VG-Wort Pixel

Martin Speer Wir brauchen feministische Männer

Martin Speer: Martin Speer
© Phil Dera
Die nächste Etappe der Gleichberechtigung braucht Männer. Davon ist der Feminist Martin Speer überzeugt.

BARBARA: Herr Speer, Sie sind Feminist. Wer zieht da die Augenbrauen höher: Frauen oder Männer?

Martin Speer: Das sorgt auf beiden Seiten ab und zu für Erklärungsbedarf. Die meiste Verwunderung gibt es aber unter Männern, da es relativ wenige männliche Feministen gibt, die öffentlich dafür streiten.

Bitte erklären Sie uns: Was beruft Sie als Mann zum Frauenrechtler?

Die tiefe Überzeugung, dass Männer und Frauen dieselben Chancen und Zugänge verdienen. Aber diesen Zustand der Gleichberechtigung haben wir noch nicht.

Und um ihn zu erreichen, braucht es Männer?

Absolut. Schließlich sind wir und unsere Verhaltensmuster vielfach Ursache des Problems: Männer haben die Strukturen in Gesellschaft, Politik und Wirtschaft geschaffen, die Frauen benachteiligen. Solange Männer dieses Machtgefälle nicht erkennen, sorgen sie dafür, dass Diskriminierung und Sexismus weiter bestehen. Feminist Robert Franken sagt treffend: Männer sind entweder Teil des Problems oder Teil der Lösung. Außerdem: Auch Männern nützen Frauenrechte.

Das scheinen viele Männer anders zu sehen …

Das kann ich nicht verstehen, denn es gibt dazu eine breite Studienbasis. Männer in gleichberechtigten Beziehungen sind glücklicher, leben länger und haben sogar besseren Sex. Unternehmen, in denen Vielfalt eine Rolle spielt, sind wettbewerbsfähiger und kreativer. Selbst in der Politik kommen wir zu besseren Lösungen, wenn alle Perspektiven auf dem Tisch liegen. Die Welt wäre durch eine gleichberechtigte Gesellschaft also ganz klar eine bessere.

Müssten Männer dafür nicht auch ihr Rollenbild überdenken?

Ja, immer noch wird beispielsweise fehlendes Durchsetzungsvermögen mit Weiblichkeit assoziiert – und der laute Mann gilt als starker Führer. Das geht mir auf den Wecker. Ich setze auf die nächste Generation, die nicht die Fehler ihrer Väter kopiert, die krank und depressiv machen. Denn das Unglück vieler Männer rührt aus einem gestörten Verhältnis zu ihrer Männlichkeit. Sie denken: Ich löse ein Problem, indem ich nicht darüber spreche oder indem ich andere abwerte. Das ist toxisch.

Tatsache ist aber leider auch, dass viele Geschlechterungerechtigkeit überhaupt erst entdecken, wenn sie eigene Töchter haben.

Das liegt auch daran, dass ein Großteil der Männer nicht weiß, wie sich Sexismus im Alltag oder Benachteiligung im Job anfühlt. Natürlich erzählt die Freundin oder Schwester mal von einem Vorfall – aber nicht jeden Tag. Alltagsdiskriminierung ist so sehr Norm, dass Frauen oft gar nicht mehr darüber sprechen. Jeder liest die Statistiken von Lohnunterschieden, sexualisierter Gewalt, Online-Hate oder gläsernen Decken – aber das ist abstrakt. Es muss einen emotionalen Trigger geben, damit Männer merken: Diese Zahlen sind millionenfach gemachte Erfahrungen.

Wie lässt sich das ändern?

Indem jeder Mann seiner Schwester, seiner Mutter, seiner Frau oder Freundin eine Frage stellt: Was ist deine Erfahrung mit Sexismus? Und dann einfach mal zuhört. Ohne zu kommentieren, ohne zu werten, ohne zu unterbrechen. So ein Gespräch setzt viel in Gang. Das haben wir in unserer Arbeit gemerkt.

Was war denn Ihr Aha-Erlebnis?

Ich bin in einem kleinen Ort in Mittelfranken aufgewachsen. Sich mit Frauenrechten oder Ungleichheit zu beschäftigen, war in meiner Welt damals ein Zeichen von Unmännlichkeit. Erst mit Ende 20 hat ein guter Freund, Vincent-Immanuel Herr, mir deutlich gemacht, dass es hier ein Problem gibt. Ein anderer Mann hat mir quasi empfohlen, besser zuzuhören. Und als ich das gemacht habe, ging ein Tor der Erkenntnis auf. Ich habe mich gefragt: Herrje, warum ist mir das all die Jahre nicht aufgefallen? Als schwuler Mann kannte ich zwar Diskriminierung, aber nicht aufgrund meines Geschlechts.

Was haben Ihnen die Frauen aus Ihrem Umfeld erzählt?

Ich wusste zum Beispiel nicht, dass meine Mutter – sie ist in der männerdominierten Baubranche tätig – sich immer noch sexistische Sprüche in Besprechungen oder auf der Baustelle anhören muss. Oder meine Schwester nachts mit Angst nach Hause geht. Ich ließ Frauen im Gespräch oft nicht ausreden, hatte stets eine Antwort parat. Diese Verhaltensmuster, dieser enge männliche Blick waren mir vorher nicht bewusst – und niemand hat mir den Spiegel vorgehalten. Auch ich mir selbst nicht.

Dieses Umdenken wollen Sie als Botschafter der "HeforShe"-Kampagne der Frauenorganisation "UN Women Deutschland" anstoßen. Wie das?

Es gibt sechs ehrenamtliche Botschafter in Deutschland. Ich gebe beispielsweise gemeinsam mit meinem Kollegen Vincent-Immanuel Herr Workshops und biete Beratungen an Unis, in Unternehmen und in der Politik an, damit mehr Männer Geschlechterungerechtigkeit als Problem erkennen – und handeln.

Aber viele suchen doch schon beim Thema Quote das Weite. Wie bringen Sie die zum Nachdenken?

Natürlich hören wir oft, auch von jungen Männern: Frauen sind doch schon überall gleichberechtigt, was wollen sie denn jetzt noch? Wenn man privilegiert ist, sieht man das nicht vorhandene Privileg anderer nicht. Viele geben sich der Illusion hin, wir wären schon weiter. Doch dagegen sprechen die Zahlen. Es wird deutlich: Zwischen gesetzlichem Rahmen und gelebter Praxis gibt es in fast allen EU-Staaten noch einen großen Unterschied. Die harte Nuss liegt in der sozialen Norm. Ein Beispiel: Während der MeToo-Debatte gab es in Spanien eine der größten Protestaktionen. Eine sehr emanzipierte Gesellschaft, könnte man denken. Gleichzeitig wurde uns in Gesprächen vor Ort klar, wie mächtig das traditionelle Familienbild noch ist, das Männer wie Frauen einschränkt und sich vom medial gemachten unterscheidet.

Was müssen Männer also tun?

Zuerst zuhören, Sensibilität entwickeln und dann den Mund aufmachen. Denn Alltagssexismus kommt ständig vor, und viele haben kein Gefühl dafür, wo dieser anfängt. Wir sollten daher andere Männer darauf ansprechen, wenn sie sexistische Sprüche klopfen oder erniedrigend sprechen. Und das nicht nur im Privaten, gerade auch im Job.

Zum Beispiel?

Ich erinnere mich an die Schilderung eines Journalisten. Da hatte eine Kollegin im kleinen Kreis eine gute Idee eingebracht und ein Kollege übernahm diese einfach als seine, ohne ihr den Credit dafür zu geben. Der Journalist ist eingeschritten, hat in der großen Runde klargestellt, dass dies inakzeptabel sei. Wenn Ungerechtigkeit geschieht, sollten Männer nicht schweigen.

Gehört da nicht auch dazu, dass Deals nicht in nächtlichen Herrenrunden geschlossen werden?

Dass sich Männer nachts an einer Hotelbar treffen, kann man nicht verhindern. Aber es ist für Männer mit Führungsverantwortung ein Leichtes, für Panels und Teams mit mehr Diversität zu sorgen und Meetings zu Zeiten anzusetzen, die Männern und Frauen erlauben, ihre Kinder zum Beispiel von der Schule abzuholen. Es wäre außerdem eine gute Idee, wenn jeder ein Training in Sachen Geschlechtergerechtigkeit durchlaufen müsste und der Bundestag paritätisch besetzt würde.

Der Aufschrei wäre enorm.

Nicht verwunderlich. Es spielen viele Ängste mit rein – und das macht den Widerstand so groß: Männer merken, dass sich das Patriarchat seiner Endzeit nähert. Die Tage sind gezählt, wo sie nur aufgrund ihres Mannseins einen Vorteil haben. Macht wird nicht freiwillig abgegeben, da braucht es Druck. Aber die Debatte ist bereits viel weiter als noch vor ein paar Jahren. Das macht mir Hoffnung. Wir dürfen jetzt nicht nachlassen.

Zum Schluss: Wie finden eigentlich Feministinnen Ihren Einsatz?

Grundsätzlich gut, schwierig ist, wenn Männer sich für die besseren Feministen halten. Ich sehe mich als Unterstützer, will einen Beitrag leisten – und ein anderes Publikum erreichen. Für die Zukunft bin ich überzeugt: Frauen und Männer müssen den Weg gemeinsam gehen.

MARTIN SPEER ist neben seiner Botschafterrolle politischer Berater und Teil des Berliner Autoren- und Aktivistenteams Herr & Speer

BARBARA 54/2021

Mehr zum Thema