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Männerkolumne Wer ist hier stark?

Männerkolumne: Mann trägt Umzugskisten
© Maskot / Getty Images
Unser Kolumnist hilft gern. Etwa mit Leichtigkeit beim Umzug eines Freundes – die ihm sogar Kraft für Auffassungen über das schwache Geschlecht lässt

Begleiche eine Rechnung. Stufe für Stufe, Karton für Karton. Ist nicht der zweite, dritte, vierte Stock. Ist der fünfte. Ist aber auch egal. Mein Kumpel hat mir geholfen, jetzt helfe ich ihm. Umzugsschulden sind Ehrenschulden! Glastisch, Plastikstühle, Keramiktassen, Holzregale, Gummibaum – es geht schleppend voran. Dafür aber recht fix. Stichwort Treppenhauskette! Jedenfalls bis zur Entdeckung einer Sollbruchstelle. Denn das schwächste Glied – hat keines.

Sind Männer wirklich das stärkere Geschlecht? 

Kerstin ist zur humanen Temposchwelle geworden, verursacht einen epochalen Sommerferienstau, weil sie sich übernimmt. Eben hat sie versucht, eine Bücherkiste hinter sich herzuziehen, wie eine Leiche, die in einem Teppich eingerollt ist. Nun krallt sie sich an einer Eichenschrankwand fest. Mit Strickmütze und Sandalen sieht sie immerhin aus wie ein Sherpa. Ein Yak wäre jetzt hilfreich … Kerstin kämpft: mit der Schwerkraft, mit ihrer Balance und mit den Gefühlen. Sauer ist sie, mächtig sauer auf den Schrank. Nicht das Möbelstück, sondern Frank mit dem breiten Rücken. Der will nämlich helfen, packt an. Den Schrank, nicht Kerstin. Die wiederum hält krampfhaft fest am Holzschrank und dem Zwang, irgendetwas beweisen zu müssen. Nur was?

Theoretisch ist es ein Klischee, dass Männer das stärkere Geschlecht sind. In der Praxis schleppen sie dann aber eben doch die Waschmaschine. Fakt ist: mehr Testosteron, mehr Muskelmasse, mehr Kraft. Chinesische Gewichtheberinnen außen vor (und Klausi, den Frank vorhin beinahe unter den Arm geklemmt hätte, weil er ihn mit einer Stehlampe verwechselt hatte).

Warum können wir Unterschiede nicht einfach akzeptieren? Und warum nicht das in unserem Rahmen Bestmögliche tun, unabhängig vom Geschlecht? Keine Ahnung, was Kerstin am besten kann. Schwere Dinge zu hieven ist es nicht. Sie sollte besser … Knack! Hab mich verhoben an einer Kiste mit Geschirr. Nacken, Rücken, Bandscheiben mucken auf. Halte mich am Geländer fest mit der Hand, die morgen den Überweisungsschein beim Orthopäden auf den Tresen legen wird.

Stehe im Flur wie ein gefälltes V. Gucke zu Boden und entdecke: sandalierte Füße. "Warte!", sagt ein zartes Stimmchen. "Ich helfe dir!" Kerstin greift zu, wuchtet den Karton auf ihrer Seite in die Luft. Lieb ist das, furchtbar lieb. Aber ich weiß echt nicht, ob ich das jetzt packe.

Barbara

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