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Die inneren Schubladen plündern Haben "männlich" und "weiblich" jetzt ausgedient?

Labels: Für manche Menschen sind sie enorm wichtig, andere empfinden sie als unnötig
Labels: Für manche Menschen sind sie enorm wichtig, andere empfinden sie als unnötig.
© Marcin / Adobe Stock
Hetero, homo, bi, nicht-binär, trans: Labels für Geschlechter und sexuelle Orientierung gibt es zuhauf. Manche sind davon überfordert, andere halten sie gar für unsinnig. Wir sprechen mit einer nicht-binären Person über ihre Wichtigkeit.

Labels umgeben uns: Wer von einem Rentner liest oder von einer Veganerin, der:die hat sogleich ein Bild vor Augen – das muss nicht der Realität entsprechen, schon gar nicht muss dieses Bild fair und reflektiert sein. Unser Gehirn liebt Schubladen und Kategorien, da kommen Labels (übersetzt: "Etikett" oder "Bezeichnung") gerade recht. Beispielsweise werden sie genutzt, um die eigene Sexualität und/oder das eigene Geschlecht zu beschreiben. 

Labels bieten einen Raum zum Austausch

Während Labels manchen Menschen eine gemeinsame Sprache geben, einen Raum, in dem sie sich austauschen können, fühlen sich andere überfordert. Pansexuell, genderfluid, agender – wer sich nicht mit solchen Begriffen auseinandersetzt, für den:die sind Labels keine gemeinsame Sprache, sondern schlicht verwirrend. 

Doch Labels haben ihre Berechtigung, sagt Luka*, eine nicht-binäre Person, mit der wir über Labels und ihre Bedeutung gesprochen haben – nicht nur im queeren Kontext.

BARBARA: Luka, welche Bedeutung haben Labels in deinem persönlichen Leben?

Luka: In meinem bisherigen Leben haben sie auf der Suche nach eigenen Teilidentitäten – also in diesem Fall in Bezug auf meine Geschlechtsidentität und sexuelle/romantische Orientierung – eine sehr wichtige Rolle gespielt. Das tun sie auch bis heute. Auf queertheoretischer Ebene habe ich mich privat und im Rahmen meines Studiums unter anderem auch mit ihnen beschäftigt. Labels waren und sind einfach sehr präsent und das in ganz unterschiedlicher Form: mal einengend und belastend, mal Türen öffnend und befreiend, mal haben sie Fragezeichen produziert, mal Antworten gegeben. 

BARBARA: Inwiefern haben sie dir in Bezug auf deine Identität geholfen?

Ab meiner Pubertät geriet ich durch das mir zugeordnete Label ("Mann") bezüglich meiner Geschlechtsidentität von einer inneren Krise in die nächste: Ich hatte ein Bild davon, was mit diesem Label verbunden zu sein schien – vor allem hatte ich das Gefühl, dass mein Umfeld sehr genaue Vorstellungen davon hatte, was ich in Verbindung mit diesem Label für Erwartungen zu erfüllen hatte. Mal konnte ich diesen Bildern nicht entsprechen, mal wollte ich es nicht – doch ich sah zu diesem Zeitpunkt keine Alternative für mich.

Vielleicht war das der Wendepunkt in meinem Leben, zumindest aber eine Art Neuanfang: nicht-binär, also weder männlich noch weiblich – bäm!

Das ging ca. zehn Jahre so, bis ich mit etwa Mitte 20 im Rahmen eines LGBTQ+-Gruppenworkshops in einem Buch von einer Vielzahl von Definitionen für Geschlechtsidentitäten las, die ich bis dahin nicht kannte. Unter anderem war der Begriff "non-binary" (zu Deutsch: nicht-binär) dabei – und ich war unfassbar erleichtert. Vielleicht war das der Wendepunkt in meinem Leben, zumindest aber eine Art Neuanfang: nicht-binär, also weder männlich noch weiblich – bäm! Für mich fühlt sich diese Bezeichnung sicherlich auch bis heute so passend an, weil sie vor allem eine Abgrenzung beschreibt. 

BARBARA: Inwiefern glaubst du, dass Labels über deine persönlichen Erfahrungen hinaus wichtig sind?

Für manche Menschen mögen Labels keine Rolle spielen, für andere dafür eine umso wichtigere. Und wiederum andere nehmen für sich keine wichtige Bedeutung von Labels wahr, fühlen sich dann aber doch irritiert, wenn sie etwa die sexuelle/romantische Orientierung und/oder Geschlechtsidentität einer Person aus ihrem Umfeld nicht richtig einordnen können oder sich diese ändert.

Eine wichtige Funktion ist sicherlich, dass Labels Menschen dabei helfen können, sich selbst – und auch gegebenenfalls immer wieder neu – zu finden. Diese Möglichkeit zu haben und zu sehen, ist für viele Menschen enorm wichtig, um wirklich sie selbst sein zu können und sich wohlzufühlen. Sie können Menschen auch zusammenbringen, was in Zeiten von Social Media einfacher denn je ist: Allein die Erkenntnis "Ich bin nicht der einzige Mensch, dem es so geht", kann unfassbar bestärkend und ermutigend sein. 

Aber es ist eben auch sehr individuell. Für viele Menschen haben Labels keine große Bedeutung, egal in welchem Bezug. Wobei das auch gerade bei den Menschen häufig der Fall ist, die den gesellschaftlichen Normen entsprechen. Für sie spielt es keine Rolle, weil sie mit ihrer Identität keine Irritationen auslösen, weniger in die Konfrontation gehen und auch gar nicht erst ihre Räume suchen und finden müssen, weil diese einfach als das "Gegebene" schon da sind. 

BARBARA: Inzwischen gibt es immer mehr Labels in Bezug auf die sexuelle Orientierung, Beziehungsformen und Geschlechtsidentitäten. Findest du, dass so etwas emotional Empfundenes durch Labels zu sehr durchdacht, rationalisiert und in Schubladen gedrängt wird?

Nein und ja. 

Nein, weil ich der Meinung bin, dass eine Person, die sich zum Beispiel mit ihrer eigenen Geschlechtsidentität auseinandersetzt, dies gar nicht zu sehr durchdenken, rationalisieren und in Schubladen stecken kann – solange es sich für eben diese Person richtig und wichtig anfühlt. Wenn, nennen wir die Person "Tom", jetzt feststellt, nicht-binär oder genderfluid zu sein, sich das dann aber vielleicht mit der Zeit ändert oder Tom sich nicht sicher ist, dann ist das alles wichtig für Tom. Hierbei geht es ausschließlich um Toms Wohl, und keiner anderen Person wird dadurch geschadet. Ich würde es also für vermessen halten, solche Optionen und Prozesse der Selbstverortung in irgendeiner Weise als "zu viel" zu bezeichnen.

Ja, weil in vielen Köpfen unserer Gesellschaft die Schubladen klar vorgegeben sind: Schon allein in Bezug auf die Geschlechtsidentität wird mit aller Kraft versucht, Menschen in männlich und weiblich einzuteilen. Mit dieser Einteilung gehen viele Vorstellungen, Erwartungen an Rollen und Aussehen und gesellschaftliche Vor- und Nachteile einher – ganz unabhängig vom Empfinden und der Selbstdefinition des individuellen Menschen. Das ist einer der Punkte, an dem ein ganz persönlicher, individuell zu erforschender und dementsprechend selbst zu bestimmender Teil eines Menschen durchaus zu sehr – von anderen Menschen – durchdacht, rationalisiert und in Schubladen gedrängt wird.

BARBARA: Für manche heterosexuelle cis Menschen (Menschen, die sich dem bei der Geburt zugeordneten Geschlecht zugehörig fühlen) sind queere Labels überfordernd oder gar frustrierend. Bist du solchen Menschen bereits begegnet? Wie gehst du mit dieser Haltung um?

Damit war ich schon des Öfteren konfrontiert, in ganz unterschiedlichen Situationen. Hierbei war für mich im Kopf immer sehr wichtig, dass es nicht meine Aufgabe sein muss, den Menschen diese Überforderung und den Frust zu nehmen oder ihnen irgendetwas zu erklären – dass ich das aber natürlich machen kann, wenn ich gerade die Energie habe und mir das wichtig ist. Hier aber klar gesagt: Niemand ist einem anderen Menschen diese Art von Erklärung oder "Rechenschaft" schuldig. Denn im Endeffekt ist das eigene Label eine persönliche Geschichte.

Es ist auch anstrengende Arbeit, sich an etwas zu gewöhnen, sich darauf einzulassen und sich damit auseinanderzusetzen.

Vermutlich ist häufig der Auslöser für die Irritation der Menschen, dass etwas ungewohnt ist, dass auf gewisse Weise mit festen Bildern wie der generell angenommen Heterosexualität und Binarität der Geschlechter gebrochen wird und dass es auch anstrengende Arbeit ist, sich an etwas zu gewöhnen, sich darauf einzulassen und sich damit auseinanderzusetzen. Das kann erst einmal überfordern und zeigt sich dann manches Mal vielleicht auch in laut geäußertem Unmut.

BARBARA: Labels zu der eigenen Geschlechtsidentität oder sexuellen Orientierung sind etwas sehr Persönliches und Individuelles. Einerseits geben Labels die Möglichkeit für einen Austausch unter Menschen, die ähnlich oder gleich empfinden. Gleichzeitig scheinen Menschen beim Thema queere Labels schnell (egal ob gewollt oder nicht) Grenzen zu überschreiten mit sehr taktlosen Nachfragen. Was sind hierzu deine Gedanken?

Das sehe ich genauso: Für viele Menschen ist der Austausch sehr wertvoll, gleichzeitig – und eben auch hier wohl wegen des Bruchs mit der Heteronormativität – kann es dafür sorgen, dass manche Personen massiv Grenzen im Umgang mit queeren Menschen überschreiten. Das mag teilweise aus bloßer Neugierde sein, weil viele mit queeren Themen wenige bis keine persönlichen Berührungspunkte haben.

"Auf wen stehst du? Mit wem schläfst du? Planst du eine Geschlechtsumwandlung?"

Ein überaus prägendes Erlebnis hatte ich an meinem neuen Arbeitsplatz im Gespräch mit einer meiner Vorgesetzten. Als meine Nicht-Binarität zum Thema wurde – weil mein Name nicht meinem Passnamen entspricht –, fragte sie: "Auf wen stehst du dann? Mit wem schläfst du dann?" Bei einem anderen Gespräch mit meinem Vorgesetzen kam zu dem Thema die Frage, ob ich eine Geschlechtsumwandlung plane. Das sind massive Grenzüberschreitungen, das sind Fragen, die da absolut nicht hingehören und die nichts mit der Sache zu tun haben, auch nicht, wenn ich das Thema Nicht-Binarität selbst anspreche.

Auch abgesehen von diesen besonders einprägenden Situationen habe ich im Alltag ständig solche Momente. Es ist sehr wichtig dabei, die eigene Grenze deutlich zu ziehen, auch wenn das so leicht gesagt ist und viel Energie kostet. Und manches Mal – wie in dem Beispiel gerade – sehr komplex ist, allein hier in Bezug auf die Machtverhältnisse auf der Arbeit.

BARBARA: Label sind am Ende aller Tage fluid und eben keine Schubladen – wir verändern uns über die Jahre ständig und sind nicht mehr dieselben Menschen, die wir vor Jahren waren, allein in Bezug auf unsere Persönlichkeit. Warum sollte das für die sexuelle Orientierung, unsere Beziehungsformen und Geschlechtsidentität nicht auch gelten? Sind wir vielleicht am Ende genderfluid, fluidamor und fluidsexuell?

Ich stimme zu, dass Menschen im Laufe ihres Lebens einem stetigen Wandel unterliegen. Gleichzeitig können sich dadurch auch die Labels verändern, und das finde ich enorm wichtig, klar zu betonen: Die eigene Verortung, die Selbstdefinition, das ist alles nicht in Stein gemeißelt. Auch als gesellschaftliche Perspektive ist das enorm wichtig, dass sich etwas ändern kann – ob das nun 20 Jahre dauert oder ganz schnell geht.

Menschen sind im Wandel, und genauso können auch die Labels im Wandel sein.

Ich glaube allerdings nicht, dass wir alle genderfluid, fluidamor und fluidsexuell sind – dafür sind Menschen einfach zu unterschiedlich, und ich kann mir vorstellen, dass sich die Geschlechtsidentität und andere Faktoren für manche Menschen im Laufe ihres Lebens nie ändern. Man kann sicherlich darüber streiten, inwiefern das Potenzial da wäre, unter Umständen andere Begehrlichkeiten zu wecken, wenn es gesellschaftliche Norm für alle Menschen wäre, über den heteronormativen Tellerrand zu schauen. Klar ist: Menschen sind im Wandel, und genauso können auch die Labels im Wandel sein.

*Anm. d. Red.: Name von der Redaktion geändert.

Barbara

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