Magersucht bei Männern: "Wie ein Drogenabhängiger, der die Dosis erhöhen muss"

Es beginnt damit, dass Aron Boks seine Backen zu dick findet, dann hört er ganz auf zu essen und landet schließlich mit Organschäden in der Klinik. Jetzt hat der 22-Jährige ein Buch über seine Krankheit geschrieben. 

von Tina Epking (Interview)

Aron ist kein Problemkind. Ganz im Gegenteil. Er hat viele Freunde, ist intelligent, in behüteten Verhältnissen aufgewachsen und als Autor, Moderator und Slam Poet schon sehr jung erfolgreich. Außerdem ist er hochgradig essgestört. Seine Krankheit entwickelt sich schließlich so extrem, dass er einen BMI unter 17 und Schäden an seinem Herzen hat. In  "Luft nach unten" schildert der 22-Jährige gleichzeitig selbstironisch und dramatisch den Alltag und Wahnsinn eines Magersüchtigen  – und zwar so fesselnd, dass man nicht aufhören kann zu lesen. Wir haben mit ihm gesprochen. 

Barbara.de: Wie geht es dir im Moment?

Aron Boks: Gut. Ich muss natürlich aufpassen, damit das auch so bleibt. 

Eigentlich wollte ich nach deinem niedrigsten Gewicht fragen, aber dann habe ich gelesen, dass du das nicht gut findest. Warum?

Weil ich es sinnlos finde über konkrete Zahlen zu sprechen. Bei einer Essstörung geht es darum, dass die Menschen auf dysfunktionale Art und Weise versuchen, ihre Emotionen zu regulieren. Allein über das Gewicht lässt sich nicht festmachen, ob und wie krank jemand ist. Wichtiger ist, was im Kopf vorgeht. Das wird oft nicht erkannt. Grundsätzlich finde ich Berichterstattung natürlich gut, weil auf das Problem aufmerksam gemacht wird, aber es darf nicht allein darum gehen, Sensationslust zu befriedigen. Dazu kommt, dass es gefährlich sein kann, allein durch Gewichtszahlen zu schockieren. Essgestörte könnten sich durch solche Angaben getriggert fühlen und denken, dass bei ihnen alles noch gar nicht so schlimm ist. 

Warum glaubst du, bist du magersüchtig geworden?

Am Anfang ging es einfach darum besser auszusehen. Dabei war ich dünn, ich war nie übergewichtig. Warum das so war, weiß ich selbst nicht so genau. Dann wurde es schnell sehr fanatisch, ich habe alles Mögliche versucht: Erst extrem viel Sport, dann der Verzicht aufs Essen. Ich wollte ausprobieren, wie weit ich gehen kann. Was erst ein Spiel war, ist irgendwann abgerutscht in etwas Krankhaftes.

Was war die Initialzündung?

Es gab Momente, in denen man einen Spruch bekommen hat. Es ging oft um meine runde Gesichtsform. Zumindest bildete ich mir ein, eine zu besitzen. Aus dieser Einbildung wurden Hamsterbacken. Ich habe mich selbst angeschaut, mich verglichen und beschlossen, dass ich auf jeden Fall noch dünner werden kann. Plötzlich gab es kein Zurück mehr aus diesem zwanghaften Denken. 


Ich schaue jeden Morgen in den Spiegel. Nicht kurz, ich drehe mich dreimal. Erst nur den Kopf, dann den Körper. Ziehe kurz mein T-Shirt hoch, dreimal, vorsichtig. Das Bad hat ein Fenster, man kann hereinsehen. Dabei möchte ich nicht gestört werden. Ich achte darauf, dass keine Haut über meinen Gürtel schaut. Schaffe ich das nach dreimaliger Kontrolle,  kann der Tag beginnen. Dann wird es ein guter Tag. (aus "Luft nach unten")


Es ging aber nicht nur um dein Aussehen...

Es ging um die Kontrolle, darum, dass ich es schaffen kann. Man kann das irgendwann gar nicht mehr richtig steuern. Die Vergiftung meiner Psyche hat sich so verselbständigt, dass es eine übermächtige Kontrollsucht wurde. Es war wie ein Rausch. Wie die Sucht bei einem Drogenabhängigen, der immer weiter die Dosis erhöhen muss. 

Wie sah dein Alltag aus?

Sehr uninteressant. Ich bin aufgestanden und habe nur das Nötigste getan, damit ich nicht zu viel Energie verschwende und kein Hungergefühl bekomme. Ich habe ausprobiert, wie es funktioniert, mit möglichst wenig Ressourcen auszukommen. Das habe ich jeden Tag wiederholt. Mein Ziel war es, nichts zu essen. Das hat mir Sicherheit gegeben. Meine Gedanken kreisten nur darum, wie ich möglich wenig essen und dabei überleben kann. Zu mehr war ich auch nicht fähig, weil ich kognitiv nicht ganz da war. Es knockt einen ja völlig aus, wenn man nichts isst. 


Ich hätte bereits Schäden im Gehirn, die Arbeit meiner Nieren hätte sich verschlechtert, dazu die Herzrhythmusstörung...Ach ja und überhaupt: Wenn ich so weitermache, würde ich bald sterben. Ich solle an meine Organe denken. Für ein paar Sekunden, Stunden vielleicht, damals umgeben von der Krankenhausatmosphäre und Eindrücken der Vergänglichkeit gedachte ich ihrer. Der Organe. Auch sorgte ich mich um meine Gesundheit, damals, komplett verkabelt und die unregelmäßige Kurve meines Herzschlags auf einem Monitor im Untersuchungsraum beobachtend. Ich fürchtete mich. 


Dir ging es so schlecht, dass du schließlich im Krankenhaus gelandet bist, mit bereits schlimmen Schäden. 

Man darf das nie vergessen: Anorexia nervosa ist eine tödliche Krankheit. Durch Mangelernährung  kann das Gehirn und das Herz angegriffen werden. In dem Moment, als ich ins Krankenhaus kam, ist für mich alles zusammengebrochen. Ich habe gesehen, dass dieses zwanghafte Kontrollsystem so nicht funktionieren kann. Ich war total erschüttert. Aber es war auch eine Erleichterung. Der gesunde Teil in mir, der ja immer noch da war, hat endlich wieder einen Überlebensinstinkt gezeigt. 

Wieso hat so lange keiner etwas gemerkt?

Meine Freunde und meine Familie haben schon etwas gemerkt, sie haben  auch am Schluss eingegriffen – und so mein Leben gerettet. Es war irgendwann nicht mehr zu übersehen. Ich habe mich völlig isoliert, ich habe anders geredet, ich bin  regelmäßig zu Essenssituationen zu spät gekommen und habe immer behauptet, ich hätte schon gegessen. Ich hatte ganz viele Vermeidungsstrategien. Ich bin zum Beispiel nicht nur zu spät gekommen, sondern auch früher gegangen. Ich hatte gar nicht die ausreichende Energie, um länger etwas zu unternehmen. Ich habe ständig gelogen. Ich habe immer nur überlegt, wie ich mit meiner Sucht durchkomme, habe mich betont aufgedreht und überschwänglich gegeben, auch wenn ich gar keine Kraft hatte. Wie bei jeder Sucht ist der Anorektiker extrem darauf bedacht, den Schein nach außen zu wahren. 

Laut Statistik ist nur einer von zehn Magersüchtigen männlich. Glaubst du, dass du den Schein deswegen länger wahren konntest?

Ich glaube schon, aber ich habe meine Krankheit auch immer versteckt. Bei meinen öffentlichen Auftritten habe ich oft zwei oder drei Pullover getragen, damit keiner sieht, wie dünn meine Arme und mein Oberkörper sind  – und auch weil mir ständig kalt war. Ich glaube, allgemein werden Essstörungen eher mit Frauen assoziiert, die sind grundsätzlich schneller im Verdacht. Wenn ein Mädchen solche Fragen gestellt hätte wie ich, wären Außenstehende wahrscheinlich sofort hellhörig geworden. 

Was hast du gesehen, wenn du in den Spiegel geguckt hast?

Auch das habe ich vermieden. Es war mir ja unangenehm, mich zu sehen. Ich bin mit meinem Körper immer unzufrieden gewesen, egal, wie viel ich wog. Meine Essgestörtenstimme war immer da. Wenn die dem Esssgestörten sagen würde, dass er zufrieden ist, wäre das ja in dem Moment falsch. Dann würde er nicht mehr abnehmen. Es wurde mir von ihr  also immer gesagt, dass es noch nicht genug ist.


Dann schaut sie auf meine Arme, dort bleibt sie hängen. Meine Arme. Vorhin bei der Untersuchung haben sie und eine Schwester ein Belastungs-EKG mit mir gemacht. Ich musste auf einer Art Fahrrad so lange fahren, bis ich nicht mehr konnte. Die Schwester sagte mir in einem strengen Ton, dass das etwas länger dauern würde. Sie müssten eine Kinderarmbinde finden, die normale würde nicht um meinen Arm passen.


Wie laut ist deine Essgestörtenstimme gerade?

Ich habe sie gut im Griff. Sie wird vermutlich immer in mir drin sein, wie ein Keim, den man nicht ganz abtöten kann. Ich muss einfach aufpassen, dass die Krankheit nicht wieder ausbricht, dass sie nicht wieder lauter wird. 

Wie sieht dein Alltag im Moment aus?

Ich lebe. Das ist schon mal sehr schön. Ich bin gesund, mein Herz ist mittlerweile wieder in Ordnung, ich bin normalgewichtig. Ansonsten tue ich das, was ich sehr gerne tue: Ich schreibe, trete auf und bin dankbar, dass ich wieder so viel Energie habe und am Leben um mich herum teilhaben kann. Spontan essen klappt noch nicht immer, aber es macht wieder Spaß. Ich muss nur trotzdem aufpassen, dass ich es mache. 

Glaubst, dass du die Magersucht irgendwann ganz los sein wirst?

Es wäre furchtbar, wenn ich akzeptieren würde, dass das für immer so bleibt. Es ist ein Kampf, den ich geführt habe und führe, aber im Moment geht es mir gut. Sie ist auf jeden Fall ein Teil von mir, auch wenn ich nicht will, dass sie wiederkommt. Sie ist noch da, ein bisschen wie eine Ex-Freundin, die sich weigert die Nachbarschaft zu verlassen.  

Würdest du bei einem Date direkt erzählen, dass du magersüchtig warst? 

Ich erzähle das jetzt nicht bei jeder Gelegenheit, aber ich mache auch kein Geheimnis daraus. Es ist eine Krankheit und kein Laster.

Wie können Menschen im Umfeld helfen?

Sie können dadurch helfen, dass sie einfach da sind. Unterstützend und gleichzeitig streng. Wichtig ist, dass man genau hinschaut, aufmerksam ist und nicht alles so hinnimmt, was die essgestörte Person erzählt. Außerdem sind eine Therapie und professionelle Beratung wichtig, weil man ohne sie in der Regel nicht aus dieser Krankheit rauskommt. 

 "Luft nach unten. Wie ich mit meiner Magersucht zusammenkam und mit ihr lebte" von Aron Boks ist im Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag erschienen und kostet 14,99 Euro.





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