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Kussforscher Küssen: 4 Fragen an den Kussforscher

Küssen: Frau macht Kussmund
© Getty Images
Ein wenig mehr liebevolle Lippenbekenntnisse würden uns allen nicht schaden, meint der Kussforscher Wolfgang Krüger. Legen wir los…

Früher war alles anders

Als junges Mädchen empfand ich es als ultimatives Zeichen von Erwachsensein, mit meinem Freund für alle gut sichtbar zu knutschen. Gern mit Zunge. Damals verstand ich überhaupt nicht, warum meine Mutter mehrfach mit der flachen Hand auf den Tisch haute. Oder ältere Menschen mich unter anderem im Kölner Dom zurechtwiesen. Aber man konnte ja auch wirklich nicht voneinander lassen. Ständig musste die Hand im Gesicht des Angebeteten herumfummeln oder ihm irgendwie anders die unendliche Liebe übertragen werden. Heute verstehe ich, dass dieses Verhalten für Erwachsene kaum aushaltbar ist. Wenn ich junge Leute sehe, freue ich mich, wenn sie nur dezent Liebesbezeugungen und Körpersäfte austauschen. Wenn sich dagegen ein älteres Pärchen küsst, bin ich voll dabei. Letztens beobachtete ich zwei in die Jahre gekommene Turteltauben, die sich am Flughafen umarmten, küssten, streichelten. Sie hatten sich sogar füreinander schick gemacht. Sie im sehr kurzen Rock, der ein bisschen zu eng war, dazu eine glänzende Strumpfhose. Er mit einem bedruckten T-Shirt und lustigen Jeans. Die beiden erlebten offensichtlich nicht nur erotisch ihren zweiten Frühling. Ich fieberte förmlich mit, welche Körperstelle als Nächstes bearbeitet werden würde. Wohlgemerkt: All das am Abfluggate Richtung Stuttgart. Ich habe mir dann auch mal eine glänzende Strumpfhose besorgt. Mal sehen, was passiert.

Was passiert in Kopf, Körper und Herz, wenn sich Lippen treffen?

Durch die intensive Nähe bei leidenschaftlichen Küssen geraten wir in einen Ausnahmezustand mit extrem hoher Hormonausschüttung, bei dem wir uns und den Partner intensiv spüren. Vor allem Glückshormone werden ausgeschüttet, während der Stresshormonpegel sinkt.

Also macht küssen einfach gesagt glücklich und gesund?

Ja, es verbessert nicht nur die Liebesbeziehung, sondern reduziert Stress, beschleunigt zudem den Stoffwechsel, und das Immunsystem wird durch den ausgetauschten Speichel gestärkt. Ganz nebenbei ist es auch Gesichtsgymnastik, die 34 Muskeln beansprucht.

Wo liegt Deutschland im knutschenden Ländervergleich?

Im Mittelfeld. Bis zum 70. Lebensjahr verbringen wir durchschnittlich 110000 Minuten mit dem Küssen. Dabei dauert der Kuss heute doppelt so lange wie vor 20 Jahren. Und trotzdem küssen wir ein Drittel weniger als unsere europäischen Nachbarn. Dabei "lohnt" es sich!

Wie meinen Sie das?

Küssen ist wichtig für die Partnerschaft. Lippen sind unser sinnlichstes Körperteil, spielen für die erotische Nähe einer Liebesbeziehung eine zentrale Rolle. Aber auch für die Kommunikation. Denn küssen ist Kommunikation. Tritt eine Entfremdung in der Partnerschaft ein, wird immer auch das intime Küssen eingestellt. Das ist leider meist ein schleichender Prozess.

DR. WOLFGANG KRÜGER ist Psychotherapeut. Näheres zum Thema steht in seinem Buch "Die erfüllte Sexualität".

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BARBARA 05/2020

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