Männer – warum zum Teufel schickt ihr uns Penisbilder?

Männer im digitalen Zeitalter halten sie für eine adäquate Flirtmethode: Mit dem Smartphone versendete Fotos ihres Geschlechtsteils. Ungeschönt. Immer mehr Frauen haben mit diesen Bildern bereits Bekanntschaft gemacht. Unfreiwillig. Wir haben eine Sexologin gefragt: Frau Henning, warum machen Männer so etwas?

von Paula Becker

Nach 25 Jahren wieder Single. Nach einem weiteren Jahr bereit für neue Abenteuer. Zeitungsannonce schalten? Nee, die Zeiten sind vorbei. Also ist Online-Dating die erste Wahl. Ein schönes Foto geknippst, Hobbys, Wünsche und Träume notiert, das lebensbejahende Zitat des Lieblingsdichters dazu. Es kann losgehen: Traummann finde mich! Bing, Bing! Schon ist die erste Nachricht im Chateingang. Doch statt Komplimente oder einem Foto der Traumvilla findet sich im Anhang: Ein Penisfoto! „Ihhhhh!“. Da hat der Kerl doch einfach die Hose gelupft und ein Bild geschossen. Kräusel-Haare, pralle Venen, Schrumpelhoden – alles drauf. Noch nicht einmal eine künstlerische Inszenierung war frau ihm wert. Völlig verstört im Freundinnenkreis herumgefragt kommt raus: Sie ist nicht das einzige ‚Opfer’. Viele Frauen haben mit derartiger unnachgefragter Post bereits Erfahrung machen müssen. Wir fragen uns da: Warum zum Henker machen Männer im digitalen Zeitalter so etwas?

Wir haben uns deshalb Rat von einer geholt, die es wissen muss: Sexologin und Buchautorin Ann-Marlene Henning gibt uns Antworten auf unsere Fragen.

Frau Henning, warum bitte glauben Männer, dass wir unbedingt ihren Penis sehen wollen?

Männer sind visuell veranlagt, Frauen akustisch. Und da liegt schon das Problem: Der Mann denkt beim spontanen Versenden eines Penisfotos aus seiner Perspektive heraus. Er glaubt schlichtweg, wir freuen uns über das Bild so wie er sich über ein Bild einer Vagina freuen würde – sogar einer fremden.

Warum ticken wir da so unterschiedlich?

Ich selbst liebe ja erigierte Penisse. Viele Frauen jedoch haben das männliche Geschlechtsteil noch nicht erotisiert. In meinem Buch schreibe ich darüber, wie sexuelle Systeme von Menschen sich erst im Laufe des Lebens entwickeln. Frauen haben, gerade was das Geschlecht angeht, größeren Lernbedarf. Sie beschäftigen sich ja nicht wie Männer von Anfang an damit.

Im Internet ist critiquemydickpic.tumblr.com  sehr erfolgreich. Sinngemäß bedeutet der Name der Seite: „Bewerte meinen Schwanz. com". Hier lädt eine Studentin von Nutzern eingesandte Penisfotos hoch und bewertet künstlerisch bis wohlwollend mit Noten von A+ bis C. Kunden, die eine noch detailliertere Beschreibung des Gesehenen wünschen, zahlen 10 Dollar und bekommen diese dann privat geschickt. Warum bloß haben Männer ein so großes Interesse daran, dass Frauen ihr Gemächt betrachten und bewerten – und das auch noch öffentlich?

Potenz ist für Männer ein Symbol ihres „extended selfs“, also ihres erweiterten Ichs. Soll heißen: Beweist ihr kleiner Freund viel Standvermögen, ist das der Beweis, dass auch sie als Person im echten Leben ihren Mann stehen. Mit so einem Foto sticht der Mann dann quasi in die Welt hinaus. Dieser Wunsch nach einem großen Penis entsteht schon im Kleinkindalter. Während das kleine Mädchen sich mit der Mutter, der wichtigsten Bezugsperson, abgleicht und nur Ähnlichkeiten entdeckt, erkennt der Junge, dass es einen entscheidenden Unterschied zwischen ihm und der Mutter gibt. Das ist ein Schock für ihn! Der nächste Abgleich findet dann mit dem Vater statt, der aber auch nicht aussieht wie der kleine Junge, sondern einen viel größeren Penis hat – der nächste Schock! So entsteht schon früh der starke Wunsch, auch einen großen Penis zu besitzen und sich endlich auf ähnlichem Niveau vergleichen zu können.

Also ist an der abfälligen Bemerkung, ein Mann mit starkem Geltungsbedürfnis habe schlichtweg einen kleinen Penis, doch etwas dran?

Manchmal. Für Männer geht es beim Penis häufig um Größe. Schuld daran sind auch die Pornos, die sich sehr, sehr viele Männer regelmäßig anschauen. Hier wird sich erneut verglichen. Doch diese zeigen kein Abbild der Realität, sondern nur Riesen-Penisse, darüber sollten schon Jugendliche aufgeklärt werden. Die Penisgröße ist somit für Männer, was für uns die Kleidergröße ist. Sie fühlen sich zu kurz und wir zu dick. Schuld daran sind unrealistische mediale Bilder.

Dabei mögen wir Frauen ja gar keine überdimensionalen Penisse...

Richtig! Die allerwenigsten Frauen mögen einen Penis, der ihnen beim Sex gegen den Muttermund stößt. Das tut nämlich hauptsächlich weh. Aber wie gesagt: Männer können sich das einfach nicht vorstellen.

Ist der Mann, der mir ungefragt ein Penisbild schickt, also doch kein perverser Exhibitionist, sondern einfach nur irregeleitet?

Ja, das Versenden eines solchen Bildes ist ausdrücklich kein krankes Verhalten. In einem Zeitalter, in dem sich Menschen ständig in den sozialen Medien Bilder aus ihrem Alltag hin und her schicken, also vom Sport, Essen und Schlafen ist so etwas normal geworden – und eben auch ein Penisfoto schnell verschickt.

Also: Mit Humor nehmen oder entrüstet sein?

Mit Humor nehmen, aber klare Grenzen setzen, wenn man sich selbst mit dem erhaltenen Bildmaterial unwohl fühlt.

Ann-Marlene Henning wurde 1964 in Viborg geboren und studierte in Hamburg Neuropsychologie und in Dänemark Sexologie, ein Fach, das an skandinavischen Universitäten angeboten wird. Anschließend führte sie diese Ausbildung in der Schweiz mit dem Sexocorporel-Konzept fort. Sie bietet heute als niedergelassene Psychotherapeutin in ihrer Praxis in Hamburg Paar- und Sexualtherapie an. In ihrem Buch erzählt Henning, was jeder machen kann, um besseren Sex zu haben. Denn Erregung ist angeboren, gute Sexualität nicht. Die bringt sich jeder selbst bei – so gut er kann. Dieses Buch gewährt einen Blick durchs Schlüsselloch, erzählt und regt an – ganz elegant zu ganz normalem Sex.

Ann-Marlene Henning
Liebespraxis
Eine Sexologin erzählt
Originalausgabe
256 Seiten
ISBN: 978-3-499-63318-8

Wer hier schreibt:

Paula Becker