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Expertin verrät Liebeskummer-Fehler: Warum wir uns kein Beispiel an Männern nehmen sollten

Frau und Mann sitzen auf Bett
© PhotoAlto/Frederic Cirou / Getty Images
Während wir uns mit einer Packung Taschentücher ins Bett legen und hemmungslos weinen, mit unseren besten Freundinnen wieder und wieder sein Verhalten analysieren und uns einen traurigen Film nach dem nächsten reinziehen, zieht er mit seinen Kumpels durch die Kneipen. Warum das aber gar nicht gut ist und wieso Männer anders leiden, erklärt Expertin Michèle Loetzner.

Wie viele Schnäpse hat er getrunken? – Warum Männer anders mit Liebeskummer umgehen als Frauen

Auf den ersten Blick scheint Liebeskummer nichts mit Gleichberechtigung zu tun zu haben. Schließlich ist das eine ein Gefühl, das andere eine gesellschaftliche Forderung. Weshalb diese Forderung allerdings so wichtig ist, sieht man auch sehr gut daran, wie unterschiedlich Männer und Frauen mit Liebeskummer umgehen. Bemühen wir dafür ein Klischee: Frauen reflektieren nach einer Trennung, analysieren die eigenen Fehler, die sie in der Beziehung gemacht haben, suchen den Grund für das Scheitern bei sich. Frauen werden leise. Männer werden laut. Sie betrinken sich mit ihren Kumpels, ziehen um die Häuser und reißen unter großem Tamtam und Zeugen die Nächste auf. Männer wirken nach einer Trennung so, als würde ihnen das Ganze nichts ausmachen. Soweit das Klischee. Die Wissenschaft bestätigt das: Eine Studie der Binghamton University, New York, hat die Reaktion von Männern und Frauen auf eine Trennung untersucht. Die Forscher befragten 5.705 Teilnehmer aus 96 Ländern. Das Ergebnis: Frauen leiden kürzer, dafür aber intensiver. Männer leiden länger, weil sie anfangs hauptsächlich verdrängen und kompensieren. Sie lassen den Schmerz nicht zu, wodurch sich langfristig viel schlimmere Probleme wie Depressionen und Beziehungsunfähigkeit ergeben. Und das ist sicherlich auch ein strukturelles Problem. Womit wir bei der Gleichberechtigung angelangt wären. 

"...Jungs, die weinen, sind Heulsusen."

Es ist noch gar nicht so lange her, da war es völlig selbstverständlich, dass Jungs, die weinen, Heulsusen sind. Und auch heute hört man auf so manchem Spielplatz noch von Müttern wie Vätern: „Jetzt hör doch auf zu heulen, du bist doch kein Mädchen.“ Weinen scheint also mitunter noch immer etwas zu sein, was Frauen erlaubt ist, von ihnen offenbar sogar erwartet wird, und Männern teilweise noch immer verboten. Dass Kinder sich alles abschauen, was ihnen vorgelebt wird, ist keine bahnbrechende wissenschaftliche Erkenntnis mehr. Wenn also Vätern nicht beigebracht wurde, dass sie weinen dürfen. Wenn Väter ihren Söhnen nicht vormachen, dass es okay ist zu heulen, zu leiden und verzweifelt zu sein. Und selbst Mütter mit solchen beknackten Aussagen Jungen von ihren Emotionen distanzieren wollen. Wie zur Hölle soll dann ein Mann unseres Jahrzehnts nach einer Trennung anders mit diesem Zustand umgehen, als den starken Typ zu markieren und traditionell typisch männliches Verhalten (auf dem Niveau eines Golf- GTI-Treffens am Wörthersee) an den Tag zu legen? Der Anthropologe Craig Eric Morris, einer der drei Forscher der genannten Studie, nennt dieses Verhalten in einem Interview mit dem Online-Magazin Splinter News ganz wunderschön „the excessive Tinder stage“. Das ist so treffend formuliert, darunter kann sich jeder etwas vorstellen. 

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© PR / PR

Langfristig hilft der Gang an die Bar leider nicht

Zurück zu Männern und ihrem toxischen Verhalten bei Liebeskummer. Es kann natürlich sein, dass ihm eure Trennung nichts ausmacht. Aber das ist eher unwahrscheinlich. Er ist ja kein Stück Holz. Selbst, wenn er nicht mehr in dich verliebt ist, wird es ihm etwas ausmachen, dich verletzt zu haben. Wahrscheinlicher ist, dass er nicht weiß, wohin mit seinem Schmerz außer an den nächsten Tresen. Das soll keine Entschuldigung für sein Verhalten sein, nur eine Erklärung. Und vor allem ein Hinweis darauf, dass Feminismus nichts mit Türen aufhalten oder in den Mantel geholfen werden zu tun hat, sondern damit. Türen aufhalten hat etwas mit Freundlichkeit zu tun, wie die Autorin Margarete Stokowski ganz richtig sagt. Und mit nichts anderem. Wenn nur weibliche Vorbilder Trauer, Zorn und Leid zulassen dürfen, weil Gefühle immer noch als rein weibliche Eigenschaft gezählt werden, dann ist das bescheuert. Und bitter. Für Frauen genauso wie für Männer. Und es hilft sicher nur sehr kurzfristig, wenn wir uns verhalten wie solche Typen. Klar, kannst du jetzt in die nächste Bar gehen und irgendeinen Mann aufreißen. Aber bitte erwarte nicht, dass es dir damit langfristig besser geht. Für eine kurze Ablenkung ist das okay, wenn du aber morgen früh mit dickem Kopf aufwachst, wird der Liebeskummer sicher noch da sein. Plus: Du gehst das Risiko ein, dass durch den katerbedingten Serotoninabfall alles noch radikal beschissener aussieht, als es eh schon ist.

Michèle Loetzner
© Christian Brecheis / PR

Michèle Loetzner ist 1982 in Heidelberg geboren und hat an der LMU München und der Universität Helsinki Literaturwissenschaft, Anglistik und Linguistik studiert. Sie arbeitet als freie Journalistin, Textchefin und Konzeptionerin u. a. für ​​​​​​ die Süddeutsche Zeitung, Plan W, Die Welt, Die Zeit und Frauenmagazine wie Cosmopolitan, Freundin oder Glamour. Michèle Loetzner lebt in München. "Liebeskummer bewältigen in 99 Tagen" ist ihr erstes Buch und im Dumont Verlag erschienen.


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