannte ich die Geschichten, die meine Oma erzählte. Und ja, wir hatten im Geschichts- und Deutschunterricht eine Menge über den Nationalsozialismus und den Krieg gelernt. Aber das war doch alles gefühlt immer sehr weit weg. Viele Jahre und mehr als eine Generation weit weg.

Bis in meiner Familie an diesem Weihnachten plötzlich eine Fassade zu Boden bröckelte, die wir bis jetzt feinsäuberlich aufrecht erhalten hatten. Am Tisch saßen meine Eltern, mein 40-jähriger Bruder, seine Tochter und meine 90-jährige Oma. Ich weiß nicht mehr genau, wie es kam, aber plötzlich krachte eine Welle aus Vorwürfen meines Bruders auf meine Eltern ein. Besonders hart traf es meinen Vater. Er habe seine Liebe nie zeigen können. Er habe nicht verstanden, was ein Kind brauche. Seinetwegen sei es immer noch schwierig für uns Kinder, Vertrauen in uns selbst zu haben. Ich versuchte, alles zu relativieren. Aber mein Bruder bebte vor lange versteckter Verletztheit, sein Körper zitterte vor Wut und mein Vater wusste nicht, wie ihm geschah. Bis meine Oma plötzlich leise und mit gebrochener Stimme sagte: "Es ist nicht seine Schuld. Es war der Krieg."

Mein Vater – Kind traumatisierter Eltern

Wir schauten irritiert meine Oma an. Und sie fing an zu erzählen. Diesmal nicht ihre eigene Geschichte, sondern die ihres eigenen Sohnes, meinem Vater. Davon, dass sein Vater, also unser Opa, seine Schuldgefühle als ehemaliger Soldat im Alkohol zu ertränken versuchte. Von ihrer eigenen Unfähigkeit, die Kindlichkeit ihrer Kinder zu lieben, weil sie selbst von den Nazis um ihre Kindheit betrogen worden war. "Wenn dein Vater nicht gespurt hat, dann hats was gesetzt! Der hatte zu funktionieren", erzählte sie meinem Bruder, ohne ihrem mittlerweile über 60-jährigen Sohn dabei in die Augen sehen zu können. Heute wisse sie nicht mehr, warum sie die Not meines Vaters früher nicht gesehen habe. Warum seine Tränen und sein kindlicher Hunger nach Zuneigung sie nicht berührt hatten. Da sei viel verquer in ihr gewesen. Und vieles einfach an ihr vorbeigezogen. "Ich schätze, ich habe erst durch den Umgang eurer Mutter mit euch gesehen, was ich ihm damals verweigert habe. Wie man seine Liebe zeigt, das konnten Opa und ich ihm nicht beibringen. Wir wussten es selber nicht."

Die Würde der Menschlichkeit

Es wurde ein langer und emotionaler Abend mit vielen Tränen und vielen Einsichten. Und noch immer wirkt er nach. Die so lange brodelnden Emotionen meines Bruders hatten uns vor eine große Herausforderung als Familie gestellt, die letzten Endes auch die große Chance barg, uns gegenseitig und uns selbst besser zu verstehen. Wir sprechen seither in den unterschiedlichsten Konstellationen über unsere Ängste, unsere Erinnerungen, unsere Kindheit und all das, was wir geschenkt bekommen hatten und was uns verwehrt wurde. Ich glaube, dass der Prozess, den mein Bruder ausgelöst hat, noch nicht zu Ende ist. Doch schon jetzt kristallisiert sich immer mehr heraus, wie logisch unsere Leben verwoben sind. Wie abhängig Kinder von den Kompetenzen der eigenen Eltern sind. Dass viele der groben Unzulänglichkeiten unserer Eltern und Großeltern, und ja, auch unsere eigenen, immer wieder in einer Zeit münden, in der die Würde unserer Menschlichkeit mit Füßen getreten wurde. Wir brauchten und brauchen offensichtlich mehr als eine Generation, um über diese Zeit hinwegzukommen.

Sind wir alle Opfer?

Es wäre wirklich einfach, sich jetzt in eine Opferrolle fallen zu lassen und alles, was einen so stört, auf ein generationsübergreifendes Kriegstrauma zu schieben. Aber was würde es uns bringen? Viel sinnvoller ist es doch, so wie mein Bruder (bloß vielleicht nicht ganz so impulsiv und besser nicht ausgerechnet an Weihnachten) Gespräche anzustoßen, die die schöne Fassade bröckeln lassen. Auch die der eher verschlossenen Kriegsgeneration. Es geht ja nicht darum, alles zu entschuldigen, was falsch gelaufen ist in der Erziehung. Da muss schon jeder die Verantwortung für sein Handeln als Elternteil übernehmen und ja, vielleicht sollte und darf man da auch den eigenen Eltern gegenüber mal deutlich sagen, wie es sich angefühlt hat oder noch immer anfühlt. Aber ich für meinen Teil habe bemerkt, wieviel Frieden es einem gibt, Mitgefühl zu haben mit den eigenen Eltern und Großeltern.

Wir haben es in der Hand

Noch nie war ich meinem Vater so nah wie in dem Moment, in dem er uns erzählte, wie schuldig er sich als Kind fühlte, wenn es meinem Opa schlecht ging. Wie er als Vierjähriger versucht hat, seinen Papa aufzumuntern und mit besonders bravem Verhalten glücklich zu machen. Ohne Erfolg. Mein Vater war zu klein und die Schuldgefühle meines Opas zu groß. Ich sehe meinen Vater seither jedenfalls mit etwas anderen Augen. Ich begreife, warum er uns nicht der leichtfüßig fröhliche Papa sein konnte, den wir uns gewünscht hätten. Und wer weiß: Vielleicht sind Bewusstsein und Verständnis die ersten und wichtigsten Schritte zur Heilung der eigenen Wunden. Deshalb haben wir beschlossen, in unserer Familie nie wieder unsere Gefühle unter den Teppich zu kehren. Nicht zuletzt, um den Urenkeln der Kriegskinder kein Päckchen weiterzugeben, das auf ihrem Rücken nichts zu suchen hat. Wir sollten unseren Kindern selbst sein, was wir uns von unseren Eltern gewünscht hätten, anstatt uns herauszureden. Denn der Krieg ist lange vorbei und die Schatten der Vergangenheit sollten nicht noch länger werden. Es liegt allein in unserer Hand.