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Nachgefragt "Liebe Lehrer*innen, wie geht es euch eigentlich?"

Lehrerin misst Abstand zwischen den Tischen
© Vladimir Vladimirov / Getty Images
Sie geben ihr Bestes, um den Schulalltag in Zeiten, in denen nicht viel normal ist, so normal wie möglich zu gestalten. Kritisiert werden sie trotzdem. Wie es sich gerade anfühlt Lehrer*in zu sein, hat unsere Autorin einmal nachgefragt. Hier kommen die Antworten unserer vier Lehrer*innen. 

Wie geht es dir mit der aktuellen Lage in der Schule?

"Gymnasium, 900 Jugendliche, 100 Beschäftigte - jeden Morgen die gleiche Sorge: Wer geht heute in Quarantäne? Wie kann ich trotz Abstand, Masken, festen Plätzen etc. einen spannenden, lustigen und vor allem kooperativen Unterricht machen? Wir haben einige Klassen in Quarantäne, dazu etliche einzelne Kids in Familienquarantäne – wer ist heute da? Weiß jemand, wieso XY fehlt? Dann die knallvollen S-Bahnen und Busse jeden Tag..."

"Mir geht es damit gut. Nur die Ungewissheit, wann und ob die Schulen geschlossen werden und die damit verbundenen Vorbereitungsmaßnahmen sind extrem aufwendig und kosten sehr viel Zeit."

"Es ist ein Gefühl von Machtlosigkeit und es gibt keine planerische Sicherheit mehr – seit Wochen. Das geht an die Substanz. Man kommt jeden Morgen in die Schule und weiß nicht, wie der Tag ablaufen wird. Man kann keine verbindlichen Absprachen treffen (weder mit Kolleg*innen, noch mit den Schüler*innen ). Jede Woche wird neu entschieden, in welche Sicherheitsstufe die Schule rutscht. Dann muss schnellstmöglich reagiert und umstrukturiert werden. Das strengt unglaublich an."

"Ich bin verunsichert. Im Grunde finde ich es gut und richtig, dass wir im Präsenzunterricht sind und Maßnahmen getroffen werden. Den Kindern die wechselnden Änderungen sinnvoll zu erklären ist schwierig. Erst haben wir ständig darauf bestanden, dass sie draußen die Masken aufsetzen, obwohl sie im Klassenraum nebeneinander ohne sitzen, nun tragen sie im Klassenraum Masken, dürfen sie draußen aber abnehmen. Auch die Trennung der Jahrgänge ist an vielen Stellen problematisch. Nicht, weil sich die Schüler*innen massiv dagegen wehren, sondern weil sie in ihrem Bewegungsdrang einfach über die Bereiche hinausrennen oder sich auf dem Weg vom Bistro in ihren Bereich bereits das Essen in den Mund schieben und die Maske dafür absetzen. Sie jedes Mal, jeden Tag und jede Pause immer wieder darauf hinzuweisen ist anstrengend."

Was bereitet dir Sorgen? 

"Wann bekomme ich das Virus doch? Mit zwei Kindern an unterschiedlichen Schulen und zwei Eltern an unterschiedlichen Schulen sind vier Personen im Haushalt mit täglich ca. 200 Sozialkontakten - aber der Kindergeburtstag des Großen wird ausfallen und Rugbytraining auch?! Es ist unendlich viel mehr Arbeit und führt zu Schlafmangel und Gereiztheit. Meine Jungs schreiben Weihnachtswunschzettel und ich bin innerlich noch Lichtjahre vom Advent entfernt. Dazu die Sorge um die Großeltern und den Ehemann mit Herzfehler..."

"Meine eigene Gesundheit sehe ich nicht mehr oder weniger gefährdet als auch im Supermarkt oder in der Bahn. Und unabhängig davon bin ich gesund und mache mir um mich daher keine Sorgen."

"Angst um meine eigene Gesundheit habe ich nicht. Ich mache mir Sorgen um meine Schüler*innen. Praktikumsplätze sind für den neunten Jahrgang kaum zu finden, Prüfungstermine rücken immer näher und Projekte zur Ausbildung müssen abgesagt werden. Sollte es erneut zu einer Schulschließung kommen, gibt es keine ausreichende digitale Vernetzung. Schüler*innen, die eine intensivere Betreuung brauchen, rutschen den Lehrer*innen einfach weg."

"Um mich selbst mache ich mir weniger Sorgen, auch wenn ich mich nicht gut geschützt fühle. Ich mache mir Sorgen, dass es trotz allem nicht reicht. Dass trotzdem einmal ein Kind das Virus in die Schule trägt, symptomfrei, und es nicht so glimpflich ausgeht wie bisher. Ich mache mir Sorgen um die Kinder, denen es gerade nicht gut geht, die unter den Auswirkungen der Pandemie leiden, die nicht wissen, wohin mit ihrer Energie, weil ihr Freizeitsport ausfällt. Kinder bekommen eventuell nicht so schnell Hilfe, wie sie sie bräuchten, da auch in den zuständigen Institutionen, die uns als Schule beiseite stehen (besonders im Hinblick auf die Sozialpädagogen und ähnlichen), andere Regeln und höhere Krankenstände herrschen. Einige Schüler*innen haben kranke Angehörige und Risikopatienten in der Familie oder machen sich um Eltern Sorgen. Zum Beispiel weil diese im Gesundheitswesen tätig sind und sie die zunehmende Belastung mitbekommen oder weil es den Eltern wirtschaftlich nicht gut geht."

Wie schätzt du die Situation derzeit ein? Reichen die getroffenen Maßnahmen?

"In bestimmten Stadtteilen gibt es offenbar kaum Fälle, weshalb die Behörde sagt, es sei alles in Ordnung. An anderen Schulen sind 12 von 30 Klassen in Quarantäne und nichts ist in Ordnung - aber wir lüften bis zum letzten Fenster und kriegen jede/r zwei Masken - finde den Fehler! Und vor allem werden alle Hinweise des RKI, Hinweise der Schulleitungen, Wünsche der Eltern- und Schülerkammer komplett ignoriert."

"Ja, die Maßnahmen reichen und helfen, alle zu schützen. Eine Entspannung ist mittlerweile gegeben, da wir auf dem Gelände keine Maske mehr tragen müssen."

"Manche Maßnahmen lassen einen sprachlos zurück. Anfragen, an die Senatsverwaltung, ob man in den Teilungsunterricht darf (halbe Klassenstärke in A-und B-Woche unterteilt) wird abgelehnt, dafür soll man in kürzester Zeit den Stundenplan komplett umstrukturieren, damit nicht zu viele Schülerinnen und Schüler gleichzeitig den Unterricht beginnen und beenden. Masken sollen an Schulen verteilt werden. Wo sind sie? Bei uns jedenfalls nicht. In den Sommerferien kam von der Senatsverwaltung eine Info-Broschüre zum Thema: „Lernen von zu Hause“…die Schüler*innen befinden sich zu diesem Zeitpunkt schon drei Monate zu Hause..."

"Einige Kinder tragen ihre Masken nicht richtig, auch diese müssen immer wieder, manchmal mehrmals in einer Stunde, darauf hingewiesen werden sie richtig aufzusetzen. Dazu alle 20 Minuten lüften. Die Verantwortung, dass wir darauf achten, dass diese Maßnahmen eingehalten werden, ist groß. Zumindest empfinde ich selbst das so. Denn wenn ich nicht darauf geachtet habe, dass nun ausgerechnet ein später positiv getestetes Kind seine Maske ordentlich getragen hat und somit doch jemanden angesteckt haben sollte, war das quasi meine Verantwortlichkeit. Auf die Abstände untereinander zu achten ist schwer. In den Pausen müsste ich ständig Schüler*innen auseinanderreißen. Es tummeln sich zwar hauptsächlich Schüler*innen aus derselben Klasse, meistens auch mit Masken, aber eben nicht immer mit dem nötigen Abstand. Viele Kollegen nehmen diese Verantwortung, die Kinder untereinander zu schützen, ernst und achten immer darauf, dass die Masken getragen und die Abstände eingehalten werden. Aber wir ermahnen viel mehr als sonst."

Was läuft gut?

"Die Arbeit mit dem Schulleitungsteam. Die Bereitschaft und Leidensfähigkeit der Kinder. Wir haben an alle, die brauchen, Endgeräte ausgeliehen. Wir sind als komplettes Kollegium mit einem digitalen Lernmanagementsystem gestartet, machen Fortbildungen etc. - die Krise hat die technische Fortbildung beschleunigt, aber es fehlt Zeit, um diese neue Kultur der Digitalität auch zu durchdenken und nicht einfach nur die handschriftlichen Aufsätze durch getippte zu ersetzen."

"Die Kinder halten die Regeln auf dem Gelände und in den Gebäuden sehr gut ein. Leider sehen wir immer wieder Schülergruppen, die erst vor den Schultoren die Maßnahmen wirklich umsetzen. Dafür wurden auch schon an einigen Schulen Polizeikontrollen durchgeführt, damit der Weg zur Schule ebenfalls korrekt abläuft. Ansonsten klappt das und auch der Unterricht läuft weitestgehend normal."

"Die Reinigungskräfte geben ihr Bestes, desinfizieren rund um die Uhr Türklinken, Bäder und PC-Räume. Die Schulleitung versucht alle Kolleg*innen zu erreichen, aufzufangen und zu unterstützen. Es wird transparent gearbeitet, alle Informationen (soweit vorhanden) schnellstmöglich weitergegeben. Klassen und Lehrkräfte werden unverzüglich in Quarantäne geschickt."

"Ich glaube die meisten Schüler*innen sind froh in der Schule zu sein. Auch die Lehrer*innen hoffen eher, dass wir weiter im Präsenzunterricht bleiben. Unterricht an sich funktioniert und die Digitalisierung schreitet in größeren Schritten voran, als sie es vorher getan hat. Da sind nun viele Möglichkeiten, die wir nutzen können. Ich mache mir keine Sorgen, dass meine Schüler*innen wichtigen Unterrichtsstoff verpassen müssten, oder um meine Abiturient*innen. Da bin ich sehr optimistisch."

Was wünschst du dir?

"Dass die Behörde den Schulen die Entscheidungsfreiheit gibt, in Wechselmodelle zu gehen, wenn die Leitung es (in Absprache mit dem Gesundheitsamt) für nötig und hilfreich hält. Dass die Arbeit der Schulleitungen stärker anerkannt wird. Zeit für den Austausch und die Arbeit an Ideen, dass die digitalen Möglichkeiten langfristig und nachhaltig in die Schule/Lehre eingebunden werden können. Ehrliche Berichterstattung: Niemand will Schulen mehr komplett schließen, wir wollen Wechselmodelle mit täglich "nur noch" 400 Menschen vor Ort statt 1.000. Und privat: ausschlafen, Lesen und Rotwein ;-)"

"Eine einheitliche Regelung, was alle Belange innerhalb der Schule angeht, und eine finale Ansage bzgl. der zu nutzenden Mittel, um Schüler*innen in Quarantäne zu betreuen und zu beschulen. Zudem wäre eine Ansage gut, wann Lehrer wirklich zu Hause bleiben müssen. Aktuell müssten alle daheim bleiben, wenn man einmal hustet. Wenn das so gemacht werden würde, wären morgen alle Schulen zu."

"Dass nicht alles auf die Lehrer geschoben wird, wenn etwas nicht funktioniert. Die meisten, die ich kenne, haben einen größeren Workload als vor Corona (aus unterschiedlichen Gründen) und geben sich viel Mühe mit den Kindern und dem Unterricht. 

"Die Situation ist für alle schwierig. Von der Behörde hätte ich gern weniger Bürokratie und mehr Sicherheiten. Ich habe mittlerweile einen Laptop von der Behörde, kann ihn aber nur eingeschränkt nutzen. Bei der Hälfte der ausgegebenen Laptops funktionieren Videokonferenzen nicht. Die meisten Lehrer beschweren sich, dass sie die Geräte genau für ihre Zwecke eben nicht nutzen können, und bleiben wieder bei den Privatgeräten, auf denen wir vieles aus Datenschutzgründen aber nicht machen dürfen."

Wie ist dein Eindruck von den Kindern?

"Den Kindern fehlt ihr Sport. Trotz all der Einschränkungen haben sie aber auch teilweise Spaß am digitalem Lernen und die Phasen zuhause mit länger Schlafen und weniger Stress helfen. Vor allem die "stillen und fleißigen" Schüler*innen profitieren vom selbstständigen Lernen."

"Die Kinder, vor allem die in den oberen Jahrgängen, sind genervt und stark belastet. Das Ausfallen von Kurs- und Klassenfahrten schadet dem gemeinsamen Lernen für das Abi - es gibt wenig Kurszusammenhalt und viel Gruppenbildung. Zudem fühlen sich viele beraubt, da die meisten klassischen Schuldinge (Abiball, Treffen außerhalb der Schule, Partys usw.) nicht stattfinden. Das trübt sehr die Laune und führt zu viel Unmut in den Jahrgängen neun aufwärts."

"Es fällt allen schwer, die Masken den ganzen Tag zu tragen. Viele haben Kopfschmerzen, weil sie dadurch einfach kaum trinken. Immer wieder muss ermahnt und erinnert werden. Essen und Unterrichtsmaterial darf nicht mehr getauscht werden. Ehe das in den Köpfen fest ist, braucht es viel Zeit. Auch der ständige Wechsel des Stundenplans sorgt für Verwirrung. Teilweise gibt es bis zu drei Änderungen in einer Woche."

"Grundsätzlich glaube ich, dass man es aktuell niemandem Recht machen kann. Es gibt gute Gründe für und gegen den Präsenz-, Hybrid- oder Heimunterricht und jeder davon ist wichtig, berechtigt und trifft auf viele Kinder zu. Ich bin zufrieden mit unserer Umsetzung in der Schule, die Schulleitung ist offen für Probleme und Vorschläge und bessert nach, wenn es nötig ist. Auch die Kollegen sind hier sehr engagiert und wir unterstützen uns gut untereinander. Es ist nur einfach schon im Normalbetrieb oft viel los, nun ist da einiges, was zusätzlich anfällt."


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