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Linda Zervakis Interview mit der Tagesschau-Sprecherin

Linda Zervakis: Linda Zervakis und Barbara Schöneberger
© Brita Sönnichsen
Breaking News: Linda Zervakis hat Barbara Schöneberger geschrumpft! Wieder auf Augenhöhe sprachen beide über verlockende Filter und befremdliche Momente fernab von Kameras.
von Stephan Bartels

Barbara: Linda, unser Thema heute: Fake. Und in diesem Zusammenhang fragen sich bei dir natürlich viele …

Linda: Mein Busen ist echt.

Oh … okay. Aber das meinte ich dann doch nicht. Sondern: Du bist ein extrem lustiger Mensch – und sitzt jeden Abend …

… und morgens. Und nicht selten auch die ganze Nacht.

Jaja. Da sitzt du also in diesem Nachrichtenstudio.

Und dann tue ich das, worauf es ankommt in diesem Moment.

Wenn du mit den Nachrichten auf Sendung bist, scheint die quirlige Linda nicht mehr vorhanden. Du verziehst keine Miene, bist kerzengerade und superseriös.

Das habe ich beim Radio gelernt und dann auf das Fernsehen übertragen. Nachrichtensprechen ist ein erlernbares Handwerk, und zu dem gehören die Haltung und die Ernsthaftigkeit, mit der man an die Sache herangehen sollte.

Was ist denn das Wichtigste, das es zu beachten gilt in diesem Handwerk?

Die Betonung. Oder vielmehr: die Nichtbetonung. Die Gleichförmigkeit, mit der man die Meldungen liest, und ihnen damit jede emotionale Spitze nimmt – zumindest auf meiner Seite. Bei den Zuschauern kann so eine Meldung ja trotzdem etwas auslösen.

Und das meine ich: Wir sind alle emotionale Wesen, auch du, und auch in diesen 15 Minuten, in denen du in der "Tagesschau" zu sehen bist.

Ist auch manchmal nicht so einfach. Was seit Jahren im Flüchtlingslager Moria auf Lesbos passiert, lässt mich alles andere als kalt. Wie wir da unten einfach Menschen sich selbst überlassen, weitab unseres Blickfelds. Und nicht nur die Geflüchteten, auch die Inselbewohner, die seit Langem nicht mehr vom Tourismus leben können. Da könnte ich weinen. Ich bin überhaupt emotionaler, seit ich Kinder habe. Ich heule bei "Alf"! Oder wenn ich Kinderbücher vorlese …

Ich muss immer heulen, wenn jemand für sportliche Leistungen eine Goldmedaille bekommt. Aber ist dir das schon mal bei den Nachrichten passiert? Dass dir die Tränen kamen?

Nein, glücklicherweise noch nicht. Wenn mir etwas zu nah geht, lenke ich mich ab. Würde ich mich da hineinbegeben, wäre ich verloren – und das hat in der Sendung nichts zu suchen. Die Zuschauer haben ein Recht auf Neutralität und Echtheit.

Da lobe ich mir das Showgeschäft. Da muss per definitionem nichts echt sein.

Moment. Show ist trotzdem ehrliches Handwerk.

Okay, das stimmt. Ich versehe meinen Job tatsächlich mit der Gewissenhaftigkeit einer guten Zahnarzthelferin, gehe danach Backstage und ziehe meinen Kittel aus. Und dann poste ich noch flott irgendwas auf Instagram und werde dafür zur Sau gemacht.

Was ja ein relativ neues Phänomen ist. Wo soll das bloß hinführen?

Ich halte, anders als vor drei Jahren, heute alles für möglich.

Wie meinst du das?

Ich halte es für möglich, dass du wegen eines Satzes in den sozialen Medien komplett aus deinem Leben katapultiert werden kannst. Ob es eine unüberlegte Äußerung ist oder ein vielleicht zu knapp formulierter Gedanke. Immer mehr wird immer öfter ganz bewusst missverstanden. Manchmal kommt es mir so vor, als ob hier und da der gesunde Menschenverstand als allgemeingültige Leitlinie nicht mehr vorhanden ist.

Da ist was dran. Es fühlt sich zumindest manchmal so an, als sei er durch andere Normen ersetzt worden. Was man heute alles sein oder kennen muss …

… eine Haltung zu allem haben, die du wie eine Speerspitze vor dir herschiebst …

… alle neuen Netflix-Serien sehen …

… englische Bücher nur noch im Original lesen, weil alles andere fake wäre …

… immer informiert sein. Ganz ehrlich: Ich bin froh, wenn ich meinen Alltag auf die Reihe bekomme, das ist schwer genug und mitunter öde. Aber es ist am Ende des Tages auch genau das, was mein Leben einordnet und ihm seine Bedeutung gibt. Mit anderen Worten: Das ist echt. Und echt würde einigen Leuten zur Abwechslung mal ziemlich guttun.

Das klingt ein bisschen nach einem Plädoyer für einen Rückzug ins Private.

Meine ich aber gar nicht so. Ich finde es total wichtig, über den eigenen Tellerrand zu schauen, um zu verstehen, was in der Welt vor sich geht. Aber manchmal tut es eben total gut, mal keine Nachrichten zu schauen. Es geht mir um die Gewichtung zwischen meiner Welt und der da draußen.

Du sagtest gerade: Echt würde einigen ganz guttun zur Abwechslung. Wen meinst du?

Die meisten bei Instagram. Am Anfang lädt man noch normale Fotos von sich hoch, und du denkst: Warum sehen die anderen so anders aus? Und irgendwann entdeckt quasi jeder die Filterfunktion …

Linda Zervakis: Linda Zervakis und Barbara Schöneberger
© Brita Sönnichsen

Ich habe das einmal gemacht. Und dann dachte ich: Das schaut ja geil aus.

Und seitdem machst du es immer.

Im Gegenteil. Mir war klar: Ich muss es lassen. Das wäre der Anfang vom Ende, ich könnte nie wieder zurückgehen. Aber was mich noch mehr ankotzt: Wenn du als gesunde, fitte junge Frau …

… was wir ja beide sind …

… ganz genau, wenn du dann also ein unbearbeitetes Foto hochlädst und dann Kommentare kommen wie: Ey, mutig, dass du dich das traust! Da werde ich richtig aggressiv. Und ich frage mich: Aus welcher Richtung kommt der Feind? Wer sieht denn da draußen so aus wie diese gefilterten Insta-Chicks?

Genau das meine ich ja: Ich kenne niemanden. Und wo wir gerade bei Filtern sind: Wir sind ja mittlerweile so weit, dass jeder schiefe Witz von dir zur Staatskrise erhoben wird.

Und an der Stelle wird es schwierig für nahezu all jene, die, ich nenne es mal: verbale Unterhaltung machen. Ich mache viele Witze über mich selbst, ich gehe auch Gesprächsgäste gern mal ein bisschen forsch an, ich haue Sätze raus, manchmal keine guten. Das ist alles sehr spontan. Wenn ich das vorab überdenken und entschlacken würde, dann wäre es keine Unterhaltung mehr und auch nicht ich. Und klar macht man sich angreifbar, wenn man angreift – ich betone: in heiterer und friedlichster Absicht.

Hältst du dich in der Öffentlichkeit deshalb inzwischen mehr zurück?

Tue ich, ja.

Hm. Irgendwie schade.

Finde ich auch, aber das System kommt an seine Grenzen. Denn die Anzahl der Fettnäpfchen, in die man treten kann, ist in den letzten Jahren extrem angestiegen. Jeder lebt inzwischen in seiner eigenen Welt.

Könnte es nicht sein, dass schon immer jeder in einer eigenen Welt gelebt hat? Der Unterschied zu früher ist nur, dass es inzwischen Social Media gibt und du diese Welt für alle sichtbar machen kannst.

Ja, stimmt. Jeder hat heute eine Stimme. Was einerseits gut ist, aber eben auch bedeutet, dass jeder alles verbreiten kann, auch Verschwörungstheorien. Die hätten die Leute früher bestenfalls von ihrem Balkon herunter gemurmelt. Heute finden sie sich im Netz und treffen sich dann zur großen Anti-Corona-Maßnahmen-Demo in Berlin. Und diese Leute halten dann das, was du in der "Tagesschau" verliest, für Fake News.

Und das entrüstet mich total. Ich verstehe diesen Gedanken nicht. Warum sollten wir uns falsche Nachrichten ausdenken?

Weil ihr, ich zitiere nur, "staatsgesteuert" seid.

Mal im Ernst: Was soll der Scheiß? Worin genau sollte der Anreiz der öffentlich-rechtlichen Medien liegen, die Bürger dieses Staates nicht ernst zu nehmen und ihnen Lügen aufzutischen? Mich macht das ratlos.

Ich glaube, das hängt stark mit dem Selbstbild der Menschen zusammen.

Wie meinst du das?

Na ja, wer in Krisenzeiten wie diesen den Mainstream hinterfragt, der hält sich eben für besonders mündig und für einen kreativen, eigenständigen Kopf.

Und hat mit dem Internet ein Megafon in der Hand, mit dem er sich draußen in der Welt Bestätigung holen kann. Mir kommt es auch so vor, als ob Corona diesen Trend enorm beschleunigt hätte. Gar nicht gut, wenn Leute ein halbes Jahr zu Hause hocken und nichts zu tun haben.

Na, du hast die Zeit jedenfalls gut genutzt. Du hast einen Bestseller geschrieben und mit "Gute Deutsche" einen großartigen Podcast produziert.

Mir hat er zumindest irrsinnig Spaß gemacht.

Du hast darin mit Promis geredet, die einen – schlimmes Wort – Migrationshintergrund haben.

Genau. Aber anders, als man das Thema in den Nachrichten behandelt. Einwanderung nicht als Bedrohung, sondern als Bereicherung. Denn das ist sie ja in den allermeisten Fällen.

Du warst die erste "Tagesschau"-Sprecherin mit, noch mal: Migrationshintergrund. Ein Vorzeige-Einwanderungskind.

Ich kann mit diesen Labels nicht viel anfangen.

Warum?

Zum einen, weil ich es nicht interessant finde, woher jemand kommt. Sondern: Ist das ein guter Typ? Hat er oder sie Witz? Macht es Spaß, sich mit ihm oder ihr zu unterhalten?

Und zum anderen?

Kann ich es gar nicht leisten, für andere zu sprechen, deren Eltern nicht aus Deutschland kommen. Viele der Probleme, mit denen die kämpfen mussten, hatte ich nie. Ich bin nicht diskriminiert worden wegen meiner Herkunft oder meines Aussehens. Ich war immer nur Linda, und manchmal ist auch jemand über das Zervakis dahinter gestolpert. Aber dann war klar: Hört sich griechisch an, und das ist Sonne, Meer und Souvlaki, da kommt jeder ins Schwärmen.

Du hattest niemals ein Fremdheitsgefühl, oder?

Nein. Ich war auf eine andere Weise anders. Wir hatten nie Geld, konnten nie groß reisen, wir Kinder mussten immer im Kiosk unserer Eltern mitarbeiten, erst recht, nachdem mein Vater so früh gestorben war. Deshalb waren mir die Leben meiner Freundinnen oft fremd, aber nicht dieses Land.

Wie war es für deine Eltern, als sie hier ankamen?

Ganz anders. Da steckte das Gefühl ja schon im Wort: Gastarbeiter. Die sollten hier gar nicht heimisch werden, sondern ein, vielleicht zwei Jahre arbeiten und dann wieder nach Hause gehen. Die wurden in einer Kaserne untergebracht, von Deutschkursen oder Integrationsmaßnahmen keine Spur.

Weißt du, wie deine Eltern das fanden?

Sie haben diese Idee ja geteilt. Wollten hier Geld verdienen, um sich zu Hause in Griechenland eine Existenz aufzubauen. Aber dann kam das Leben dazwischen: das erste Kind, die Erkenntnis, dass sich von Deutschland aus die Familie da unten viel besser unterstützen lässt … Und dann sind sie geblieben, ohne dass Integration stattgefunden hätte. Deshalb haben sie sich immer fremd gefühlt. Und waren aus diesem Grund ziemlich streng mit uns Kindern.

Huch. Wieso das?

Meine Mutter hat immer gesagt: Wir sind die Xeni. Wir sind die Fremden, wir sind nur zu Gast. Ihr habt die Chance auf eine super Schulbildung und ein gutes Leben hier, aber das geht nur, wenn ihr euch benehmt – sonst ist der Ärger vorprogrammiert. Unsere Eltern haben uns Anpassung eingetrichtert. Das war der Schlüssel zu unserer Integration. Und ziemlich clever von ihnen, ehrlich gesagt. Das ist ja auch eine Frage des Respekts. Wissen, mit wem man es zu tun hat. Wie die Regeln sind. Griechen zum Beispiel mögen keine nackten Menschen an ihren Stränden.

Und in Italien legt man sich ein Tuch über die nackten Schultern, wenn man eine Kirche betritt.

So. Und wenn ich zu dir nach Hause komme, sage ich ja auch nicht: Danke für die Einladung, aber was sind das bitte für hässliche Tapeten.

Siehst du, Linda: So retten wir beide die Welt. Wir respektieren das Leben der anderen, statt es zu kritisieren.

Und loben gegenseitig unsere Tapeten.

LINDA ZERVAKIS Bis ihre Mutter in Rente ging, half Linda in deren Kiosk in Hamburg-Harburg. Nebenbei machte sie Abi, jobbte als Werbetexterin, ging zum Radio und wurde 2013 "Tagesschau"-Sprecherin. Ihre klugen und lustigen Gedanken teilt sie im Podcast "Gute Deutsche" und in ihren Bestsellern "Königin der bunten Tüte" und "Etsikietsi – Auf der Suche nach meinen Wurzeln" (beide Rowohlt). Sie ist 45, verheiratet, hat zwei Kinder und fährt gern Fahrrad.

STEPHAN BARTELS saß 2011 mal der Umstände halber als Talkgast bei Barbara in der "NDR Talk Show". Nirgends hat er sich je fremder gefühlt.

Das Interview sowie die Bilder sind im Museum der Illusionen in Hamburg entstanden. 

BARBARA 51/2020

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