Maren Kroymann & Barbara: Jung aussehen mit 70 – Zustand super, Zahl unpassend

Während die wunderbare Kabarettistin Maren Kroymann, 70, ihren Ist-Zustand super findet, registriert Barbara, 45, dass keine Sau mehr guckt.

Barbara: Maren, du bist neulich 70 geworden.

Maren: Das stimmt.

War das dein schlimmster Geburtstag?

Nee. Überhaupt nicht. Wie kommst du darauf? Du meinst, wegen dieser großen runden Zahl?

Nun ja. Könnte man ja denken. Ein Freund von mir ist neulich 60 geworden, dem hängt die 70 jetzt schon wie ein Damoklesschwert über dem Kopf.

Weißt du, an welchem Geburtstag ich mich am ältesten gefühlt habe? An meinem 27.!

Warum denn?

An meinem 27. Geburtstag war alles scheiße. Ich habe an diesem Tag tatsächlich gemerkt: Man kann trotz eines offensichtlich jugendlichen Alters ein entsetzliches Gefühl von Altsein in sich tragen.

Was war denn da los?

Ich war unglücklich. Ich wusste nicht, wo es hingeht. Was aus mir wird. Ich hatte die letzte Prüfung fürs Staatsexamen noch nicht hinter mir und keine Ahnung, wo ich beruflich hinwollte, eine Beziehung war in die Brüche gegangen. Und: Ich habe meine ersten Falten im Spiegel gesehen. Heute machen die mir nichts aus, aber damals …

Das heißt, dich hat mit 27 tatsächlich ein Hauch des Alters angeweht?

Genau. Gepaart mit kompletter Orientierungslosigkeit.

Ich verstehe das. Mich haben die Leute mit 30 verrückt gemacht, von wegen: Ich müsste jetzt langsam mal zu Potte kommen und mich entscheiden, was denn aus mir werden soll.

Meine Mutter war aufrichtig ratlos. Sie hatte so eine Runde von Tübinger Freundinnen, die sich immer mal zum Kaffee trafen. Und sie fragte mich immer wieder, was soll ich denen denn erzählen, was du beruflich machst?

Ist das lustig! Und was hast du gesagt?

Ich war ja selbst ratlos. Ich habe ab und zu etwas geschrieben, aber eher im wissenschaftlichen Bereich, habe im Radio Features und Hörspiele gesprochen und ein bisschen moderiert und mir damit das Geld fürs Singen verdient. Davon kann man ja schwer leben. Aber ich habe immer gesagt: Wird schon was bei rauskommen.

Wie ist das eigentlich für dich, wenn du so 18-, 19-Jährige auf der Straße siehst?

Wie meinst du das?

Ich zum Beispiel habe da zwiespältige Gefühle. Zum einen beneide ich sie um ihre Jugend, bis hin zu so einer zickigen "Als ich in eurem Alter war"-Attitüde. Und dann denke ich wieder: Oh Gott, was die noch alles vor sich haben, durch was für Unrat die waten müssen in den kommenden Jahrzehnten ... Da vergeht mir der Neid sehr schnell.

Ja, furchtbar. Der ganze Konkurrenzdruck. Numerus clausus und so.

Und wir wissen doch selber gar nicht mehr, wie wir das geschafft haben damals. Das war doch ein Irrweg.

Eher ein Umweg. Wobei man bei dir ja sagen muss: Du warst schon ziemlich schnell erfolgreich mit der Nische, die du dir gebaut hast. Blond und hübsch und schlau und lustig, das ging gut.

Und du?

Als ich mein erstes Bühnenprogramm machte, Anfang der 80er, hatte ich noch nie eine Frau auf der Bühne gesehen, die ihre eigenen Texte sprach. Wie willste etwas werden, das es gar nicht gibt?

Interessant. Ich habe auch seit dem Anbeginn meiner Berufstätigkeit nach einem Wort gesucht, das beschreibt, was ich mache.

Und das, sagtest du, war bei dir also mit 30.

Genau. Und ich merkte, dass ich mit dem Mann, der neben mir auf dem Sofa saß, auch keine Kinder bekommen will. Aber ich wusste immer tief in mir drin, dass ich keine Panik haben muss, weil alles gut werden wird. Kennst du das Gefühl?

Zumindest wusste ich tief in mir drin: Ich kann was, da ist was richtig und wichtig und begabt in mir. Und ich habe nach und nach herausgefunden, was ich nicht will. Also: Bühne ja, aber klassisches Theater ... nee. Und ich wollte singen, aber aus dem "Loblied des Kommunismus" war irgendwie auch kein Beruf zu machen.

Niedriger Lebensstandard 

Demnach hast du deine Karriere nach dem Ausschlussverfahren entworfen.

Könnte man so sagen. Und das brauchte Zeit. Aber Panik hatte ich schon deshalb nicht, weil mein Lebensstandard extrem niedrig war. Ich habe bis Ende 30 in WGs gelebt, hatte keinen Führerschein, habe Klamotten überwiegend getrödelt ... Da machte es mir nicht zu viel aus, dass ich kaum Geld hatte.

Gab es nichts, was du brauchtest damals?

Ein großes Zimmer mit hohen Decken, das war mir wichtig.

Mit 27 wie mit 70?

Genau. Und jetzt hast du sie schon wieder gesagt, diese Zahl.

Weil mich natürlich interessiert, wie sich das so für dich anfühlt.

Okay: Ich finde den Zustand, in dem ich mich befinde, super. Die Zahl finde ich …

... beängstigend?

Doof. Und unpassend.

Warum unpassend?

Weil sie eher das nahe Ende einer Entwicklung repräsentiert. Dabei fühlt sich das für mich überhaupt nicht so an. In den letzten zehn Jahren ist superviel passiert, ich habe vor drei Jahren meine eigene Sendung bekommen. Ich habe mich unheimlich entwickelt, in guten Projekten, mit Leuten, die mich verstehen – das ist ja auch eine Definition von Glück.

Und das wird anerkannt. Du hast nicht nur unheimlich viele Möglichkeiten, du wirst auch noch mit Preisen beworfen.

Ja, so ein Grimme-Preis mit kurz vor 70, das hat schon was. Preise sind nicht das Wichtigste. Aber wenn du diese Würdigung spürst, die da drinsteckt, und wenn dann alles aufgeht und auch noch neue Menschen in dein Leben treten, dann wird das Alter plötzlich ... schön.

Weißt du, ich sitze ja alle zwei Wochen beim NDR in der Talkshow. Und ich stelle fest: Wir haben immer mehr Gäste, die 70, 80, 86 sind. Früher haben Hubertus und ich uns immer angeschaut und gesagt: Boah, wie toll. Was die mit 70, was der mit 80 noch draufhat. Mittlerweile haben wir beschlossen: Wir sagen das Alter nicht mehr dazu. Es spielt einfach keine Rolle, nicht in den Lebensentwürfen unserer Gäste, nicht für das, was sie zu geben haben. Und viele sagen, was du sagst: Die Zahl ist blöd, aber mein Leben ist toll.

Nun muss man allerdings in diesem Zusammenhang erwähnen: Ihr ladet auch keine 65-jährigen Schauspielerinnen ein, die seit 15 Jahren keine Rollen mehr bekommen. Wer bei euch ist, hat Erfolg.

Stimmt schon. Du hast ja auch vor ein paar Jahren mal gesagt: "Mein Image ist besser als meine Auftragslage."

Und damit wollte ich sagen: Die anderen, die in der zweiten Reihe, die gibt es auch noch. Da war ich mal. Aber ich glaube auch, dass das Publikum gerecht ist. Ich war lange nicht so im Zentrum der Aufmerksamkeit, aber ich habe weitergemacht. Und das wird gerade auch honoriert.

Aber nicht nur das. Ich glaube, wir altern ganz gern gemeinsam mit den Menschen, die uns im Fernsehen so lange begleitet haben. Solange sie authentisch sind. Persönlichkeit ist deutlich wichtiger als die Falten, die sich über die Jahre vertieft haben.

Und dazu gehört, dass man sein Alter nicht verleugnet. Wie alt bist du jetzt eigentlich?

45.

Hm. Was ich bei mir ja angenehm finde: Ich bin 70, ich bin lesbisch, diese beiden Sachverhalte katapultieren mich raus aus dem Sexgeschehen. Bei dir dagegen wird das noch immer thematisiert, du bist auch ein Sexsymbol. Und da wird dann jede Falte, jedes Kilo zu viel, jedes Kilo zu wenig sofort Gegenstand von Boulevard-Debatten. Nervt das nicht?

Jeder Depp hat jetzt eine Stimme. Aber ich muss ihr ja nicht zuhören. Wie bei allem finde ich auch hier: Du musst das vor allem mit dir selbst ausmachen. Wenn du glücklich bist, kannst du mit allem umgehen. Aber wenn du im falschen Leben steckst, kann dich der Umfang deiner Oberschenkel aus der Bahn werfen.

Ich finde meine Oberschenkel mit 70 besser als mit 35, weil sie mir wurschter sind. Das ist sehr angenehm.

Tja. Mich beschäftigt dagegen schon, dass in Berlin an der Ampel keine Sau mehr zu mir rüberguckt.

Ist doch super!

Nee, das will ich dann doch noch nicht. Ich gebe zu, ich habe da schon einen gewissen Anspruch an mich selbst. Nur, und das muss ich mir vielleicht allmählich eingestehen: Wahrscheinlich ist Attraktivität mit 45 einfach kein relevanter Faktor mehr, auch wenn man noch so gut aussieht.

Das ist doch gar nicht der Punkt. Wer anderen ins Auto guckt, will einen unkomplizierten Flirt.

Und wenn die mich sehen und mein Auto ...

 ... war’s das mit unkompliziert. Du stehst einfach für etwas anderes.

Verstehe.

Sag mal, wir sind 25 Jahre auseinander. Spielen Leute meiner Generation in deinem Leben eine Rolle?

Und was für eine! Ich habe in eine große Familie eingeheiratet. Wenn wir feiern, sitzen unglaublich viele Menschen in deinem Alter und drüber dabei. Weißt du, was ich an denen toll finde?

Na?

Die sind alle viel unspießiger als wir. Mit meinen Freundinnen rede ich die meiste Zeit über deren und unsere Kinder und darüber, woher das neue Au-pair-Mädchen kommt. Die Älteren aber erzählen davon, wie sie es mit der Treue nicht so genau genommen haben, und von ihren lebensverändernden Entscheidungen. Das ist viel spannender.

Und ich liebe es, Freunde und Familie von der anderen Seite des Spektrums aus zu sehen. Ich spiele jetzt all das, was ich als lesbische Frau selbst nie war – Mutter und Großmutter und so, das macht richtig Spaß.

Altersgemäße Zipperlein  

Ich bin übrigens auch ein großer Fan des Mehrgenerationenhauses.

So alle unter einem Dach?

Vielleicht unter ein paar mehr Dächern, aber alle in einer schön gemachten Anlage. Ich mag es, wenn ich nach Hause komme und irgendeiner ruft zurück, wenn ich "Hallo?" sage.

Ich würde es erweitern. Auf multi-ethnisch, auf sexuell divers …

Sowieso. Aber sag mal, wo du schon deine Haltung hier ins Spiel bringst: Wirst du eigentlich radikaler mit dem Alter? Oder milder? Dunkelst du gar nach?

Von allem ein bisschen. Ich glaube, in meiner politischen Haltung werde ich kompromissloser, ich habe eine zivile Radikalität in mir, die ich mir erhalten möchte. Aber ich war neulich in der Reha ...

Hast du etwa altersgemäße Zipperlein?

Ich hatte mir die Schulter gebrochen, aber das hatte wohl mehr mit bescheuert zu tun als mit dem Altsein – ich habe meinen Fuß nicht hoch genug genommen und bin in einem offenen Koffer hängen geblieben. Jedenfalls, Reha, da war ein ganz netter Typ in meiner Gymnastikgruppe, der sich irgendwann als CSU-Politiker entpuppte. Aber inzwischen mochte ich ihn so gern, dass ich ihn gar nicht mehr scheiße finden konnte. Wäre mir früher wahrscheinlich nicht passiert.

Sehr lustig ... Maren, zum Ende noch eine Frage: Hast du Angst vor dem, was kommt?

Hast du Angst davor?

Ich habe zwar zuerst gefragt, aber: nein. Habe ich nicht.

Tja. Ich sprach ja eben von meiner kaputten Schulter, und ich gebe zu: Der Unfall hat mich ziemlich ins Grübeln gebracht. Die Ärzte sagen, dass es noch eineinhalb bis zwei Jahre dauern wird, bis ich wieder kraulen kann. Das Schwimmen, und eben besonders das Kraulen, ist meine liebste Daseinsform, und ich bin mir sicher: Wäre mir das mit 30 passiert – es hätte im Leben nicht so lang gedauert, wieder fit zu werden. Ich fürchte, das ist ein kleiner Ausblick darauf, was mich erwartet, was ich aushalten werden muss, wie der körperliche Verfall unweigerlich voranschreitet. Angst? Nein, Angst habe ich davor nicht. Aber einen gehörigen Respekt.

Stephan Bartels ist 52 Jahre alt und hadert stark mit dem Älterwerden. Es ist sogar das Thema seines neuen Romans, an dem er gerade schreibt. 

Maren Kroymann wurde 1982 mit ihrem ersten Bühnenprogramm "Auf du und du mit dem Stöckelschuh" für das Fernsehen entdeckt. Seitdem ist sie in Film, Fernsehen und auf der Bühne zu sehen, auch mit Musikprogrammen. Für ihre Comedysendung "Kroymann" (neue Folgen: 31.10. und 5.12., 23:30 Uhr, ARD) erhielt sie in diesem Jahr u. a. den Grimme-Preis. Zurzeit ist sie auch live zu sehen mit ihrer Musikshow "In My Sixties". Kroymann ist Aktivistin in der LGBT-Gemeinde und lebt in Berlin.


BARBARA November 2019

Wer hier schreibt:

Stephan Bartels
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