Mädelsabend: Bibiana Steinhaus über Männer, Fußball und Liebe auf dem Platz

Während Barbara aufkommende Zipperlein konsequent ignoriert, trainiert Bibiana Steinhaus konsequent ihre Vitalität. Täglich. Denn als erste und einzige Bundesliga-Schiedsrichterin muss sie mit all den anderen auf dem Platz mithalten.

Barbara: Bibiana, weißt du, was ich überhaupt nicht leiden kann?


Bibiana: Nein. Raus damit!


Barbara: Dieses ewige Reden über Zipperlein. Über Krankheiten. Wenn Leute sich, ich zitiere, „nicht fühlen“. Das ist so oft das beherrschende Gesprächsthema, wo immer ich auch hinkomme.


Bibiana: Aber machen wir uns nichts vor: Du bist 44. Das wird nicht besser werden in den nächsten Jahrzehnten, in denen Gesundheit ein immer dominanteres Thema wird. Und da kann es auch passieren, dass in deinem Umfeld Menschen ernsthaft krank werden.


Barbara: Stimmt, aber das meine ich auch nicht. Ich rede von Schnupfen, Magenverstimmung und Muskelkater. Weißt du, ich bin eigentlich immer ziemlich gesund gewesen. Meine These ist, dass es auch daran liegt, dass ich die kleinen Störfeuer meines Körpers so lange ignoriere, bis sie von allein verschwinden. Und wenn du schon vom Alter anfängst: Die Jüngste bist du auch nicht mehr mit deinen 39 Jahren.


Bibiana: Woran ich allerdings keinen Gedanken verschwende.


Barbara: Weil du superfit bist. Genauer: superfit sein musst.


Bibiana: Richtig. Sonst hätte ich als Schiedsrichterin in der Fußballbundesliga nichts verloren.


Barbara: Wie wird das eigentlich überprüft? Deine Fitness, meine ich.


Bibiana: Ich muss im Jahr bis zu sechs Leistungstests absolvieren.


Barbara: Entschuldigung, ich habe mich gerade verhört. Ich habe „sechs Leistungstests“ verstanden.


Bibiana: Stimmt schon. Da wird meine Leistungsfähigkeit in Sachen Ausdauer und Sprintfähigkeit getestet, genau wie bei meinen männlichen Kollegen.


Barbara: Gelten für alle die gleichen Standards?


Bibiana: Ja, klar, schließlich pfeifen wir in derselben Liga mit denselben Spielern. Das ist ziemlich anspruchsvoll. Ich trainiere deshalb jeden Tag. Und achte auf meine Ernährung, der Treibstoff für meinen Motor muss schon stimmen.


Barbara: Puh. Das muss man aber auch wollen ...


Bibiana: Oh ja. Und ich will das. Mir hilft, dass ich schon immer ein kompetitiver Typ war. Ich mag den Wettbewerb. Und mich immer wieder behaupten zu müssen, das ist ja irgendwie auch einer.


Barbara: Finde ich total super. Ich wäre auch gern so.


Bibiana: Bist du nicht?


Barbara: Überhaupt nicht. Und das ärgert mich eigentlich. Ein bisschen Ehrgeiz hilft ja, wenn man weit kommen will im Leben.


Bibiana: Und auch dann, wenn man genau daran scheitert. Denn das Spannende ist nicht unbedingt das Gewinnen. Wer sich dem Wettbewerb aussetzt, wird auch mal verlieren. Und wie ich dann mit der Niederlage umgehe, das ist das Interessante: Was lerne ich daraus? Wie entwickle ich mich dadurch weiter?


Barbara: Mein Problem dabei ist ja: Ich nehme nichts ernst. Mich nicht, aber eben auch keine sportliche Herausforderung. Ich glaube, das ist so eine Art gesunder Schutzmechanismus. Ich lasse nichts an mich ran. Wenn ich scheitere, macht es mir nichts aus. Aber wenn ich totale Triumphe einfahre, tangiert es mich eigentlich auch nicht.


Bibiana: Tatsächlich? Mich zum Glück schon. Ich liebe diese Emotionen, die will ich doch spüren. Und wie gut wäre das für dich! Dir schlägt doch so viel Wohlwollen entgegen, wo immer du auch hinkommst!


Barbara: Und dir ziemlich viel Ablehnung und Hass, oder?


Bibiana: Nö, so kann man das nicht sagen. Die Zustimmungsrate für das, was ich tue, ist berechenbar: Elf sind dafür, elf sind dagegen.


Barbara: Hast du da nicht ein paar Leute vergessen?


Bibiana: Wen meinst du?


Barbara: Die 60 000 im Stadion, für die Schiedsrichter immer alles falsch machen.


Bibiana: Bei allem Respekt – die dürfen kein Kriterium sein. Für mich ist wichtig: Habe ich mich bestmöglich vorbereitet? Bin ich mit mir im Reinen?


Barbara: Habe ich in diesem Moment die für mich beste Entscheidung getroffen? Habe ich alles gegeben?


Bibiana: Genau. So ist es. Und es ist gut, wenn man die Hilfe hat, um sich darauf vorzubereiten.


Barbara: Und wer hilft dir?


Bibiana: Ich habe letztes Jahr hier in Berlin mein erstes Bundesligaspiel gepfiffen …


Barbara: Wohlgemerkt als erste Frau überhaupt, was ja einen ziemlichen Aufruhr in den Medien verursacht hat ...


Bibiana: Stimmt. Jedenfalls: Wir haben als Team immer einen Physiotherapeuten an unserer Seite. Er hat mich vor dem Anpfiff auf eine Liege gelegt und nur ein Wort gesagt.


Barbara: Welches?


Bibiana: „Atmen“. Ich habe da also gelegen und zehn Minuten unter Anleitung geatmet. Und mir war vorher nie so bewusst gewesen, wie wichtig das Atmen ist.


Barbara: Wofür? Also, außer zum Überleben jetzt.


Bibiana: Dafür, mich auf die Aufgabe vorzubereiten. Wie es sich anfühlen wird, die Rolltreppe runterzufahren. Das Feld zu betreten. Den Ball von der Stele zu nehmen. Wie die Mannschaften sein werden. Die Visualisierung in Kombination mit dem Atmen, das war ... irre. Ich habe mich plötzlich so gefreut auf diese Aufgabe, ich fühlte mich total bereit.


Barbara: Toll! Allerdings glaube ich, ich bin das immer.


Bibiana: Bereit?


Barbara: Ja.


Bibiana: Man könnte also sagen: Du bist naturbereit?


Barbara: Genau. Und endlich ist es raus! Aber was ich eigentlich meine: Ich bin immer bei mir. Wenn ich auf eine Bühne gehe oder eine Show moderiere, habe ich vorher dieses Gefühl der … sagen wir mal: Selbstgewissheit. Ich weiß, was ich zu tun habe. Und wie ich es tue. Und wenn ich dann mal einen Fehler mache, ist es höchstens ein Thema für den Boulevard. Aber wie ist es für dich? Du hast dann doch gleich 80 Millionen Bundestrainer am Hals! Das finde ich total ungesund!


Bibiana: Na ja. Das bedeutet erst mal Schmerz. Das ist alles andere als schön. Aber das Wichtigste ist dann: Dieses Gefühl beiseitestellen. Krisenmanagement betreiben. Die Situation klären. Um mein Gefühl kann ich mich später kümmern.


Barbara: Aber wie tust du das?


Bibiana: Gnadenlos analytisch. Ich gucke mir an, was da eigentlich schiefgelaufen ist. Ob und wie ich das hätte vermeiden können. Ob ich noch jemanden in meine Entscheidung hätte einbeziehen sollen. Was ich beim nächsten Mal anders machen kann ...


Barbara: Ist ja interessant. Ich dachte immer, als Schiri sagt man: Hab’s nicht gesehen, dumm gelaufen, Ende der Diskussion.


Bibiana: Das ist zu einfach. Wir müssen uns ja darüber bewusst sein, dass uns Menschen anvertraut werden. Dir zum Beispiel deine Gäste in der Talkshow. Und mir diese 22 Fußballer. Und in diesem Wort steckt das Entscheidende: Sie vertrauen uns.


Barbara: Da ist was dran. Aber wie gehen wir beide damit um?


Bibiana: Mit Authentizität. Etwas, was bei dir perfekt funktioniert. Du bist immer du selbst und dabei glaubwürdig. Und ich spüre das Vertrauen der Spieler, der Trainer, der Funktionäre. Wo ich auch hinkomme, ich bekomme immer vermittelt: Wir kennen dich schon so lange, wir wissen, du wirst es

gut machen. Wir freuen uns auf dich. Das ist ein tolles Gefühl!


Barbara: Das stimmt! Aber freust du dich auch auf alle Spieler? Da gibt es doch schon Kandidaten, von denen man weiß, dass es, wie soll ich sagen: schwierig werden kann.


Bibiana: Klar. Mit diesen Spielern rede ich halt besonders viel.


Barbara: Reden? Irgendwie sieht man dich nur im Bild, wenn du mal eine gelbe Karte ziehst.


Bibiana: Oh, da wird unendlich viel kommuniziert. Besonders meine Erwartungshaltung. Wenn die Spieler vorher wissen, was ich von ihnen erwarte, können sie für sich entscheiden: Respektiere ich das oder übertrete ich ihre Grenze? Kommunikation passiert übrigens gern, wenn der Ball nicht in der Nähe ist. Ich muss versuchen, meine Augen überall zu haben. Und den Spielern dann vermitteln, dass ich sehr wohl alles sehe.


Barbara: Puh. Das ahnt man ja nicht, wenn man vorm Fernseher sitzt. Ich würde sagen: Für diesen Job braucht es wirklich einen gesunden Geist in einem gesunden Körper. Gerade bei der Bedeutung, die der Fußball hat. Weißt du, worauf ich die alleremotionalsten Reaktionen bekommen habe?


Bibiana: Na?


Barbara: Als ich in einer Show Witze über Uli Hoeneß gemacht habe, der gerade wegen Steuerbetrugs in den Knast gewandert war. Da habe ich mal wieder gemerkt, was für eine Wucht dieser Sport hat. Deshalb frage ich mich auch: Stehen deine Leistung und der Druck, dem du ausgesetzt bist,

nicht in einem ungünstigen Verhältnis zu der Entlohnung, die du dafür bekommst?


Bibiana: Tja. Da frage ich mich: Mit wem vergleiche ich das? Ich habe einen unglaublich tollen Job. Es ist ein großes Privileg, in der Bundesliga tätig werden zu dürfen. Was aber wichtig ist: Wir Schiedsrichter werden uns auch weiter professionalisieren. Diese Entwicklung muss einfach sein, um der Bedeutung der Sache und den stetig steigenden Anforderungen gerecht zu werden. Ist letztlich ein Hobby bisher, die Schiedsrichterei. Wir haben alle auch einen Job. Und ich bin von Beruf eben nicht Schiedsrichterin, sondern Polizistin, in Teilzeit. Das gibt mir auch jeden Samstag die Freiheit der Entscheidung: Will ich da jetzt raus und diese Herausforderung annehmen? Ich muss ja nicht. Meine Brötchen verdiene ich anders.


Barbara: Aber du bist jedes Wochenende irgendwo in Deutschland unterwegs. Ist das gesund für deine Beziehung?


Bibiana: Na ja, die ist ohnehin eine Fernbeziehung. Sehr fern sogar. Mein Freund lebt in New York.


Barbara: Was macht er denn da?


Bibiana: Arbeiten. Howard war auch Schiedsrichter, hat zum Beispiel das WM-Finale 2010 in Südafrika gepfiffen. Und jetzt ist er verantwortlich für die Entwicklung der Schiedsrichter in der Major League Soccer, der amerikanischen Profiliga.


Barbara: Das ist ganz schön hart für dich, oder?


Bibiana: Sagen wir mal: Man muss auch das wirklich wollen. Und wir wollen diese Beziehung beide.


Barbara: Ehrlich gesagt, für mich wäre das nichts. Ich liebe es ja, wenn der Mann abends nach Hause kommt.


Bibiana: Ich auch … Wir nutzen die Lücken im großen Fußballterminkalender, um Beziehungspflege zu betreiben. Schwierig, aber der Mann ist nun einmal alternativlos.


Barbara: Wie toll. Das kann man über Männer vergleichsweise selten sagen. Und was passiert mit euch auf lange Sicht? Wenn die Schiedsrichterei bei dir mal vorbei ist? New York? Hannover?


Bibiana: Werden wir dann sehen. Wie heißt es beim Fußball immer so schön? Ein Spiel nach dem anderen.


Barbara: Und weißt du was? Diese Einstellung finde ich sehr gesund. Langfristige Pläne sind Quatsch, weil man sich dadurch auch immer in Abhängigkeit von anderen begibt. Du lebst ja immer in einem sozialen Gefüge, und wie sich die Individuen darin entwickeln, beeinflusst auch dein Leben. Ich bin ein großer Fan des Loslassens, egal ob es um Vergangenes oder Zukünftiges geht. Und ich glaube, dass ich darauf auch körperlich reagiere.


Bibiana: Wie das?


Barbara: Ich bin gesund. Ich habe keinerlei Verspannungen. Nur mal so als Beispiel.


Bibiana: Ah, wie toll. Du lässt dich nicht von Stress einwickeln! Das verhindert auch, dass du griesgrämig wirst.


Barbara: Dabei hilft allerdings, dass ich ziemlich gute Arbeitsbedingungen habe. Ich muss keine Steine klopfen. Ich bin mir ziemlich bewusst darüber, und das macht mich dankbar.


Bibiana: Und du kommst nicht an den Punkt, an dem dir das alles doch mal zu viel wird?


Barbara: Ich habe ja die folgende These: Je mehr man macht, desto mehr schafft man auch. Im Urlaub dagegen schlaffe ich in kürzester Zeit ab, da bekomme ich dann den Hintern sehr schnell für nichts mehr hoch. Deshalb plädiere ich dafür, öfter mal die Komfortzone zu verlassen und sich selbst ein bisschen zu fordern. Auch wenn man dafür Opfer bringen muss. Kennst du bestimmt auch, oder?


Bibiana: Klar. Ich habe wegen Fußball zum Beispiel die Hochzeit meiner Schwester verpasst.


Barbara: Nicht dein Ernst!


Bibiana: Doch. Sie war allerdings auch selber Schuld. Die Termine der Frauen-WM 2011 waren schon lange bekannt, da legt man doch keine Hochzeit hin. Aber meinetwegen muss sie wirklich nicht noch mal heiraten.

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Bibiane Steinhaus und Barbara Schöneberger
Mädelsabend: Bibiana Steinhaus über Männer, Fußball und Liebe auf dem Platz

Während Barbara aufkommende Zipperlein konsequent ignoriert, trainiert Bibiana Steinhaus konsequent ihre Vitalität. Täglich. Denn als erste und einzige Bundesliga-Schiedsrichterin muss sie mit all den anderen auf dem Platz mithalten.

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