Liegt das Glück in unseren Genen? Über Verwalter und Gestalter

"Happy sein", keine leichte Sache. Kann man das eigentlich lernen? Und wieso sind einige Menschen so viel glücklicher als andere? Wir haben den Psychotherapeuten Martin Widemann gefragt.

von Diana Huth

BARBARA: Warum ist zum Beispiel Barbara Schöneberger so glücklich? Die hat irgendwie gefühlt immer gute Laune.

Martin Widemann: Vermutlich hat Barbara Schöneberger eine sogenannte Gestaltermentalität. Laut Julius Kuhl kann man Menschen grob in Verwalter und Gestalter unterscheiden. Gestalter lernen früh im Leben, dass es sich lohnen kann auch Risiken einzugehen, aktiv auf das eigene Leben einzuwirken und sich neuen Dingen zu stellen. Dabei auch unangenehme Gefühle zu akzeptieren und zu nutzen, um mehr über sich und die eigenen Bedürfnisse zu erfahren. Verwalter hingegen haben früh die Erfahrung gemacht oder vorgelebt bekommen, dass das Leben ungerecht sein kann, man Verluste erlebt, wenn man nicht aufpasst und daraus gelernt, dass man immer damit rechnen muss, dass das Leben einem wieder etwas wegnimmt. Sie sind von dieser Angst gesteuert und vermeiden deshalb neue Erfahrungen. Somit reduzieren sie ihren Erfahrungshorizont weiter und halten an dem fest, was ihnen noch bleibt. Als Gestalter lerne ich früh konstruktiv mit Krisen und Verlusten umzugehen, gehe daraus gestärkt hervor und bleibe offen und neugierig für Neues. Damit bietet mir jeden Tag die Möglichkeit, auch neue und vielleicht glückliche Erfahrungen zu machen. Verwalter sehen jedem neuen Tag mit Skepsis entgegen und sind schon froh, wenn sie am Ende des Tages nichts verloren haben.

Kann man Glück erzwingen?

Glück kann man nicht erzwingen. Durch eine offene Haltung gegenüber Neuem und der aktiven Gestaltung des eigenen Lebens kann man aber die Wahrscheinlichkeit glücklich zu sein, deutlich erhöhen. Zudem lässt sich immer wieder beobachten, dass Menschen die häufiger glücklich sind, auch die Fähigkeit haben, die weniger schönen Dinge des Lebens, wie Verluste oder schmerzhafte Erfahrungen, mit Akzeptanz zu begegnen. Akzeptiere ich Schmerz als unvermeidlichen Teil des Lebens, wächst auch die Wahrscheinlichkeit, dass ich die glückliche Momente eher wahrnehme und genieße.

Ist Glück erblich bedingt? Liegt es also an unseren Genen?

Soweit ich weiß, ist das Glücksgen noch nicht gefunden worden. Allerdings haben viele Studien zu psychischen Phänomenen und Krankheiten gezeigt, dass es häufig eine Wechselwirkung zwischen Veranlagung und Lernerfahrungen gibt. Soll heißen: Wenn meine Eltern häufig glücklich waren, werde ich wahrscheinlich auch die Veranlagung zu den damit verbundenen Fähigkeiten haben. Ich werde meine Eltern aber auch oft beobachtet haben und an ihrem Vorbild gelernt haben, welche Haltung oder Verhaltensweisen dazu beitragen, glücklicher zu sein.

Welche Rolle spielte das Thema Glück bei Wahlen?

Es gibt Parteien, die im Wahlkampf eher mit Angst und Schreckensbildern argumentieren, also dem Anti-Glück, und so Verwaltermentalitäten ansprechen. Wenn ich aber in Zukunft glücklicher sein möchte, sollte ich gerade solche Parteien nicht wählen. Parteien wie die AfD geben einem vielleicht das Gefühl von scheinbarer Sicherheit, machen aber langfristig nicht glücklich.

Martin Widemann ist in Dortmund aufgewachsen. Seine Eltern arbeiten im Bergbau und besaßen einen Kiosk. Die Nähe zu den Menschen im „Ruhrpott“ sieht er als gesunde Erdung seiner psychotherapeutischen Tätigkeit.
Sein fachlicher Schwerpunkt ist die Behandlung von Menschen mit Borderline-Störung nach der Dialektisch Behavioralen Therapie von M. Linehan (DBT). Er schätzt die Ansätze der Akzeptanz- und Commitment-Therapie und empfiehlt dazu den ‚Glücksratgeber‘

„Wer dem Glück hinterherrennt, läuft daran vorbei“ von Russ Harris

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