Mamas Liebling: Darf man ein Kind mehr mögen?

Es gibt wenige No-Gos in der Erziehung, aber das geht nicht: Man darf auf gar keinen Fall sagen, wenn ein Kind der Favorit ist, findet unsere Autorin.

von Viola Kaiser

Als eine entfernte Bekannte neulich sagte, dass sie eins ihrer vier Kinder am liebsten hat, lief mir ein kalter Schauer über den Rücken. Das mal zu denken ist zwar ein bisschen fies, aber irgendwie auch verständlich. (Vor allem, wenn ein oder zwei der Nachwuchsexemplare dazu neigen, sich dauernd  zu kloppen oder vor der Supermarktkasse auf den Boden zu schmeißen, wenn es keinen Lolli gibt – und ein anderes eben nicht). Das Ganze öffentlich zu sagen dagegen finde ich wirklich, wirklich asozial. Ich persönlich bin ja der Meinung, dass Mütter praktisch alles dürfen: Saufen, böse Dinge denken, auch mal faul sein. Deswegen muss keiner ein schlechtes Gewissen haben. Aber laut mitzuteilen, dass man ein Lieblingskind hat, überschreitet sogar meine Grenze.

Lieber lügen!

Nicht etwa, weil ich kein Verständnis dafür habe, dass Mütter manchmal durchdrehen, sondern weil mir da die anderen leidtun, egal was für Arschlochkinder es sind. Es ist doch einfach echt scheiße, wenn man weiß, dass selbst die eigene Mutter einen vielleicht liebt, aber trotzdem andere besser findet. Ich glaube, das wird man sein Leben lang nicht richtig los. Tatsächlich sagen Studien zu diesem Thema, dass die weniger beliebten ein höheres Risiko haben, ein geringeres Selbstwertgefühl, Depressionen und Angststörungen zu haben. Wundert mich kein bisschen. Ich bin ja grundsätzlich für Ehrlichkeit, aber in dem Fall sollte man richtig gut lügen. Klar gibt es vielleicht einen Favoriten bei Mehrfachmüttern, klar sind wir alle nur Menschen, aber an der Stelle muss die Performance einmal sitzen. Selbst, wenn dafür gelogen werden muss – oder eben einfach mal der Mund gehalten. Da gibt es leider keine Alternative.

Gleichberechtigung für alle

Außerdem existiert ja noch eine andere Möglichkeit: Vielleicht mag man ja echt alle Kinder einfach genau gleich gern. Mal den einen weniger, mal den anderen mehr, aber grundsätzlich eben total gleich viel, nur anders, weil jeder Mensch eben anders ist. Gleichberechtigung auf allen Ebenen sozusagen. Die hat schließlich noch nie geschadet.