Krimis schreiben
: Wie geht das eigentlich?
 Jilliane Hoffman im Interview

Knallharte Staatsanwältin, Bestseller-Autorin und Mutter - und trotzdem sei das Schönste am Erfolg, sich teure Schuhe kaufen zu können. Jilliane Hoffman ist nicht nur selbst eine Powerfrau, sondern beschreibt auch in ihren Thrillern Frauen als die toughen Ermittlerinnen. Ein spannendes Interview aus dem Crime-Magazin. 

von Mirijam Trunk

Crime: Frau Hoffman, die Hauptfigur in Ihren ersten drei Büchern ist die Staatsanwältin C. J. Townsend. Sie lebt und arbeitet in Miami, hat in New York Jura studiert – genau wie Sie.

Jilianne Hofmann: Ich habe ihr Leben tatsächlich zu Teilen aus meinen eigenen Erfahrungen gebaut. Das mache ich oft – beinahe alle meine Figuren sind von Menschen inspiriert, die ich persönlich kenne.

Sind die Ereignisse, die Sie in Ihren Büchern beschreiben, reale Fälle aus Ihrer Arbeit?

Nicht unbedingt. Die Idee zu „Cupido“ kam mir aber tatsächlich, als ich als Staatsanwältin einem Mann gegenüberstand, der sieben Frauen brutal vergewaltigt hatte. Ich beobachtete eines der Mädchen, wie es zitternd vor Angst mit der eigenen Aussage haderte. Und da dachte ich: Was, wenn dieses Mädchen an meiner Stelle stehen könnte, die Person sein könnte, die ihren Peiniger zur Rechenschaft zieht? Später habe ich aus dieser Konstellation „Cupido“ entwickelt. Bei meinen anderen Büchern ist es meist so, dass ich eine Idee habe und die dann weiter ausbaue.

Wie dicht bleiben Sie an der Realität?

Mir ist sehr wichtig, dass alles, was ich schreibe, genau so hätte passieren können. Vor allem wenn es um die rechtliche Seite geht, das ist ja schließlich mein Metier. Ich besuche alle Orte, von denen ich schreibe. Und wenn ich mich in einem Rechtsgebiet nicht so gut auskenne, dann arbeite ich mich noch einmal ein. Mein Anspruch ist, dass das, was ich schreibe, fachlich richtig ist.

Sie haben einmal gesagt, Sie wollten mit Ihren Büchern nicht nur unterhalten, sondern auch bilden.

Ja, und eben deshalb muss alles zu 100 Prozent stimmen. Wenn ich einen Roman lese, zum Beispiel über einen Polizisten, und der Autor verwendet einen Fachbegriff falsch, dann verliere ich sofort den Respekt und denke mir: Der hat doch keine Ahnung, wovon er da schreibt.

Sie haben in Florida fünf Jahre lang als Staatsanwältin gearbeitet und danach fünf weitere Jahre als Ermittlerin. Damals gehörten Sie der Untersuchungskommission an, die sich mit dem Mord an Gianni Versace aus dem Jahr 1997 beschäftigte.

Alle Augen waren in dieser Zeit auf Florida gerichtet. Nicht nur, weil es um Versace ging. Sondern auch, weil er von einem Serienkiller erschossen worden war.

In Ihren Büchern sind die Mörder immer Serienkiller. Warum eigentlich? Reicht nicht auch ein „normaler“ Täter?

Diese Art von Mördern fasziniert mich einfach. Ich glaube, es ist der Gedanke, dass jemand so durch und durch böse sein kann, der mich nicht loslässt. Und: Die Serienmörder sind am schwersten zu fassen. Sie handeln nicht aus einem Affekt heraus und sind meist ziemlich clever. In der Realität sind sie aber ziemlich selten. 90 Prozent aller Straftaten werden von Menschen begangen, die das Opfer kannte. Als Ermittler schaut man also erst einmal im Umfeld des Opfers. Wenn man da nichts findet, hat man es meist mit einem Raubmord oder Ähnlichem zu tun. Nur ein knappes Prozent aller Morde wird von Serienkillern begangen. Von Menschen, die von Natur aus unfassbar böse sind, weil sie einfach Lust am Töten haben.

Was für Deutsche befremdlich wirkt: In Ihren Büchern erregen die Fälle stets großes Medieninteresse, sind Kameraleute im Gerichtssaal präsent. 

Ich finde es faszinierend, wie die Medien in Amerika einen Prozess beeinflussen können. Die Dynamik ist für uns als Strafverteidiger oder Ermittler völlig unvorhersehbar. Man weiß nie, welcher Fall das öffentliche Interesse erweckt. Einmal hatte ich einen zwölfjährigen Jungen, der ein Serienkiller werden wollte. Er hatte seinen Mitschüler kaltblütig in der Schultoilette getötet, indem er ihm die Kehle aufschlitzte. Weitere Taten waren geplant. Doch: Niemanden interessierte es. Dann gab es eine Mutter in Florida, die ihre zweijährige Tochter getötet hatte. Die Kameras aus dem ganzen Land waren im Gerichtssaal. In dem Buch, an dem ich gerade arbeite, beschäftige ich mich mit der Frage: Was erregt öffentliches Interesse, und welche Rolle spielt die Presse?

Hat das Medieninteresse einen Einfluss darauf, wie der Prozess ausgeht?

Absolut. Die Presse ist eine dritte Partei im Prozess. In meinem letzten Buch „Samariter“ beschreibe ich aus der Sicht einer Zeugin, wie der öffentliche Druck wirkt. Die Öffentlichkeit kann beeinflussen, wie Geschworene denken. Manche Menschen wollen unbedingt als Schöffen auf die Geschworenenbank, wenn der Fall großes Medieninteresse verspricht – sie lügen sogar bei ihrer Vereidigung. Der Richter kann sich leicht auf dem Präsentierteller fühlen. Die Verteidigung fährt eine extra große Show auf, um die Öffentlichkeit zu beeindrucken. Und das kann auf die Staatsanwaltschaft zusätzlichen Druck ausüben. Ich erinnere nur an den Prozess um O. J. Simpson. Da hat die Öffentlichkeit eine ganz wichtige Rolle gespielt.

Die Mörder sind in Ihren Büchern meist unglaublich gut aussehende Typen. Ist das nicht ein Klischee?

Das ist noch so eine Sache, die mich fasziniert: Gutes Aussehen ist das absolut Entwaffnendste. Weil jeder denkt, die schlimmen Typen riechen streng, haben drei Augen und gelbe Zähne. Aber in der Realität stimmt das nicht. Ted Bundy, zum Beispiel, hat in den 70er Jahren fast 30 junge Frauen in verschiedenen Bundesstaaten getötet. Er war ein Jurastudent, wahnsinnig gut aussehend und blitzgescheit. An ihn denke ich oft, wenn ich meine Mörder erschaffe, nicht weil ich ihn bewundern würde, sondern weil er mich auf gewisse Art fasziniert hat. Seine Masche war, dass er sich den Arm in eine Schlinge steckte und junge Frauen bat, ihm beim Einladen seiner Einkäufe zu helfen. Ein attraktiver, junger Mann, höflich und eloquent – würden Sie ihm helfen, wenn er Sie bittet?

Vermutlich schon.

Sie wären in seinem Kofferraum gelandet. Und später umgebracht worden. Genau das finde ich so faszinierend: dass wir vom Äußerlichen ausgehend Entscheidungen treffen. Und wenn wir dann merken, dass wir falsch liegen, ist es zu spät. Deshalb sage ich: Steigen Sie niemals zu einem Fremden ins Auto, und trauen Sie keinem gut aussehenden Menschen. (lacht)

In Ihren Romanen beschreiben Sie immer wieder Situationen aus der Perspektive des Killers. Wie schaffen Sie es, das so glaubwürdig wirken zu lassen?

Zum einen kenne ich das aus meiner Arbeit als Ermittlerin. Man muss versuchen, sich in den Täter hineinzuversetzen, um zu wissen, was seine nächsten Schritte sein könnten. Auch als Staatsanwältin ist das wichtig. Da bekommt man zwar den Fall, quasi als fertiges Puzzle, von den Ermittlern geliefert – doch man muss immer noch ein Bild für die Geschworenen und den Richter zeichnen. Außerdem: Gerade weil die Mörder in meinen Büchern Serienkiller sind, finde ich es gut, mich als Autorin in ihren Kopf zu versetzen. Sie sind in der Geschichte die Einzigen, die klar sehen – für alle Außenstehenden ist das, was sie tun, einfach nur krank.

In „Cupido“ beschreiben Sie gleich in den ersten Kapiteln, wie die spätere Staatsanwältin C. J. Townsend brutal vergewaltigt wird ...

 ... was mir zum Glück selbst nie passiert ist. Hier unterscheiden meine Romanfigur C. J. und ich uns, trotz der augenscheinlichen Parallelen.

Sie beschreiben die Vergewaltigung sowohl aus der Perspektive des Täters als auch aus der von C. J. Warum so detailreich? Musste das sein?

Ursprünglich wollte ich nach der Vergewaltigung ansetzen. Doch dann dachte ich: Es ist wichtig für den Leser, nachzuvollziehen, was der Romanfigur Furchtbares passiert ist, damit er später verstehen kann, warum sie so handelt, wie sie handelt.

Vergewaltigung ist ein immer wiederkehrendes Element in Ihren Büchern. Warum?

Serienkiller neigen – prototypisch gesprochen – zu sexuellem Sadismus. Und ich schreibe ja nicht nur Mordromane, sondern Thriller. Um den Thrill in „Thriller“ zu bringen, muss man manchmal ein bisschen weiter gehen. So ist das nun mal. Außerdem denke ich, Vergewaltigung ist so abscheulich, dass der Mörder in den Augen meiner Leser noch ein bisschen verabscheuungswürdiger wird. Sie können also mitfühlen, wie die Figuren empfinden.

Es drängt sich der Gedanke auf, dass Sie durch Ihre früheren Jobs ziemlich abgehärtet und nicht mehr so sensibel für die Brutalität solcher Situationen sind.

Es ist tatsächlich schwer, mich zu schocken, auch, weil ich in meinem beruflichen Alltag mit so vielen Gewaltverbrechen zu tun hatte. Aber das ist auch ein gesellschaftliches Phänomen. Wenn ich schreibe: Sie wurde vergewaltigt. Was bedeutet das noch? Es ist nur ein Wort. Und das allein hat heute nur noch wenig Wirkung. Um wirklich zu verstehen, warum C. J. Townsend in „Cupido“ nach der Vergewaltigung nicht mehr die Alte war, musste ich den Leser mit ins Schlafzimmer nehmen, während sie angegriffen wurde.

C. J. und ihr Angreifer bleiben auf unheimliche Art verbunden, selbst nachdem er verurteilt wurde. Kennen Sie das, dass Sie ein mutmaßlicher Straftäter, den Sie angeklagt haben, im Geiste weiter verfolgte?

Ich habe Hunderte von Straftätern angeklagt, und nur einige wenige sind mir im Gedächtnis geblieben: die wirklich und grundsätzlich Bösen – ich spreche von den Psychopathen. Psychopathen sind die gefährlichsten Verbrecher.

Warum?

Weil ihnen menschliche Emotionen und Regungen fremd sind. Sie fühlen nichts. Sie imitieren Mimik und Verhalten, um nicht aufzufallen. Wenn sie nicht gewalttätig wären, könnten sie einem leidtun. Aber wenn sie losziehen und eiskalt morden, dann sind sie der Inbegriff des Bösen. Und du weißt als Staatsanwalt, wenn du deinen Job nicht gut machst und sie freikommen lässt, dann werden sie es wieder tun. Diese Angeklagten verfolgten mich also nicht um meiner eigenen Sicherheit willen, sondern weil ich um die Verantwortung als Staatsanwältin wusste.

Haben Sie manchmal Angst, dass einer der Täter, zu deren Verurteilung Sie beigetragen haben, freikommt und sich rächen will? Sie haben das ja zum Beispiel in „Argus“ beschrieben.

Natürlich ist da immer eine Angst. Viele ehemalige Kollegen erhalten auch Drohbriefe und sogar Morddrohungen. Aber davon muss man sich frei machen.

Könnten Sie sich vorstellen, jemals wieder zurück zur Staatsanwaltschaft in Miami zu gehen?

Das wäre sehr schön. Aber ich glaube nicht, dass das möglich ist, nach den Büchern, die ich geschrieben habe. 

Warum nicht?

Ich habe in meinen Büchern auch über die moralischen Konflikte der Staatsanwaltschaft geschrieben. Man könnte mich fragen: War das rein erfunden, oder sind das Ihre eigenen Konflikte? Natürlich würde ich sagen, es war erfunden – aber es könnte dennoch Probleme geben, auch in Verfahren. Ich wäre angreifbar durch meine Bücher.

Warum haben Sie eigentlich den Beruf gewechselt? Sie wirken so, als wären Sie trotz aller Konflikte gern Staatsanwältin und Ermittlerin gewesen.

Ich hatte zwei kleine Kinder – und die Idee zu „Cupido“. Eine Weile habe ich versucht, parallel zu schreiben, als Ermittlerin zu arbeiten und die Kinder zu versorgen. Das wurde dann zu viel. Also habe ich mich entschieden, den Job zu kündigen und das Buch zu schreiben. Und ich bin sehr froh – meine Kinder sind mittlerweile aus dem Haus, ich konnte viel Zeit mit ihnen verbringen, wir haben eine tolle Beziehung. Das Schreiben gibt mir Freiheiten, die mir der Beruf als Staatsanwältin nicht geben konnte.

Sie haben ja sicher selbst viele Romane gelesen, bevor Sie anfingen zu schreiben. Wer sind Ihre literarischen Vorbilder?

Thomas Harris hat mich mit „Das Schweigen der Lämmer“ am meisten beeindruckt. Ich schätze auch John Grisham. Ich mag es, wenn man eigentlich trockene Themen – wie etwa das Recht – so verpackt, dass sie spannend werden. Und Stephen King bewundere ich. Ich habe mal gehört, er schreibe über seine Albträume. Zum Glück muss ich nicht neben dem schlafen.


Zur Person Jilliane Hoffman

Geboren 1967 in Long Island, studierte Jura in New York City. Sie arbeitete als stellvertretende Staatsanwältin in Miami und wechselte später zum „Florida Department of Law Enforcement“, einer Sonderbehörde für schwere Verbrechen. 2001 kündigte Hoffman, um ihren ersten Roman „Cupido“ zu schreiben, fünf weitere Bestseller folgten. Die Autorin hat zwei erwachsene Töchter und lebt mit ihrem Mann in Fort Lauderdale, Florida. 



Das Interview erschien im Magazin stern Crime Nr. 18 und wurde uns zur Veröffentlichung zur Verfügung gestellt.






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 Zu Besuch bei der amerikanischen "Cupido"-Bestsellerautorin Jilliane Hoffman
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