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Ein kleiner Rausch, bitte?! Kurz vor dem 40. zum ersten Mal Hasch-Kekse: Ganz schlechte Idee! 

Frau mit Keks
© Westend61 / Getty Images
Unsere Autorin hat viele Abenteuer mitgenommen, bevor sie Mutter wurde. Nur so ein kleiner Haschrausch, der fehlte ihr noch im Portfolio. Den nachzuholen, entpuppte sich aber als gar nicht so einfach.
Sara Jessen

Nichts verpasst, keine Party ausgelassen…Eigentlich hatte ich immer das Gefühl, einiges mitgenommen zu haben, bevor sich Ehemann, Kinder und schließlich noch zwei Zwergkaninchen in den Mittelpunkt meines Lebens schoben. Und dennoch…diesen einen verpassten Moment gibt es doch. Alkohol ja, viel und oft. Aber Drogen? Noch nie! Als die Jungs damals im Abijahrgang gekifft haben, war mir das suspekt. Ich mochte keine Zigaretten, also fiel Kiffen aus. Aber so ein Haschkeks? Das wäre doch nochmal was, bevor die 40 auf der Geburtstagstorte steht.

Breaking Bad trifft Bad Moms

Alleine ist das doof, aber meine Freundinnen Ilka und Valerie sind auch interessiert. Und so steht der Plan: Wir essen gemeinsam Hasch-Kekse! Gesagt, getan, los geht’s? Äh Moment, wir wohnen in einer Kleinstadt vor den Toren Hamburgs, Amsterdam ist einen Tagestrip entfernt. „Kann man die im Internet bestellen?“, frage ich meine Freundinnen. Eher schwierig. Also selbst backen. Wollten wir nicht gerade den Mutti-Themen entfliehen??? Da will man ein Jugendabenteuer nachholen und schon steht man wieder in der Küche und mischt Zutaten wie Mehl, Zucker, Eier, Schokolade, Gras… Ach verdammt, das brauchen wir dann ja auch noch. Nur wo bekommt man das her? Ganz schön anstrengend, so eine Mutti-Rebellion. Ich bemühe eine Bekannte mit 19-jährigem Teenie-Sohn. Der hat da Quellen. Bedingung: Ich muss ihr vom Endprodukt etwas abgeben. Es gibt also noch mehr Drogen-Spätzünder auf der Suche nach dem Midlife-Kick. 

Drogen konsumiert man in der Großstadt

Das Gebäck ist fertig. Check! Und nun? Wann und vor allem wo soll das große Gelage denn nun stattfinden? Meine Freundin Ilka ist gerade frisch getrennt in die Mitte Hamburgs gezogen. Das passt! Drogen konsumiert man schließlich in der Großstadt, oder? Ich finde uns mittlerweile furchtbar unspontan und werde das Gefühl nicht los, dass man „sowas“ nicht „so“ macht. Aber nun ziehen wir das durch. 

Mutti bleibt Mutti

Die Kekse werden in der praktisch verschließbaren Tupperdose verpackt. Du bekommst die Mutti nicht aus der Mutti raus. Fehlt nur noch der feuchte Waschlappen in der zweiten Dose. So geht es für meine Freundin Valerie und mich mit der S-Bahn nach Hamburg. Ob uns die Mitfahrer in der Bahn wohl ansehen, was wir heute Verwegenes planen? Keiner beachtet uns. Bei Ilka angekommen, richten wir die Kekse dekorativ an. Soll ja auch Stil haben, unsere späte Drogenpremiere. 

Nicht so lustig wie geplant

Wir fangen an zu futtern und warten auf die Wirkung. Das kann dauern, habe ich mich vorab schlau gelesen. Also noch etwas Freundinnen-Talk: Ich berichte, dass Ilkas Ex nun mit seiner Neuen zusammenziehen will. Valerie fängt an, etwas debil und der Situation ziemlich unangemessen, zu kichern. Ilka ist sichtlich schockiert, was mich wundert. Schließlich hat sie ihn verlassen. Aber wir sind hier scheinbar nicht rational unterwegs. Die Wirkung des Gossips trifft auf die Wirkung der Droge: Ilka schwankt kreideweiß durch den Raum und redet zusammenhanglos. Valerie vergeht schlagartig das unpassende Kichern. Sorge und Angst stehen ihr ins Gesicht geschrieben. Sie faselt etwas von Herzrasen und hat nun das Gefühl, ihren Mann informieren zu müssen.  „Schatz, wir haben grade Drogen genommen“ Valeries Mann bringt gerade nichtsahnend die Kinder ins Bett und das Telefongespräch hört sich ungefähr so an:  „Ole, wir haben hier gerade Drogen genommen, uns geht’s nicht gut, das wollte ich Dir kurz sagen. Ich melde mich später nochmal!“  Danach tigert sie rastlos durch den Raum.  Ich sitze in meinem Stuhl, spüre keine Veränderung und beobachte fassungslos die skurrile Szenerie. Ich hatte mir alles so lustig vorgestellt. Dachte, das endet in haltlosem Gekicher, Träumereien, wilden Phantasiereisen. Ich wollte nach 20 Jahren das erste Mal wieder Austin Powers schauen - im Rausch vielleicht noch lustiger? 

Haschkekse? Leider nicht geil!

Und dann geht’s bei mir los: Ich spüre ein Kribbeln in den Füßen, eine Hitze, die bis in den Kopf steigt und auf einmal ebenso dieses furchtbare Herzrasen. Auch ich laufe nun rastlos in der Wohnung auf und ab. Dieser Drang, in Bewegung bleiben zu müssen, strengt unheimlich an. Im Hintergrund nehme ich dumpf war, wie Valerie nun telefonisch unsere Freundin Beate in die Wohnung beordert, um auf uns aufzupassen. Beate trifft gefühlte Stunden später mit einer Freundin ein. Valerie wird diese später noch für eine Drogenberaterin halten. Ilka lässt sich inzwischen über einem Eimer sitzend den Abend noch einmal durch den Kopf gehen. Immer wieder. Valerie wippt völlig irre vor und zurück und fragt sich wiederholt, ob das wohl jemals wieder aufhöre. Sie sieht sich den Rest ihres Lebens in der Psychiatrie, ihren Mann alleinerziehend. Beate - eher von der ängstlichen Sorte - beginnt, den Tatort zu reinigen. Die übrigen Kekse werden entsorgt - in einer Mülltonne mindestens 5 Häuser weiter , wie sie uns versichert. Ich fange an, nun doch alles etwas lustig zu finden. Aber keiner macht mit. Schade. 

Nächstes Mal lieber wieder Prosecco

Beate will jetzt lieber den Notarzt rufen, was ich gerade noch verhindern kann. Diese Peinlichkeit möchte ich uns nun wirklich ersparen. Also muss doch Ole ran. Er wird aus der Kleinstadt nach Hamburg beordert, um seine drogenumnachtete Frau und ihre Freundin abzuholen. Als er eintrifft, liegen wir völlig erschöpft im Wohnzimmer. Er findet‘s lustig, fängt an, Fotos zu schießen. Als er seiner Frau dann noch die Schuhe anziehen muss, ist auch er langsam müde. Gestützt werden wir ins Auto verfrachtet. Zurück in die Kleinstadt, zurück zu den Kindern, zurück in die heile Welt. Was ist uns da bloß eingefallen? Prosecco beim Italiener hätte es doch auch getan.

Barbara

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