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Lügen sind unsere Rettung

Lügen sind unsere Rettung
© Gettyimages
Wer lügt besser: Männer oder Frauen? Ab wann können wir lügen? Und was wäre, wenn wir es nicht täten? Hier sind die Antworten
von Nele Justus

Warum haben Lügen eigentlich einen so schlechten Ruf? Wir finden, Lügen sind eine ziemlich feine Sache. Wir können damit peinliche Dinge verheimlichen („Unerhört! Da muss mir jemand reingefahren sein!), verbalen Verletzungen vorbeugen („Schatz, auch mit Waschbärbauch bist du genauso sexy wie früher.“) und gesellschaftliche Normen wahren. („Mir geht’s super. Danke.“). Und außerdem können wir uns damit einen Vorteil verschaffen. („Mäuschen, geh mal zum Papa. Der will dir bestimmt eine frische Windel machen.“)

„Lügen ist eine Kompetenz“, bestätigt auch Dr. Nina Krüger, Psychologin an der Uni Hamburg. „Eine gutgemachte Lüge ist sehr komplex. Wir müssen uns merken, wem wir was, wann und warum erzählt haben, um uns nicht in unseren Geschichten zu verheddern.“ Das Gute ist: „Mit den Jahren werden wir darin immer besser“, sagt die Expertin. Denn, ja: Lügen kann man lernen.

Schon im Kindesalter geht das los. Bereits mit 18 Monaten lernen Kinder, wie man lügt. Und zwar erst einmal zum eigenen Vorteil. „Mama hat aber gesagt, ich darf noch ein Eis“. Warum sie auf einmal diese Fähigkeit entwickeln? Na, weil wir ihnen eben so gute Vorbilder sind. Wir lügen uns nämlich jeden Tag um Kopf und Kragen. 

Aber wie oft eigentlich? „Es gibt keinen genauen Mittelwert“, sagt die Expertin Nina Krüger. „Je nachdem, was in einer Studie schon als Lüge bewertet wird, variieren die Zahlen zwischen 2 und 200 Lügen pro Tag.“ Eine der bisher größten Studien „From junior to senior Pinocchio“, für die mehr als 1000 Leute befragt wurden, hat als Durchschnittswert beispielsweise 2,2 Lügen pro Tag ermittelt. Warum die Zahl so gering ist? Weil viele Leute, nämlich die Jungen und Alten, wenig lügen, dafür aber eine kleine Gruppe von Menschen sehr viel. Und das sind wir: Menschen, in der Mitte des Lebens. Wir lassen es mit den Unwahrheiten so richtig krachen. 

Das wundert uns jetzt nicht, oder? Wenn wir den ganzen Tag unseren Kollegen, Schwiegereltern oder Bekannten die Wahrheit sagen müssten, dann hätten wir ein ganz schön großes Problem. Statt „Klar, Chef, mache ich gerne“ müssten wir dann „Alter, mach den Sch... doch selber!“ sagen. Und die alte Bekannte bekäme kein „Schön, dass wir uns wiedersehen“, sondern ein „Hau bloß ab, ich mochte dich noch nie leiden“ zu hören. Gäbe es die List der Lüge nicht, wäre die Menschheit wahrscheinlich schon längst ausgestorben. 

Wer lügt eigentlich besser? Männer oder Frauen? Die Frauen natürlich, würden wir doch jetzt voller Inbrunst behaupten, oder? Schließlich legen wir ja wohl deutlich mehr soziale und emotionale Kompetenz an den Tag und haben sprachlich einiges mehr auf dem Kasten als die Männer. Alles gute Argumente, die uns zu prima Lügenbaroninnen machen. „Frauen können auf Fragen schneller mit einer Lüge antworten als Männer“, sagt  Nina Krüger. Vielleicht ist das von Vorteil? So lügen wir uns  das Leben leichter, freuen uns selbst über unerwünschte Geschenke und verteilen überschwängliche Komplimente – und sind dabei ziemlich prompt und überzeugend. 

Selbst für die ganz Ehrlichen unter uns gibt es noch Hoffnung. Denn auch beim Lügen gilt: Übung macht den Meister. Je häufiger wir es tun, desto besser werden wir darin. Also schön weiter trainieren. Wer weiß, wozu es uns eines Tages noch zu nütze ist.


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