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Linda Zervakis: "Auf einmal war ich die erste Tagesschau-Sprecherin mit Migrationshintergrund"

Linda Zervakis auf Stühlen sitzend
© Daniel Roché
Linda Zervakis kennen die Zuschauer aus der „Tagesschau“. Seit Kurzem gibt es sie aber auch zum Hören. In ihrem Podcast spricht die Hamburgerin mit Griechischen Wurzeln mit deutschen Promis über deren Migrationshintergrund, Identität und Klischees und darüber, wie sie selbst damit umgeht.
Interview von Julia Ballerstädt

Barbara.de: Hallo liebe Linda, seit Kurzem kann man deinen Podcast "Gute Deutsche" hören. Magst du einmal erzählen worum es geht?

Linda Zervakis:  Klar gern. „Gute Deutsche“ ist ein Podcast, in dem ich mit Menschen spreche, die einen Migrationshintergrund haben. Ich unterhalte mich mit ihnen, wie sich dieser Migrationshintergrund eigentlich bemerkbar macht, ob der Probleme bereitet hat, ob der auch Vorteile hat und wie sie damit groß geworden sind. Ziel ist es die Schwere, die immer mit diesem Begriff in Verbindung gebracht wird, ein wenig aufzulockern. Das wäre schön, wenn ich das damit schaffen könnte, zumindest ein bisschen.

Wen hast du da bereits zum Gespräch getroffen? Wer werden deine Gäste sein?

Salwa Houmsi ist dabei. Sie ist Musikjournalistin und DJane. Giovanni di Lorenzo ist mit dabei, Jorge Gonzales. Dann habe ich mit Mark Forster gesprochen, der halber Pole ist.

Das wusste ich gar nicht…

Er heißt eigentlich Marek Ćwiertnia. Ihm hat man dann aber gesagt: „Also wenn du Musik machen willst, dann kannst du mit dem Namen keinen Blumentopf gewinnen. Musst du dir was anderes einfallen lassen.“ Die Geschichte erzählt er auch, wie er zu Mark Forster wurde. Er wird aber Zuhause noch Marek genannt, fand ich dann doch ganz überraschend. Ich dachte ja: Gut, der hat irgendwo polnische Verwandte und das wars.

Und dann treffe ich noch den Rapper Megaloh. Megalohs Mutter ist Nigerianerin und sein Vater ist halb Deutscher und halb Niederländer. Gerald Asamoah hat zugesagt. Und es sollen natürlich auch aktuelle Ereignisse immer wieder eine Rolle spielen. Also es wird spannend.

Gab es bisher ein Gespräch, dass dich besonders beeindruckt hat?

Ja, beispielsweise war ich bei dem Gespräch mit Megaloh auch total unsicher: Sag ich jetzt Schwarzer oder Dunkelhäutiger? Wie ist die richtige Bezeichnung, sodass ich ihn nicht verletzte? Und was ich total spannend fand, war als er erzählte, er wäre in Nigeria gewesen und war dort der weiße für die Nigerianer, weil sie gesehen haben, dass er eine Mischung ist aus zwei Kulturen. Oder Jorge Gonzales, der ja immer als lustiger Vogel daherkommt, ist aufgrund seiner Homosexualität aus Kuba geflohen, hat sich in der Schule immer unglaublich angestrengt, weil er dann ein Stipendium bekommen konnte. So ist er dann mit 17 in die Slowakei gegangen, wo er seine Sexualität ausleben konnte. Er ist ja ein Mensch, der eigentlich immer fröhlich ist, aber auch er hatte Momente, wo er dann doch nachdenklich und ruhig war. Und diese Momente sind es dann, die mich besonders faszinieren. Oder auch Giovanni di Lorenzo, der in den 60ern nach Deutschland gekommen ist und in der Schule noch den Satz von seinem Oberstudienrat hörte: „Giovanni di Lorenzo, diesen Itaker sollte man aufhängen.“ Das ist heute undenkbar. Also das sind so Einblicke, die ich nicht erwartet habe.

Linda Zervakis
© Daniel Roché

Diese Unsicherheiten, die du hattest, haben ja viele von uns. Und gerade diese Begrifflichkeit „Menschen mit Migrationshintergrund“ klingt so nach Schubladendenken…

…ja, das klingt immer so, als würde man diese Menschen mit einer Pinzette anfassen müssen, weil sie anders sind. Und genau deswegen mache ich diesen Podcast, weil ich nicht mit der schweren Keule kommen, sondern da eher mal entspannter draufgucken will. Das kann ja durchaus auch etwas Positives sein und man muss auch nicht immer dieses bescheuerte Wort benutzen. Das mochte ich auch nicht, als ich zur Tagesschausprecherin der Hauptausgabe um 20 Uhr wurde. Da wurde nicht gesagt: „Linda Zervakis ist die neue Tagesschau-Sprecherin“, sondern es wurde: „Linda Zervakis, die erste Tagesschau-Sprecherin mit Migrationshintergrund.“ Und ich dachte so: Hä? Wen meint ihr denn? Achso, ihr meint mich. Also dieses: Ach ja stimmt, den habe ich ja wirklich. Ich will damit sagen, dass ich vorher kein Problem damit hatte und plötzlich hatte ich so einen Stempel. Das war für mich, die in Hamburg geboren wurde und auch in Jobs und im Freundeskreis nie ein Problem damit hatte, komisch damit umzugehen. Du sagst ja auch nicht Hausärztin mit Migrationshintergrund, am Ende geht es um den Menschen. Das ist es, was ich mir erhoffe, dass man nicht mehr so sehr in Kategorien denkt, sondern man einfach entscheidet, ob man den Menschen sympathisch findet oder nicht – so gehe ich zumindest durchs Leben. Alles andere interessiert mich in dem Moment nicht.

Was sagst du denn, wenn du gefragt wirst, woher du kommst?

Ich sage, ich bin in Hamburg geboren und habe griechische Eltern und dann kann jeder daraus machen, was er oder sie will. Also auch da wieder: Muss es denn eine Schublade geben? Ist das wichtig, damit man am Ende darüber urteilen kann?

Das muss ja gar nicht unbedingt negativ gemeint sein. Aber allein die Frage ist schon so besetzt, dass man sich gar nicht traut, sie zu stellen. Wie empfindest du das denn?

Mir ist das überhaupt nicht unangenehm. Es ist aber auch die Generation, in der ich groß geworden bin. In den Achtziger, Neunziger Jahren habe ich das nicht so empfunden. Ich war auf dem Gymnasium und mit mir waren noch drei andere ausländische Kinder in der Klasse. Das ist aber vielleicht auch eine Berufskrankheit. Würdest du jemanden abends in einer Bar kennenlernen, fragst du ja auch nicht: „Hallo, wie ist denn dein Nachname? Ahja, habe ich mir gedacht, deine Haare sind viel zu dunkel für eine Deutsche.“ Du würdest ja einfach entscheiden, trink ich mit ihm oder ihr weiter oder nicht, aufgrund der Tatsache, dass man sich sympathisch ist oder nicht. Aber da ist Deutschland leider auch sehr gut drin, in der sehr gut funktionierenden Bürokratie und dem sehr organisierten Umfeld, dass man hier immer Schubladen braucht, in die man jemanden einordnen kann, damit das abgeklärt ist. Aber wenn man ganz persönlich auf sich selbst guckt, ist es doch vollkommen egal.

Ist das sowas typisch Deutsches für dich?

Naja, es ist ja ein sehr gut funktionierendes Land und vielleicht gehört das einfach dazu. Vielleicht hängt das damit zusammen, ja. Ich weiß jetzt nicht, wie das in anderen Ländern ist, aber das bekomme ich im Podcast raus, ob man da auch mit den Menschen anders umgeht.

Wenn du nach Griechenland zu deiner Familie fährst, ist das dann eher Urlaub oder auch so ein Zuhause-Gefühl?

Es ist was dazwischen. Wenn ich nach Griechenland fahre, dauert es zwischen ein paar Minuten und ein paar Stunden, dass ich sofort in dem Alltagsrhythmus drin bin. Das habe ich, wenn ich nach Italien oder Spanien fahre so nicht. In Griechenland ist das alles vertrauter. Deswegen ist es irgendwas dazwischen.

Was macht für dich den Unterschied zwischen Griechenland und Hamburg aus?

Der größte Teil meiner Familie ist in Hamburg. Das ist meine gewohnte, schöne Umgebung mit Menschen, die mich schon ganz ganz lange begleiten. Das ist in erster Linie meine Heimat. Und in Griechenland schätze ich einfach die Gastfreundschaft und die Entspanntheit der Menschen. Die sind ja selbst in der Krise so gastfreundlich und herzlich, dass man da noch einen Kanister Öl mitbekommt und selbstgemachte Seife. Da kommt dann das Deutsche in mir durch, das sagt: Ich möchte dir das doch aber bezahlen und da sind die Griechen dann super sauer. Das kann man nicht üben, die haben diese Entspanntheit und Großzügigkeit einfach in sich drin. Das bewundere ich zutiefst. Wenn ich da war, nehme ich diesen Modus auch an und nach vier, fünf Wochen hier bin ich wieder hektisch, pünktlich und kontrolliert. (lacht)

Wie war das für deine Eltern? Gerade die ersten Jahre hier?

Meine Eltern haben sich immer als Fremde gefühlt. Wenn ich mit meiner Mutter darüber spreche, sagt sie das auch. Sie wurden zwar immer gut behandelt, aber sie hatten das Gefühl, wir machen das jetzt ein Jahr und dann gehen wir wieder zurück. Und dann ist es ja doch anders gekommen und das war am Anfang schwierig, weil es ja auch keine Integrationskurse gab, was jetzt selbstverständlich ist. Die mussten sich alles selbst mühsam zusammensuchen und lernen. Meine Mutter hat alleine im Kiosk lesen gelernt.

Das war natürlich auch holperig. Viel kam dann natürlich auch durch uns Kinder. Wir hatten keine Probleme, auch nicht in der Schule. Wir hatten zwar immer das Griechische, aber dass das für uns anstrengend war, das Gefühl hatte ich überhaupt nicht.

Hast du dich als Kind anders gefühlt?

Das anders fühlen kam eigentlich eher durch das Soziale. Ich war Arbeiterkind. Das kam zwangsläufig. Ich habe mich ausgegrenzt, weil ich mir gewisse Sachen nicht leisten konnte und mit meinen Freundinnen nicht mithalten konnte. Meinen Führerschein habe ich mir beispielsweise in den Sommerferien selbst durch jobben zusammengespart, während alle anderen auf Mallorca oder irgendwo anders waren.

Würdest du sagen, dass dir das im Nachhinein beim Erwachsenwerden geholfen hat?

Ja, allein der Umgang im Kiosk meiner Eltern mit den Menschen. Da sind alle möglichen Menschen reingekommen und nicht immer nur angenehme, also auch Betrunkene oder Menschen, die unangenehm gerochen haben. Ich bin aber einfach ein Arbeitstier. Ich packe immer überall mit an. Ich habe zwar irgendwo ein bisschen Existenzangst, weil ich die Ängste meiner Eltern mitbekommen habe und ich weiß auch wie man Anträge für das Sozialamt ausfüllt – und das ist demütigend – aber trotzdem wüsste ich, wenn es die Tagesschau nicht geben würde, würde ich irgendwas anderes machen. Ich bin auch dadurch zur Selbstständigkeit erzogen worden und zum Anpacken. Irgendwie geht es dann schon. Und weil man eben schon härtere Jahre hinter sich hat, kann ich das hier manchmal gar nicht fassen und denke mir: Hoffentlich hält das noch ein bisschen an, weil eigentlich ist es gerade ganz schön.

Würdest du sagen, es ist mehr ein Privileg mit zwei Nationalitäten aufzuwachsen oder ist das eher ein Verunsicherungsfaktor, weil man vielleicht nicht genau weiß, wohin man jetzt wirklich gehört?

Das ist natürlich auch total individuell. Ich sehe es als absolute Bereicherung, zwei Kulturen in mir zu tragen.

Wie hast du das bei deinen Gästen erlebt?

Megaloh beispielsweise hat einen deutschen Pass und lebt auch hier, aber er kann sich bis heute nicht Deutsch fühlen, weil hier soviel Rassismus auf ihn eingeprasselt ist und es immer noch tut. Für mich hingegen war es entspannt in Deutschland groß zu werden.

Du bist zweisprachig erzogen worden, richtig?

Ja, ich bin auch auf eine griechische Schule gegangen.

Und wie machst du das jetzt bei deinen Kindern?

Das wusste ich, dass das kommt. Ja, mach ich natürlich nicht. (lacht)

Ich weiß auch, dass das ein total großer Fehler ist und ich sehe den Tag kommen, wo sie sagen: „Warum hast du das nicht gemacht?“. Aber es ist schwierig. Mein Mann ist Deutscher und ich spreche auch besser Deutsch als Griechisch. Ich fand dieses Wechseln zwischen den Sprachen unheimlich anstrengend, das können andere vermutlich besser. Ich spare jetzt einfach für die beiden und dann können sie später ein Jahr nach Griechenland gehen und selbst entscheiden, ob sie das gut finden oder nicht. Ich krieg das nicht hin ­– man kann ja aber auch nicht total perfekt sein.

Linda Zervakis unter Stuhl
© Daniel Roché

Linda Zervakis, Hamburgerin mit griechischen Wurzeln, spricht in ihrem neuen Podcast mit prominenten Gäst*innen über Herkunft und Heimat und wirft zusammen mit ihnen einen Blick auf ihre kulturellen Einflüsse. Der Podcast “Linda Zervakis präsentiert: Gute Deutsche” feiert das Gleich- und Anderssein in einer bunten, offenen Welt.

Die Pilotfolge und die zweite Episode des Spotify Original Podcast werden zeitgleich am 15. Juni. Jeden Montag folgt eine neue Folge exklusiv auf Spotify.

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