Maria Anna Schwarzberg: "Hochsensibilität ist keine Krankheit"

Sie ist Expertin auf dem Gebiet: Ihr Podcast "Proud to be Sensibelchen"ist supererfolgreich, und jetzt hat sie noch ein Buch zum Thema geschrieben. Wir haben mit der hochsensiblen Autorin Anna Maria Schwarzberg gesprochen. 

von Tina Epking (Interview)

Fangen wir ganz vorne an: Was genau ist Hochsensibilität?

Es bedeutet, dass das Gehirn etwas anders funktioniert. Das heißt, alle Sinneskanäle sind permanent offen, die Reize gehen ungefiltert durch. Es gibt keinen Spamfilter. Das ist auf der einen Seite sehr schön, weil man das Leben sehr intensiv wahrnimmt, auf der anderen Seite ist dieses Maximum an Reizen,  das reingeht und vom Gehirn verarbeitet werden muss,  wahnsinnig anstrengend. Es ist doppelt anstrengend, wenn man nicht weiß, warum man so anders ist. Ein gutes Beispiel ist eine Bahnfahrt: Jemand, der nicht so sensibel ist, der klappt sein Buch auf und liest. Eine Hochsensible oder ein Hochsensibler nehmen alles wahr, die Gerüche, die Grundstimmung und die Temperatur des Sitzes. Er  oder sie kann keines der umliegenden Gespräche ausstellen, kann keinen Fokus herstellen, für das, was er oder sie eigentlich machen möchte.

Sagst du Leuten, wenn du sie kennenlernst, dass du hochsensibel bist?

Nein. Ich finde es eher gruselig, wenn man durch die Welt läuft und allen entgegenruft "Ich bin übrigens hochsensibel". Meine Freunde und Freundinnen wissen es natürlich und auch noch ein paar andere, weil das Thema  als Podcasterin, Verlegerin und Autorin mittlerweile zu meinem Beruf geworden ist, aber ansonsten lasse ich das nicht heraushängen. Ich sage höchstens, dass ich eine Einzelgängerin bin und gerne meine Ruhe habe.

War es schwierig, deine sehr persönliche Geschichte aufzuschreiben?

Ja, schon. Es war noch mal eine schriftliche Aufarbeitung meines ja doch sehr frühen Burn-outs und der negativen Seiten der Sensibilität.

Du schreibst aber nicht nur über die negativen Seiten. Was ist das Gute an deiner Hochsensibilität?

Was ich nicht missen möchte, ist mein ausgeprägtes Bauchgefühl. Danach treffe ich letztendlich alle Entscheidungen. Ich habe das rund um mein Burn-out vor ein paar Jahren kurz verloren, aber grundsätzlich kann ich mich darauf verlassen. 

Wie kam es zu deinem Burn-out? Hatte es mit deiner Sensibilität zu tun?

Ich glaube, dass ganze viele Dinge, die in meinem Leben passiert und aufgetaucht sind, gar nichts mit meiner Sensibilität zu tun hatten, sondern damit, dass ich mich selbst finden musste. Zu meinem Burn-out ist es damals gekommen, weil ich beruflich immer falsch abgebogen bin und mich mehr danach gerichtet habe, was von außen suggeriert wurde. Ich habe eher getan, was ich tun sollte, als das, was ich wirklich tun wollte. Deswegen bin ich bei einem Berufsfeld gelandet, das gar nicht meins war. Trotzdem habe ich gedacht, ich müsste nur mehr leisten und mich mehr anpassen. Alle anderen bekamen das ja auch hin. Ich bin über meine persönlichen Belastungsgrenzen gegangen, habe weniger geschlafen, weniger gegessen, keine Pausen gemacht.

Ich habe damals im Opferentschädigungsrecht gearbeitet, das war eine sehr belastende Arbeit. Gleichzeitig habe ich versucht herauszufinden, was ich eigentlich beruflich machen will und nebenbei noch für ein Magazin geschrieben. Ich war gehetzt, getrieben, voller Sorge und Angst. Ich habe einfach den Bogen überspannt, konnte nicht mehr schlafen und bin dann zusammengebrochen. Mein Hausarzt hat das glücklicherweise sehr ernst genommen und mir zu einem Therapieplatz geraten.

Wie hast du letztlich gemerkt, dass du hochsensibel bist?

Ich habe durch einen Artikel davon erfahren, auf den ich durch Zufall gestoßen bin. Ich dachte, dass das sehr nach mir klang und habe angefangen zu recherchieren. Ich habe ganz viele Texte und Studien dazu gelesen. Damals war ich noch in Therapie mit meinem Burn-out, das ich mit 25 hatte, und habe das Thema dann mit in die Therapie genommen. Mein Therapeut war zum Glück sehr offen dafür, das ist nicht bei allen so. Therapeuten nehmen das  Thema Hochsensibilität manchmal nicht wirklich wichtig. Ich kann das auch verstehen, Hochsensibilität ist schließlich keine Krankheit, es ist ein Persönlichkeitsmerkmal. 

Gibt es eigentlich wissenschaftliche Belege für Hochsensibilität?

Es gibt Studien, die sich mit dem Thema beschäftigen,  damit, wie das Ganze zustande kommt, dass es vererbt werden kann, wie viele Menschen davon betroffen sind. Auch damit, dass der Serotoninspiegel bei hochsensiblen Menschen abgesenkt ist, nicht so sehr wie bei Depressiven aber eben niedriger als bei anderen Menschen. Dann gibt es Forschung dazu, wie entscheidend es für die Entwicklung ist, wie man aufwächst. Es ist aber trotzdem keine Krankheit, auch wenn es einem schlecht damit gehen kann, stellt es kein Störungsbild dar.

Wie gehst du in deinem Leben mit deiner Hochsensibilität um?

Nachdem ich akzeptiert hatte, dass ich hochsensibel bin und damit gute und schlechte Dinge einhergehen, konnte ich mich darauf konzentrieren, wer ich bin. Ich konnte mich darauf konzentrieren, was meine Bedürfnisse und Wünsche sind. Das war allerdings ein Prozess, der sich über Jahre gezogen hat und der bis heute bei Weitem nicht abgeschlossen ist. Ich habe aber in den letzten Jahren einige Sachen geändert, die mehr Ruhe in mein Leben bringen. Ein ganz großer Eckpunkt war, dass ich von Hamburg nach Magdeburg gezogen bin. Wir leben hier sehr ruhig mit Hund und Garten. Ich habe mir unter anderem einen Hund angeschafft, um Gewohnheiten zu etablieren und noch mehr draußen in der Natur zu sein. Das war eine sehr positive und sehr große Veränderung. Außerdem habe ich mich selbstständig gemacht, um einfach selbstbestimmter und in meinem Tempo und Rhythmus arbeiten zu können. Ich habe Beziehungen überprüft und geguckt, wer mir gut tut und von wem ich mich nur nicht löse, weil es unbequem ist. Zuletzt habe ich viel an meinem Alltag rumgebastelt, geschaut, wann ich gut aufstehen kann, wie ich meinen Nachmittag gestalten möchte und als sensibler Mensch am besten bestehen kann. Dass ich leben kann, wie ich will und nicht, wie es von außen bestimmt wird. Grundsätzlich glaube ich, dass wir alle mehr auf unser Bauchgefühl hören sollten.

Eine Menge Dinge, die du in deinem Buch beschreibst, treffen sicher auf viele Menschen zu...

Ich habe das Buch natürlich auch so geschrieben, dass es ein hohes Identifikationspotenzial bietet. Ich habe bewusst Geschichten und Anekdoten herausgesucht, in denen man sich wiederfinden kann. Ganz bewusst auch schlechte Situationen, weil ich auch einen Blick auf die negativen Seiten bieten wollte. Man geht laut Studien davon aus, dass 15 bis 20 Prozent der Menschen hochsensibel sind, und es kann zu einer Häufung in bestimmten Umfeldern kommen. Man zieht ja für gewöhnlich diejenigen an, die einem ähnlich sind. Viele meiner Freundinnen sind extrem sensibel und auch solche Einsiedlerinnen wie ich es bin. In sozialen und Kreativberufen gibt es oft sehr sensible Menschen, weil es deren Stärken sind, sich in Menschen hineinzuversetzen und neue kreative und querdenkende Wege zu finden.

Hochsensible Menschen müssen aber nicht zwangsläufig introvertiert sein, oder?

Nein, etwa zwei Drittel sind introvertiert und ein Drittel ist extrovertiert. Es existieren ja auch nicht nur die Extremvarianten, sondern ganz viele Graustufen. Deswegen spreche ich auch nicht von Hochsensibilität, sondern lieber von Sensibilität.

Falls ich einen Verdacht habe: Wie kann ich feststellen, ob ich hochsensibel bin?

Es gibt ganz einfache Kurztests zur Selbsteinschätzung, die man online machen kann. Zum Beispiel auf der Seite der Forscherin Elaine Aron, die sich intensiv mit dem Thema befasst hat – oder auf unserer Website in der deutschen Übersetzung. Wenn man es aber genau wissen möchte, kann man in der psychologischen oder psychotherapeutischen Praxis nach einem umfassenden Test fragen. Zu wissen, dass das für einen zutreffen könnte, ist oft gar nichts Neues, aber es ist ein befreiendes Gefühl, dass das Ganze einen Namen hat. 

Mittlerweile ist Sensibilität dein Beruf? Nervt das manchmal?

Noch nicht (sie lacht). Ich habe ja theoretisch die Möglichkeit, damit aufzuhören, wenn ich es nicht mehr möchte. Momentan finde ich es noch sehr spannend, über sensible Themen zu berichten. Sowohl jene, die die Einzelne oder den Einzelnen betreffen als auch solche sensiblen Themen, die eher einem Stigma unterliegen und gesellschaftlich noch nicht ganz so angekommen sind. 

"Proud to be Sensibelchen. Wie ich lernte meine Hochsensibilität zu lieben" von Maria Anna Schwarzberg ist im Rowohlt Taschenbuch Verlag erschienen und kostet 12 Euro.