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Medium Geistführerin Heide Kuhner-Lück hat eine Leitung ins Jenseits

Heide Kuhner-Lück: Verschwommene und verwischte Hände, die sich vor einem schwarzen Hintergrund berühren
© Angelica Vittone / Shutterstock
Ganz schön viel los im Leben – besonders, wenn man über eine Standleitung ins Jenseits verfügt. Wie bringt Heide Kuhner-Lück bloß all die Anwesenden unter, die mit ihr Kontakt aufnehmen?

Frankfurt-Praunheim: das Tor zum Jenseits

Das Tor zum Jenseits befindet sich in Frankfurt-Praunheim, nur sechs Kilometer von der City entfernt. Die Großstadt zeigt sich an kantiger Bebauung, aber hier und da blitzt noch das Dörfliche durch, Fachwerk, Einfamilienhäuser mit Vorgärten, Jägerzäune. Von der Unterwelt ist noch nichts zu spüren. Vom Himmel aber auch nicht.

Wenn Heide Kuhner-Lück empfängt, dann gibt es Kaffee und Kekse. Und Kontakt zu den Toten. Sie selbst ist nämlich das Tor, ein Jenseitsmedium, das verstorbene Seelen wahrnehmen kann. Das bestätigen zumindest die gerahmten Zertifikate, die an den Wänden ihrer Praxis im Souterrain hängen: "Geistführer", "Engelmedium", "Jenseitskontakt". Ansonsten: ein paar Kerzen, zwei Buddhas, eine Massageliege, eine grüne Wildledercouch. Bisschen eso, bisschen Ikea, überhaupt nicht mysteriös, es hängen ja nicht mal Spinnweben in den Ecken. "Ich weiß gar nicht, ob ich das Praxis nennen würde", sagt Heide Kuhner-Lück und richtet ihren Blick hinter dem roten Brillengestell nachdenklich nach oben. "Ich brauchte einfach einen Raum."

Seit sie klein ist, hat Kuhner-Lück, heute 66 Jahre alt, das, was sie "Verbindung zur geistigen Welt" nennt. "Ich bin ein Kanal", sagt sie und formt mit beiden Händen ein sich öffnendes V an der Stirn. Vier, fünf Kundinnen oder Kunden nehmen diesen Kanal pro Woche in Anspruch. Kerzenlicht, feierliche, leicht gruselige Stimmung, als würde man an Weihnachten einen Gespensterfilm gucken, aber einen von den familientauglichen, die gut ausgehen. Kuhner-Lück "öffnet sich", der Klient sitzt ihr gegenüber, im Idealfall fühlt Kuhner-Lück dann einen Verstorbenen, mit dem kommuniziert werden kann. Heute kommt aber keiner.

Das Übernatürliche gibt den Ton an

"Es ist ein bisschen, wie ein Instrument zu spielen", versucht Kuhner-Lück zu erklären. Gerade sitzt sie neben dem Klavier, ein Relikt aus einem früheren Leben, also jenem Leben, als sie noch Musiklehrerin war. Manchmal gibt sie noch Stunden, man kann sie sich gut auf dem Klavierhocker vorstellen, wie sie geduldig Tonleitern wiederholen lässt. Aber die erste Geige spielt mittlerweile eben das Übernatürliche. Und zwar auch in ihrem eigenen Alltag. Ist der Kanal offen – wieder das V an der Stirn –, überlappen Spirituelles und Weltliches, Diesseits und Jenseits. Mit teils grenzwertigen Begleiterscheinungen: "Vor Kurzem fuhr ich Auto, und plötzlich stand mitten auf der Straße ein Mann. Ich musste eine Vollbremsung machen", erzählt sie. "Aber da war kein Mann, das war ein Geist. Wäre direkt hinter mir ein Auto gewesen, hätte es einen Unfall gegeben." So hinderlich die Flatrate ins Jenseits im Straßenverkehr ist, so praktisch ist sie andernorts. Neulich wollte sie den Kartoffelkuchen ihrer Großmutter backen. Nur hat die ihr kein Rezept hinterlassen. "Also bin ich mit meiner Oma in Verbindung getreten und habe sie gefragt, was alles in den Kuchen kommt. Und dann hat sie mir die Zutaten genannt." Auch ihren verstorbenen Vater konsultiere sie öfter: "Er war Steuerberater, und von Steuersachen habe ich nicht so viel Ahnung." Er diktiere ihr dann beispielsweise eine Liste, die sie Punkt für Punkt abarbeiten könne.

Steuerkram und Kartoffelkuchen also. Die, die schon unter der Erde sind, kommen überaus geerdet daher. Und auch manche Begleiterscheinung scheint geradezu alltäglich: Als Heide Kuhner-Lück kürzlich in eine neue Wohnung zog, habe sie in einem Zimmer immer wieder Zigarettenrauch vernommen. "Auch meine Nichte hat den Rauch gerochen und eine Präsenz gespürt." Die Nichte, muss man wissen, ist ebenfalls hellsichtig. "Wir haben dann ein Ritual mit weißem Salbei vollzogen, damit diese Präsenz ins Licht gehen kann. Anschließend war der Rauchgeruch weg."

"Geister geben vor, wie und wie deutlich sie wahrgenommen werden"

Dass sie den Geist nicht mit Kippe im Mund am Fenster hat stehen sehen, sei nicht ungewöhnlich, "denn die Geister geben vor, wie und wie deutlich sie wahrgenommen werden", sagt Kuhner-Lück. Sie sehe die Toten als Lichtwesen, unterschiedlich ausgeprägt, vor allem aber spüre sie sie. Beruflich kommt es dann oft zu einer Art Jenseits-wer-bin-ich, eine Schnitzeljagd, in der die verstorbene Person Indizien vorgibt, die Kuhner-Lück kommuniziert. Statur, Kleidung, Hobby, ein Bild des Umfelds, eines Gartens. Einmal habe sie gesehen, wie einer an einem Mofa herumschraubte. Anders als bei sich selbst, hat sie bei ihren Kunden keinen Einfluss, wer erscheint, weswegen die Kunden zusammenpuzzeln müssen, wer sich die Ehre gibt. Das kann auch dauern, nicht jeder Geist betritt den Raum und sagt: Ich bin’s, der Helmut. "Kommt aber auch vor", sagt Kuhner-Lück und lacht. Erscheint niemand, gibt es das Geld zurück. 99 Euro kostet eine Sitzung, unverbindliche Geistempfehlung.

Alles nur Hokuspokus?

Kritiker halten das natürlich für Hokuspokus, auch ihr Mann, ein weltlicher Bauingenieur, war lange skeptisch, wurde in einer von Spiritualität geprägten Ehe – meine Frau, ihre Toten und ich – aber irgendwann doch neugierig. Bei der ersten gemeinsamen Meditation – Kuhner-Lück bietet auch Trance-Sitzungen an – sah er seine Frau dann von einem goldenen Ring umrandet. Seither ist er "Team Geist", meditiert und macht ab und an Jenseitskontakte mit ihr. Nur ihre Tochter stichele weiter, aber Kritik lasse sie kalt, sagt Kuhner-Lück. "Das ist Persönlichkeitsarbeit. Für spirituelle Menschen, die damit etwas anfangen können. Es geht mir nicht ums Geld", sagt sie mit plötzlichem Feuereifer und zupackenden Gesten, als wolle sie ihr Anliegen aus der Luft greifen und als Gewissheit in den Raum stellen. Und es wird klar: Das ist kein Glaube, das ist auch kein Wissen, die Dinge sind für sie einfach so, wie sie für sie sind. Erweitert. Übersinnlich. Doppelbödig. Vor allem aber: tröstlich. "Wer dafür empfänglich ist, dem helfe ich beim Abschiednehmen. Ich darf den Menschen eine Erleichterung verschaffen. Und ihnen zeigen, dass es mehr gibt als das, was wir anfassen können."

"Mir blutet das Herz, wenn ich sehe, wie wenige Naturgeister es hier noch gibt."

Wobei auch Heide Kuhner-Lück im Alltag an die Hand genommen wird. Durch die stete spirituelle Arbeit spielt sie dieses Instrument nun konzertreif, könnte man sagen, und wo ihr der erste Geist, den sie einst als Kind sah – ein Kunde im Steuerberaterbüro ihres Vaters –, noch Angst machte, ist ihr spirituelles Erleben heute so geweitet, dass die Toten nicht mal mehr die einzigen Bewohner ihrer Doppelwelt sind. Mittlerweile kann sie die Auren anderer Menschen wahrnehmen – farbige Schleier, die die Körper des Gegenübers umwehen und dessen Energiezentrum anzeigen. Auch ist sie durch ihren Kanal mit ihrem "Geistteam" verbunden, fünf Wesen, die ihr im Leben Hilfestellungen und Rat geben, teils in ganz praktischen Dingen, "ob ich etwa einen Pressetermin wahrnehmen soll oder nicht", sagt sie und zwinkert. Und geht man ihre Straße runter, entlang der Einfamilienhäuser, Vorgärten, Jägerzäune, kommt man in einen großen Park. Andere sehen hier Radfahrer, Spaziergänger, Jogger. Geht Kuhner-Lück hier meditieren, sieht sie all die Naturgeister, die, sagt sie, mit in unserer Welt leben. Die Bäume sind dann von Feen bevölkert, Nebelgestalten, die um die Wipfel schweben. Im Unterholz rascheln Zwerge und Gnome, knotige, verwachsene Geschöpfe. Sie habe diese Wesen das erste Mal auf einer Fortbildung in der Schweiz wahrgenommen: "Und mir blutet das Herz, wenn ich sehe, wie wenige Naturgeister es hier noch gibt." Das zugebaute Frankfurt biete eben nicht mehr so viel Platz.

Aber viel Platz braucht es ja auch nicht, nur einen kleinen Raum im Souterrain für Trauerarbeit und Gänsehaut, Totentanz und Kaffeekranz, Para-Steuerberatung und Kartoffelkuchen aus dem Grab, Hilfestellung oder Hokuspokus, je nachdem. Und das alles in Praunheim, wo man das Tor zum Jenseits ja sowieso nicht vermuten würde. Aber wo denn eigentlich dann?

Stephan Reich glaubt weiterhin nicht an Geister. An Kartoffelkuchen dafür umso mehr …

Barbara

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