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Leb wohl, edle Corona-Einigkeit! Warum sind gerade alle so wütend?

Leb wohl, edle Corona-Einigkeit
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Was mit Balkon-Applaus und hoher Zustimmung in Umfragen begonnen hat, schlägt gerade in Wut um. Aber warum?
von Miriam Kühnel

Erst waren es nur ein paar Rechtsextreme und Verschwörungstheoretiker, dazu ein paar wenige moderate Einzelmeinungen... doch seit die Debatte um den Zeitplan der Lockerungen angefangen hat, ist es endgültig vorbei mit der guten Stimmung im Land. Über Whatsapp, facebook und in Zeitungen prasseln Meinungen, Petitionen und Kampfschriften auf uns ein. Es geht um die unterschiedlichsten Themen, und doch scheint es bei allen doch irgendwie um dasselbe zu gehen. Und das findet im Bauch statt, nicht im Kopf:

1. Wir fühlen uns wie Marionetten

Schulen schließen, Schulen öffnen wieder, Kita-Kinder bleiben zuhause, gearbeitet wird aber bitte trotzdem, es soll kein Arbeitsplatz verloren gehen, die große Pleitewelle droht, die Ferien könnten verkürzt werden, Masken sind keine Pflicht, Masken sind doch Pflicht, erst sind die einen Zahlen relevant, dann die anderen... es ist verrückt. Auch wenn wir mit dem Kopf verstehen, dass auch Politiker und Virologen keine Hellseher sind und sich am jeweils aktuellen Kenntnisstand entlanghangeln, der Bauch beginnt bei uns allen, zu rebellieren. Denn dieses Gefühl der Abhängigkeit und der eingeschränkten Entscheidungsfreiheit kennen wir maximal noch aus Teeniezeiten...und die wollten wir doch eigentlich alle nicht nochmal erleben. Schon gar nicht diesen einen Aspekt. Der Boden, auf dem wir immer so sicher standen, bebt. Und das fühlt sich nicht gut an.

2. Wir haben keine Wahl: Alles lässt sich gar nicht so lange einhalten!

Wir können noch so treue Bürger dieses Landes sein, die Unvereinbarkeit der Regeln mit unserem Leben, lässt uns an unsere Grenzen stoßen. Die Kontaktsperre war kurzzeitig machbar, für viele ist sie das aber schon lange nicht mehr. Wie soll eine Lehrerin mit Kleinkindern gleichzeitig ihre Schüler per Video unterrichten und sicherstellen, dass ihr Jüngster nicht an einem Legostein erstickt? Nur ein Beispiel von Tausenden... und so fühlen wir uns alleingelassen mit unseren individuellen Problemen. Selbst wenn wir wissen, dass sie einfach nicht alle lösbar sind.

3. Wir bemerken, dass viele Maßnahmen nur auf Kurzfristigkeit angelegt sind

Nehmen wir auch hier ein Beispiel: Wenn Polizist XY wegen einer Vorerkrankung wochenlang freigestellt wird, ihm aber kein Home Office gewährt wird... wie sinnvoll ist das? Hat Polizist XY irgendetwas davon, wenn er nach Wochen zuhause dann wieder ganz normal arbeiten gehen muss? Wir wissen doch längst, dass wir mit Corona einen Marathon vor uns haben, keinen Sprint. Es wird noch immer an vielen Stellen viel zu kurzfristig gedacht, was die Maßnahmen absurd wirken lässt.

4. Es fehlt an Möglichkeiten, sich selbst zu schützen

Während vielen Menschen die Einschränkungen noch immer viel zu weit gehen, klagen andere über das Gegenteil. Wie sollen sich Erzieher schützen? Oder Ärzte ohne Schutzkleidung? Muss es sein, dass Schüler gezwungen sind, jetzt schon in die Schule zu gehen, auch wenn sie große Angst davor haben? Nach wochenlangem Einschwören auf den Ernst der Lage ist es kein Wunder, dass der ein oder andere sehr verunsichert ist und noch nicht bereit für einen großen Schritt in Richtung Normalität. Und wieder ist es das Marionettengefühl, das uns daran wütend macht.

5. Das Leben der anderen

Der eine hält sich noch rigoros an alle Regeln, so schwer es auch fällt, der andere sieht das schon lange nicht mehr ein oder kann es nicht mehr leisten. Auf den Straßen spielen vielerorts Kinder miteinander, als wäre nie etwas gewesen, andere sitzen am Fenster und schauen verständnislos zu. Und während manche kaum das Haus verlassen, gehen andere entspannt shoppen. Schwierige Mischung!

Mit abnehmender Akzeptanz und Umsetzung der Kontaktsperre wird es schwerer und schwerer, die eigene Anstrengung durchzuhalten. Ergo: Einige werden selber lockerer. Andere werden wütend.

6. "NACH Corona": Wir hatten ein falsches Bild im Kopf

Im März, als wir uns noch täglich lustige und nachdenkliche Corona-Videos zuschickten, da gab es auch viele dieser "Nach-Corona-Videos". Mit tausenden Hühnern, die freudig auf die Wiese hüpften oder Pinguinen, die sich aufgeregt über den Haufen rannten. Und ja, die haben irgendwie motiviert, durchzuhalten. Seit uns klar geworden ist, dass der Weg zur Normalität ein Prozess sein wird und es dieses eine "YEAH" nicht geben wird, fühlen wir uns betrogen um unsere schönste Zukunftsvision.

Nach Corona
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Gedanken, die uns helfen gegen die Wut im Bauch

So schwierig der ein oder andere Moment aus sein mag: Das Gute an Bauch und Kopf ist, dass sie ganz gut zusammenarbeiten. Unsere Gedanken haben nachweislich viel Einfluss auf unsere Gefühle. Diese 5 Gedanken sind ein gutes Erste Hilfe Paket gegen das Stimmungstief, das jeden von uns in diesen Zeiten zwischendurch in die Mangel nimmt. 

1. Wenn ich Politiker wäre und mich mit vielen anderen Politikern einigen müsste, würden wir auch nicht alles richtig machen 

Hilft gegen Stammtisch-Politik im Kopf

2. Ich bin nur für mein eigenes Handeln verantwortlich

Befreit von dem Impuls, alle anschreien zu wollen, die anders denken als wir

3. Ich werde aus dieser Zeit viel über mich lernen und dieses Wissen wird mein Leben reicher machen

Führt uns vor Augen, dass wir nicht nur verlieren, auch wenn es sich jetzt so anfühlt

4. Ich lebe in einer Demokratie und habe das Recht, für meine Interessen zu kämpfen

Das Gefühl der Machtlosigkeit ist nicht wirklich haltbar (und wenn, nur kurzfristig)

5. Ob Sprint oder Marathon: Der Tag wird kommen, an dem ich mit meinen Freunden oder meiner Großfamilie wieder am Strand sitze und dafür dankbarer sein werde als ich es ohne diese Zeit je gewesen wäre

Wir werden uns nicht an diesem einen Tag alle über den Haufen rennen wie Pinguine. Aber es gibt alternative Zukunftsvisionen, die auch Mut machen.

Nach Corona
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