Macht mich das an? Pornos für Frauen im Test

Da wir mit Männer-Phantasien oft nichts anfangen können, gibt es mittlerweile Pornos, die extra für Frauen gedreht wurden. Sind die romantisch? Machen die heiß? Unsere Autorin weiß es.

von Jana Felgenhauer

Mich umgeben Nonnen, Studentinnen und Mütter, die, alle nackt und geil, auf DVD-Covern zu sehen sind, welche in sechs Reihen übereinander einen langen Gang ausfüllen. Bei einigen Aufnahmen weiß ich auf den ersten Blick nicht, welches Körperteil ich da zu sehen kriege – und was genau damit geschieht. Nach dem zweiten Blick bereue ich, genauer hingeschaut zu haben.

Ich befinde mich in einem Sexshop auf der Hamburger Reeperbahn und bin in der Filmabteilung fast allein. Nur ab und zu schleicht ein Mann an mir vorbei und guckt mich misstrauisch von der Seite an. Ich gehe angeekelt von Regal zu Regal, einer Fleischtheke, in der Hunderte von entblößten Frauen aus weit aufgerissenen Mündern künstliche Orgasmen herausfeuern, die Augen nach hinten verdreht. Masturbationsvorlagen to go, gemacht von geilen Männern für geile Männer – obwohl ich die Hoffnung habe, dass es nicht jedem gefällt, sich auf dieses Gruselkabinett einen runterzuholen.

Mich jedenfalls machen diese brutalen und erniedrigenden Darstellungen von Frauen wütend. Ich möchte mir gern Sex anschauen, den ich selbst auch gern hätte – verkörpert von Menschen, mit denen ich es auch tun würde.

Frauenpornos: Paare, die sich küssen, statt sich die Genitalien ins Gesicht zu drücken 

Im Regal „Für Sie und Ihn“ komme ich der Sache schon näher. Männer, inszeniert als orgastische Väter, Studenten und Mönche, fehlen hier allerdings, denn Frauen wollen anscheinend auch lieber dem schönen Geschlecht beim Sex zuschauen. Frauen stehen also auch hier im Mittelpunkt, rekeln sich oben ohne, aber nicht unten ohne. Und die Paare, die zu sehen sind, küssen sich, anstatt sich gegenseitig ihre Genitalien ins Gesicht zu drücken. Der Fokus liegt auf den Körpern und Gesichtern. Erotik statt Porno. Diese Ästhetik, die Frauen anlocken soll, würde ich als sinnlich umschreiben, ein Wort, das mir irgendwie altmodisch vorkommt und das ich so gar nicht mit Pornografie in Verbindung bringe. Aber ich möchte herausfinden, ob mich diese Filme wirklich anmachen können. Zuerst aber kehre ich zu den Anfängen meiner Sexualität zurück: Softpornos im Privatfernsehen.

ALS JUGENDLICHE riss ich mir immer die neueste Fernsehzeitung unter den Nagel, die mir verriet, welche Sexfilmchen in den nächsten zwei Wochen laufen würden. Die meisten Streifen bekamen in der Kategorie „Erotik“ nur einen von drei Punkten, und diese Bewertungsdaumen zeigten eigentlich immer nach unten. Trotzdem schaltete ich jeden Samstag ab null Uhr mit Vorfreude meinen kleinen blauen Röhrenfernseher an – lautlos, den Finger an der Fernbedienung, falls ich meine Eltern draußen trapsen hörte. Ich wollte sie, die braun gebrannten Körper, die sich auf Dachterrassen in Südfrankreich liebten, in roten Cabrios und in alten Schlössern. Nie gab es Genitalien in Interaktion, aber allein die Vorstellung war aufregend für eine, die von Sex so weit entfernt war wie ich mit 14 Jahren. Ohne das Internet war an Pornografie noch nicht zu denken, außerdem hatte ich in meiner jungfräulichen Unschuld noch gar kein Interesse an expliziten Bildern. Damals dachte ich: So etwas schauen sich nur Perverse an, die in Videotheken durch schwarze Vorhänge in die „Ü 18“-Abteilung huschen. Für mich gab es nur Vox, Kabel 1 und RTL II. Und die „Sommernachtsfantasien“, die einmal im Jahr im ZDF liefen.

OB MICH DIESE EROTIKSCHINKEN jetzt mit Ende 20 wohl immer noch anmachen? Im Netz finde ich eine Seite, auf der sich Vintage-Sexfilme streamen lassen. Dort treffe ich auf eine alte Bekannte: Emmanuelle. Teil sechs, 1988. Langsam zieht sie ihre Seidenstrümpfe aus, die Kamera filmt im Halbdunkel über ihren Körper, was ein bisschen an Aktbilder in Schaufenstern von Provinzfotografen erinnert. Erst nach 20 Minuten gibt es die erste Sexszene: Emmanuelle reibt sich an einem ölverschmierten Schiffsarbeiter, später an einem Unbekannten in einem Fluss, hin und wieder streichelt sie auch Frauen. Alle Darstellerinnen haben echte Brüste. Penisse sind nicht zu sehen. Vulven auch nicht – dank der Schamhaare, dicht gewachsen wie Biberschwänze. Nach einer Weile spule ich vor, weil ich genervt bin, dass alles nur angedeutet und immer dann geschnitten wird, wenn es mal heißer zugeht. Und dieses sinnlose Gequatsche. Braucht kein Mensch. Ich möchte jetzt sehen, wie nackte Körper übereinander herfallen, sich ineinanderbohren – verrucht und wild. Ich will jetzt einen Film, bei dem selbst Emmanuelle rote Ohren bekommen würde.

Pornos für Frauen: Show für nackte Talente?

Ich starte mit „Petra Joy“, einer deutschen Regisseurin, die Filme aus der „weiblichen Sicht“ dreht. Ihre Internetseite leuchtet mir bordellrot entgegen. Für 10 Euro kann ich mir 40 Minuten lang Filme anschauen – aus Kategorien wie „Oral“, „Gruppensex“ oder „Charaktere“ (Hausfrauen? Oder lieber Vampire?). Ich lande bei einer Art Talentshow, in der nur Frauen in der Jury sitzen. Ein Mann im Lederschlüpper tanzt vor ihnen an einer Stange – später hält er seine eigene in der Hand. Kandidat Nummer drei befriedigt schließlich auch die Damen in der Jury und gewinnt damit einen goldenen Penispokal. Das ist lustig, aber echt nicht sexy.

In einem anderen Film springen ein Mann und eine deutlich ältere Frau durch Satinlaken. Sie trägt ein rotes Kleid und eine Stoffblume im blonden Haar, er ist ein Typ mit leicht verschlagenem Gesichtsausdruck, der aussieht, als hätte ihn jemand nachts am Altglascontainer gefragt, ob er Lust habe, spontan in einem Porno mitzuspielen. Der Verschlagene gibt sich jedenfalls viel Mühe, streichelt ewig lange den Kopf dieser Frau, massiert ihren Körper mit Öl, und bevor er sie oral befriedigt, leckt er ihr Knie. Was ein Erkenntnisgewinn: Mir hat noch nie einer meine Knie geleckt. Dem Blick der Frau nach zu urteilen, scheine ich da etwas verpasst zu haben.

PETRA JOY DREHT IN RÄUMEN mit roten Wänden und schwarzen Betten. Ich fühle mich ein bisschen wie in einem Sexshop, aus dem ich schnell wieder raus möchte. Manchmal kommen Streichelfedern und Eiswürfel zum Einsatz, Menschen lutschen an Füßen und Erdbeeren und schwimmen in einer Badewanne voller Rosenblüten. Was daran offenbar weiblich sein soll, ist mir zu klischeehaft. Als ob wir Pseudoromantik bräuchten, um erregt zu werden. Was mich aber so richtig abstößt, sind die Darsteller, die aussehen wie Leute, die ich in Swingerclubs vermute. Die meisten haben miese Tattoos und tragen Lippenpiercings. Oben und unten.

Das Stöhnen der Frauen in den Pornos könnte mein eigenes sein

DIE NACKTEN BEI ERIKA LUST, einer schwedischen Pornofilmregisseurin, die in schummriger Hitze in Barcelona dreht, sind deutlich hübscher. Für ihre Reihe „XConfessions“ verfilmt Lust die absurdesten Fantasien ihrer Zuschauer. Für 16 Euro lassen sich die Filme herunterladen. Dafür bekommt der Zuschauer schöne junge Menschen auf weißen Bettlaken zu sehen, deren Körper zwar nicht perfekt sind, aber sagen wir: appetitlich. Einige der Darsteller würde ich sofort in die Kissen schubsen. Tätowiert sind die zwar auch, aber mehr in Richtung Großstadthipster. Sie haben Sex mit ihren Nachbarn, beim Couchsurfing, beim Wandern, es gibt eine Hexe, die sich in einem Wald einen verwegenen Mann herbeizaubert, und eine Frauenorgie, bei der sich alle wie Katzen benehmen. Ich kann sogar ausblenden, dass es sich um Pornodarstellerinnen handelt, weil sie nicht dem Klischee entsprechen – aufgeblasen und kahl rasiert. Die Storys sind witzig, machen Lust auf Sex und wirken, als hätten die Darsteller wirklich Spaß miteinander. Das Tolle ist: Ich kann mich mit den Fantasien identifizieren, mir sogar vorstellen, selbst die Hexe zu sein, die Nachbarin oder eine der Katzenfrauen – das Stöhnen der Pornofrauen könnte auch mein eigenes Stöhnen sein.

Vielleicht sind die Frauenpornos ein Mittelding zwischen „Emmanuelle“ und Filmen, in denen den Darstellerinnen Sperma von der Augenbraue tropft. Interessant finde ich übrigens, dass die meisten Konsumenten von Frauenpornos Männer sind. Schadet denen aber auch nicht. Dann sind sie wenigstens vorbereitet. Zum Beispiel auf die Frage: Ähm … würdest du mal an meinem Knie lecken?