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Lügen: So stark belastet es eine Freundschaft

Lügen: Pinoccio
© Getty Images
Die Freundin unserer Autorin hat es nicht so mit der Wahrheit. Sie flunkert und lügt derart konsequent, dass sie es selbst nicht mehr merkt.

Die Party

"Du hast es nicht gewusst", sagte Erik. Er guckte fragend, und ich begriff gar nichts. Ich war gerade erst angekommen, er hatte die Tür geöffnet – und was noch mal gesagt? "Willkommen zur Trennungsparty! Das Haus ist verkauft!" Was meinte er? Ich versuchte eins und eins zusammenzuzählen. Wenn Erik mich zu so einer Mottoparty begrüßte, bedeutete das, dass seine Frau, also eine meiner besten Freundinnen… "Martha und ich sind doch seit einem halben Jahr getrennt", durchquerte er meine Gedanken. Und dann sagte er noch mal: "Du hast es nicht gewusst."

Der erste Hammer

Richtig. Diese Info hatte mich nicht erreicht. Aber wie konnte meine Freundin mir das vorenthalten? So was erzählt man doch! Ich stand da im Eingang, schaute auf die Weinflasche in meiner Hand und kam mir unfassbar dämlich vor. Martha tauchte neben ihm auf, sichtlich überrascht, mich zu sehen. Mir schossen Tränen in die Augen, ich drückte ihr wortlos die Flasche in die Hand und ging. In mir tobte ein Gefühls-Tsunami, ein Gedanken-Chaos.

Klar war Martha überrascht, mich zu sehen. Sie hatte mich gar nicht eingeladen, Erik hatte eine Rundmail geschickt, offensichtlich ohne ihr Wissen. Und sie wollte mich auch gewiss nicht dabeihaben, sonst hätte sie mir überhaupt von der Trennung erzählen müssen. Und hatte sie nicht erst letzte Woche noch von ihrer tollen, stabilen Beziehung geschwärmt?

Grenzenlose Enttäuschung

In der U-Bahn auf dem Weg nach Hause fühlte ich mich verarscht, viel mehr noch: betrogen. Das hatten so bisher nur Männer hinbekommen. Aber bei denen kalkuliert man das ein; Betrug ist möglich, steht im Kleingedruckten jeder Beziehungs- AGB. Aber unter Freundinnen? Die nächsten Tage steigerte ich mich in einen heiß wabernden Cocktail aus Wut, Empörung und Verletzung hinein, mit einem Schuss Selbstmitleid war der echt genießbar. Immer wieder kaute ich auf dieser einen Frage herum: "Wie konnte sie mich so hintergehen?" Dabei hatte ich mich an der falschen Stelle festgebissen. Besser wäre der Ansatz gewesen: "Warum hat sie das gemacht?"

Wie es mit uns Begann

Martha kam vor zehn Jahren in mein Leben, zu einem Zeitpunkt, der beschissener nicht hätte sein können. Ich war nach einer fürchterlichen Trennung bei einem Freund untergekommen, der viel auf Reisen war. Meine Sachen hatte ich eingelagert, ich lebte in fremdem Männerkram, war auf emotionaler Ebene obdachlos. Bis ich bei einer Veranstaltung Martha kennenlernte, die perfekte Trümmerfrau, um mein inneres Schlachtfeld zu bearbeiten: elf Jahre älter, reich an Lebenserfahrung, guter Humor, ein offenes Herz. Wir waren ständig in Kontakt, trugen sogar die Termine der anderen in den Kalender ein, Zahn-Prophylaxe, berufliche Reisen, Familienereig­nisse. Wir waren wie Schwestern. Sie die große, die ich mir immer gewünscht hatte, ich die kleine, denn ihre echte Schwester war vor Jahren nach Australien gezogen. So Sorry.

Einige Wochen nach dem Partydrama schickte Martha mir zum Geburtstag eine sehr einfühlsame Mail, entschuldigte sich, sie sei überfordert gewesen, ich würde ihr fehlen, ob wir uns nicht treffen wollten. Ich war aus dem Stand versöhnt, so froh, dass ich meine große Schwester wiederhatte. Das war ohne klärendes Gespräch zwar total naiv, passte aber zu meinem Familienmotto: Wenn man nicht darüber redet, hat es den Konflikt auch nie gegeben.

Martha erzählte, Erik und sie hätten erst mal eine Auszeit zum Nachdenken vereinbart. Sie wollten ihre Beziehung umstrukturieren, an einem neuen Wir arbeiten. Erik plante, eine Weile durch Südame­rika zu reisen, sie wollte in Marokko den Kopf frei bekommen.

Glücklich in Marrakesch?

Von dort aus lud sie mich ein: Ob ich sie nicht in Marrakesch besuchen möge, es wäre so schön, wenn ich käme, nur sei leider in ihrer Gastfamilie kein Platz, ich müsste mir selbst eine Unterkunft suchen. Sehr gern! Es war ein großartiger Moment, als Martha und ich uns vor orientalischer Kulisse in die Arme fielen. Und der beste in dieser Zeit. Ab da wurde es merkwürdig. Gleich nach der Ankunft instruierte sie mich: Sie habe ihren Lebenslauf ein bisschen frisiert, sich als glücklich verheiratet ausgegeben und Eriks Tochter als ihre eigene. In Marrakesch sei sie auf Recherche für einen Zeitungsartikel. Letzteres klang eher nach meinem Leben, sie ist nämlich Hörbuchautorin, aber den Rest fand ich clever. Hätte ich vielleicht auch gemacht, um blöde Bemerkungen oder gar Annäherungsversuche zu vermeiden.

Allerdings hatte sie der Gast­familie mit dem großen Haus auch über mich Merkwürdiges erzählt: Ich hätte mich selbst eingeladen, weil ich sie so vermisst hätte. Dazu sei ich gesundheitlich angeschlagen, bräuchte Ruhe und würde deshalb im Hotel wohnen. Äh. Nein. Zunächst ließ ich die gelogenen Lappalien so stehen, hab sie einfach nicht ernst genommen. Trotzdem blieb da dieses unschöne Gefühl. Wie ein Stein im Schuh. Keine große Sache, aber ständig präsent. Aber kann man so ein harmloses Tatsachenverdrehen überhaupt als Lügen bezeichnen? War meine liebenswerte Freundin einfach nur etwas tüddelig? Martha hatte eindeutig Gedächtnislücken.

Mein innerer Lügendetektor schlug täglich mehrmals aus, etwa als sie einem Guide erzählte, wir seien abends bei guten Freunden in der Medina eingeladen. "Was soll das?", fuhr ich sie später an. "Wir kennen in der ganzen Stadt keinen Menschen!" Martha zuckte mit den Achseln. "Na und. Der soll nicht denken, wir kämen alleine nicht zurecht." Aha. War das also ihre Motivation? Der Eindruck der anderen? Vielleicht waren die geschönten Tatsachen so was wie ein Filter bei einem Selfie: Man sah damit einfach besser aus.

Immer Diese ZWEIFEL

Martha kam ständig in Erklärungsnot, weil ich nun doch jedes Wort auf die Goldwaage legte und bei Nichtgefallen auf Konfrontation ging. Ich muss in Marrakesch wahnsinnig anstrengend für sie gewesen sein. Bis heute sehe sie zum Abschied winken, die Erleichterung über meine Abreise in Großbuchstaben im Gesicht. Nach der Landung kamen mir Zweifel. Stimmten meine Erinnerungen, oder hatte ich mich auf der Jagd nach Unstimmigkeiten in etwas reingesteigert? Aber nein.

All die Missverständnisse zwischen uns, konsternierte Blicke von Zuhörern, wenn ich etwas erzählte, was schon in Martha-Version in Umlauf war, höflich genug, mich nicht zu korrigieren. Warum auch, war meist eh nur Small Talk. In diesem Genre muss eine Geschichte nicht unbedingt wahr sein, Hauptsache, sie ist wahrscheinlich. Und unterhaltsam. Damit kannte Martha sich berufs­bedingt aus, sie erfand ständig Set- tings, schmückte Rollen aus, war stets Herrin der Geschichte. Vielleicht war ihr das zur Gewohnheit geworden. Aber was machte ich jetzt mit diesen Erkenntnissen?

Die Katastrophe

In meine Unschlüssigkeit ploppte Tage darauf eine Nachricht von ihr: "Bist du noch wach?" Mitten in der Nacht. Ich rief sie an, sie weinte. Erik und sie hätten doch ausdrücklich eine Auszeit vereinbart, damit jeder zur Ruhe kommen könne. Aber nun habe er eine neue Freundin. Die sogar mit ihm in Südamerika gewesen war. Und er wohne schon bei der. Das sei der schlimmste Verrat, den sie je erlebt habe. Wir telefonierten, bis sie vom Weinen erschöpft einschlief.

In den folgenden Wochen tat ich alles, um ihr nach den Verwüstungen des emotionalen Einschlags beizustehen. Es war definitiv nicht der Zeitpunkt, mein Problem mit ihr anzusprechen. Dann traf ich Erik auf der Straße: "Wie konntest du Martha das antun, sie ist am Ende!" Erik fauchte zurück: "Wir sind seit einem Jahr getrennt! Du erinnerst dich: die Abschiedsparty?! Danach ist jeder seiner Wege gegangen. Das war klar so kommuniziert." Aber mir gegenüber hatte Martha das "Aus" hinterher eindeutig als "Auszeit" deklariert. Offenbar hatte ihre innere Firewall das Geschehen automatisch umetikettiert, vier Buchstaben mehr und – zack! – Supergau abgewendet. Für Psychologen ist so ein Leugnen eine klassische Abwehrmaßnahme des Unterbewussten. Deswegen war Martha auch in allem, was sie tat, so überzeugend: Sie glaubte sich selbst.

Das War’s

Als Monate nach diesem Vorfall das Schlimmste vorbei war, begann Martha, das Geschehene mit ihren Worten, aber aus Eriks Perspektive, aufzuschreiben – zur Verarbeitung. Erst fand ich das befremdlich, dann logisch. So hatte sie die Kontrolle über seine Sichtweise und wieder ein gewisses Mitspracherecht. Ob es dazu eine Selbstreflexion gab, weiß ich nicht, ich habe nicht gefragt. Stattdessen hatte ich überlegt, ob ich ihr Verhalten nicht einfach hinnehmen könnte. Jetzt, da ich um ihre Eigenart wusste, könnte ich doch einen Weg finden, damit umzugehen. Aber wenn Martha in einer anderen Wirklichkeit lebte, wo sollten wir uns dann in aller Freundschaft treffen?

In ihre Welt wollte ich nicht, in meine konnte sie nicht. Außerdem war mein Vertrauen weg, und bestimmt war ich dem Ganzen auch überdrüssig. Martha ging es mit mir wahrscheinlich ebenso. Meine bes­serwisserische Spitzfindigkeit blieb für sie wohl genauso ein Stein im Schuh wie für mich ihr nonchalanter Umgang mit Fakten. Unser Kontakt ist ohne große Worte eingeschlafen. Das Schweigen zwischen uns hat bis heute etwas sehr Einvernehmliches und Wahrhaftiges.

Wahr ist: Kirstin Bock hat die Namen der Beteiligten und einige Fakten verändert, um niemanden bloßzustellen.

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BARBARA 04/2020

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