Transfusionen, Hormone, Kalorien zählen: 5 Schräge Methoden gegen den Verfall

Wissenschaftler suchen ständig nach Wegen, um Menschen länger jung zu halten. Wir haben uns fünf ungewöhnliche Optionen mal genauer angeguckt.

von Jessica Braun

Lass wachsen!

DIE METHODE

Injektionen mit dem Wachstumshormon HGH (Human Growth Hormone).

DIE WIRKUNG

Das Wachstumshormon HGH erreicht mit der Pubertät das höchste Level. Danach verliert der Mensch es nach und nach – wie seine Sehfähigkeit oder sein Verständnis für "TikTok". Beim Erwachsenen spendiert der Körper HGH vor allem noch nach dem Einschlafen oder dem Sport. Wenn man es spritzt, lässt es die Knochen wachsen: bei Kindern in die Länge, bei Erwachsenen gewinnen sie an Dicke. Weil es die Produktion von Eiweiß anregt, dem wichtigsten Muskelbaustoff, und zugleich den Fettabbau ankurbelt, ist es für Sportler hochinteressant – sich das Hormon zu verabreichen fällt jedoch unter Doping. HGH macht aber nicht nur muskulös und schlanker. Es kann auch den Thymus regenerieren – kein "Game of Thrones"-Charakter, sondern ein kleines Organ mit großem Einfluss auf das Immunsystem. Leider verfettet der Thymus mit dem Alter und schaltet ab. Die Folge: höhere Infektanfälligkeit und Autoimmunkrankheiten. Ein konkreter Versuch zeigt jedoch: HGH kann den Thymus wohl reaktivieren und so die biologische Uhr zurückdrehen.

DER AKTUELLE STAND

Bei neun Senioren wollen Wissenschaftler das nun geschafft haben. Sie verabreichten Freiwilligen HGH (und andere Stoffe). Neues Thymusgewebe wuchs. Folglich verjüngten sich die Probanden im Lauf eines Jahres körperlich um zweieinhalb Jahre: bessere Blutwerte, weniger Entzündungen. Einem Teilnehmer wuchsen statt grauer wieder dunkle Haare.

DAS KLEINGEDRUCKTE

Bei den (sehr wenigen) Probanden zeigten sich keine Nebenwirkungen. Ob der Effekt auch bei Frauen eintritt und sich dauerhaft aufrechterhalten lässt? Noch unbekannt. Aber die Studie hat Wissenschaftler weltweit in Aufregung versetzt.

JUNGBRUNNENEFFEKT ***

Blutsauger

DIE METHODE

Transfusionen mit dem Blut junger Menschen.

DIE WIRKUNG

Auf der Idee, dass junges Blut ein Mittel gegen das Altern sein könnte, basieren die meisten Vampirgeschichten: Sahen Tom Cruise und Brad Pitt in "Interview mit einem Vampir" nicht zum Anbeißen aus? Die Wissenschaft ist dieser Hypothese seit mehr als 150 Jahren auf der Spur. Im Labor werden alte und junge Mäuse dafür so zusammengenäht, dass das Blut der jungen durch die Körper der alten zirkuliert. Der grausame Versuchsaufbau brachte mal gute, mal weniger beeindruckende Ergebnisse: Forscher berichten, dass diese sogenannte Parabiose bei den alten Mäusen Leber, Muskeln und Gehirn revitalisiert. Sie suchen im jungen Blut nun nach Molekülen, auf die sich solche Anti-Aging-Effekte zurückführen lassen könnten.

DER AKTUELLE STAND

Nicht mal bei Mäusen ist klar, wie lange der Effekt, so es ihn gibt, denn anhält. Und was genau ihn verursacht. Denn Blutplasma besteht aus mehr als 10 000 Komponenten, von denen manche im Alter mehr, andere weniger werden. Warum? Weiß keiner. Am Menschen ist das Verfahren auch kaum untersucht. In einer ersten Studie zeigten sich bei mit menschlichem Plasma behandelten Alzheimer-Patienten nur wenige Verbesserungen in der Gedächtnisleistung – allerdings genug für die Forscherinnen und Forscher, um diesen Weg weiterzuverfolgen.

DAS KLEINGEDRUCKTE

Selbst wenn das Plasma nur für den Kampf gegen Alzheimer eingesetzt würde, gäbe es davon nicht genug. Die derzeitigen weltweiten Vorräte genügen nur für eine halbe Million der 15 Millionen Alzheimer-Patienten. Und für leichtsinnige Motorradfahrer muss auch noch etwas übrig bleiben. Ein geschäftstüchtiges US-Start-up bot allerdings bereits für teures Geld Transfusionen mit jugendlichem Blut an: Für 8000 Dollar erhielt man einen Liter Blut von Menschen zwischen 16 und 25 Jahren. Zwei Liter kosteten 12 000. Nach einer Warnung der US-Gesundheitsbehörde FDA hat die Firma das Angebot aus dem Netz genommen.

JUNGBRUNNENEFFEKT *

Zellreparatur

DIE METHODE

NAD+ als Tabletten einnehmen.

DIE WIRKUNG

Unsere Zellen verfügen über einen Reparaturmechanismus, der ungefähr so robust ist wie das Selbstbewusstsein von Ina Müller. Sie werkeln nonstop, um äußere Schäden (zum Beispiel Sonnenbrand) und innere (zum Beispiel durch Nebenprodukte des Stoffwechsels) auszubessern. Doch mit dem Alter wächst die Zahl der Schadstellen, und der Mechanismus schwächelt. Überwacht werden die Instandhaltungsarbeiten von den sogenannten Sirtuinen – beim Menschen, aber auch in weniger vergrübelten Lebewesen wie beispielsweise: Hefe. Dort wurde die Bedeutung der Sirtuine Anfang der 90er-Jahre als Erstes entdeckt. Je aktiver das Hefe-Sirtuin ist, desto länger lebt diese – eine Erkenntnis, die sich bisher auch auf Würmer, Taufliegen und in einigen Versuchen auch auf Nagetiere übertragen ließ. Damit die Sirtuine richtig losrocken können, benötigen sie die Substanz NAD+, kurz für Nikotinamidadenindinukleotid (hat zwar Nikotin im Namen, ist aber kein Grund, zu rauchen!). Verabreicht man alten Nagetieren NAD+, scheinen deren Zellen mit der Renovierung wieder schneller voranzukommen.

DER AKTUELLE STAND

Einige Firmen verkaufen bereits Nahrungsergänzungsmittel, die NAD+ oder aber dessen Vorläufer NR oder NMN enthalten.

DAS KLEINGEDRUCKTE

Neuere Studien weisen darauf hin, dass auch Krebszellen auf NAD+ ansprechen. Kappt man die Versorgung, scheint das ihr schnelles Wachstum zu stoppen. Noch ist nicht klar, ob NAD+-Tabletten im umgekehrten Fall auch Krebs begünstigen können. Bald weiß die Wissenschaft hoffentlich mehr.

JUNGBRUNNENEFFEKT ***

Zellmüllabfuhr

DIE METHODE

Mit Injektionen Zombie-Zellen ausmerzen.

DIE WIRKUNG

Im Film "Resident Evil" muss Milla Jovovich sich gegen ihre Mitmenschen behaupten, die als blutrünstige Untote in den Straßen lauern. So wie diese Zombies kann man sich die sogenannten seneszenten Zellen im Körper vorstellen. Es sind Zellen, die sich nicht mehr wie gesunde Zellen teilen – die am Ende ihres Lebenszyklus aber auch nicht absterben. Beim Menschen sammeln sich diese winzigen Untoten ab dem 40. Lebensjahr im Körper an und geben Botenstoffe ab, die Entzündungen auslösen. In der von ihnen verseuchten Umgebung haben Alterserscheinungen wie Arteriosklerose, Demenz und Arthritis leichteres Spiel. Weil das Immunsystem die seneszenten Zellen offenbar nicht von selbst loswird, suchen Wissenschaftler nach alternativen Methoden: einer Art Milla Jovovich unter den Medikamenten, die Zombie-Zellen einfach wegballert.

DER AKTUELLE STAND

Bei Mäusen klappt das schon gut. Sogenannte Senolytika bescheren greisen Nagern glänzendes Fell und lassen sie im Laufrad länger durchhalten. Selbst bei den ältesten verlängerte sich die Lebensspanne im Schnitt um 36 Prozent. Mittlerweile bringen auch erste kleine Versuchsreihen mit Menschen ermutigende Ergebnisse.

DAS KLEINGEDRUCKTE

Einige der im Test befindlichen Senolytika stammen aus der Krebsmedizin, wo sie seit Längerem erfolgreich gegen Krebszellen eingesetzt werden. Leider sind diese Medikamente noch ähnlich präzise wie Schrotflinten: Auch gesunde Zellen bekommen etwas ab. Forscher hoffen, in den nächsten Jahren präzisere Anwendungen zu entwickeln.

JUNGBRUNNENEFFEKT ****

Hunger Games

DIE METHODE

Striktes Kalorienzählen – und das ein Leben lang.

DIE WIRKUNG

Bekommen Hefen, Fruchtfliegen, Fische, Ratten, Mäuse, Hamster, Hunde und möglicherweise auch Affen täglich 20 bis 50 Prozent weniger Kalorien als üblich, dabei aber alle wichtigen Nährstoffe, leben sie länger, vor allem aber auch: gesünder. Dabei spielen wohl ebenfalls die schon bei der Zellreparatur erwähnten Sirtuine eine Rolle: Sie fahren in Hungerphasen den Zellstoffwechsel herunter und schützen den Körper so vor Bluthochdruck, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und wahrscheinlich auch Krebs.

DER AKTUELLE STAND

Kalorische Restriktion, also eine Reduzierung der Kalorienzufuhr ohne Unterversorgung, ist die einzige bekannte Maßnahme, mit der sich die Lebensdauer etlicher Arten effektiv verlängern lässt.

DAS KLEINGEDRUCKTE

Leider ist diese Methode komplett spaßbefreit. Und was bei Fruchtfliegen und Mäusen unter Laborbedingungen einfach zu steuern ist – Käfig auf, Futter rein, Käfig zu –, lässt sich auf Menschen mit ihrem unterschiedlichen Körperbau, ihrem komplexen Lebenswandel und all den Bäckereien und Bistros an jeder Straßenecke nicht in ein funktionierendes Schema F pressen. Selbst die Freiwilligen, die an entsprechenden Studien teilnehmen, schmeißen deshalb oft hin. Dennoch ist diese Methode aus wissenschaftlicher Sicht die bislang sicherste Bank.

JUNGBRUNNENEFFEKT *****

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