Lena, 41, zu nett für die Welt – Kann man Austeilen lernen?

Unsere Autorin geht Konflikten aus dem Weg, so selbstverständlich, dass es sie selbst schon nervt. Gelingt es drei Experten für starke Auftritte, ihr kurzerhand breitere Schultern zu verpassen?

von Lena Schindler

VERSUCHSOBJEKT Lena Schindler, 41, ein überaus angenehmes Ausweichmanöver

TESTUMGEBUNG Erst mal zum Mentaltraining. Dann ran an die Haltungsnote. Und: ab zur Akustiksession

MISSION Platz da, hier komm ich!

Kaum auszuhalten, wie nett ich bin: Ich weiche jedem auf der Straße aus. Ich lasse Leute an der Kasse vor, obwohl ich dann meine Bahn verpasse. Anstatt die Konfrontation zu suchen, gehe ich über die Dinge hinweg, die mich nerven. Bloß keinen Stress, nur nicht riskieren, dass mich jemand ätzend findet. Warum sich die Mühe machen, groß auf Unverschämtheiten einzusteigen? Lieber in der Duldungsstarre verharren … In der Summe erschrickt mich meine gelebte Elastizität etwas. Ist das noch Lässigkeit oder schon Wegducken?

Durchsetzungsvermögen, Präsenz und Ausstrahlung 

Ich bin 41 Jahre alt und möchte etwas ändern. Ich möchte lernen, auszuteilen. Doch ich brauche jemanden, der mir Unterricht gibt, eine Fortbildung in Sachen Grenzen setzen. Ich brauche Lutz Herkenrath. Der Schauspieler ("Ritas Welt“) gibt Coachings zu den Themen Durchsetzungsstärke, Präsenz und Ausstrahlung und hat den Ratgeber mit dem denkwürdigen Titel "Böse Mädchen kommen in die Chefetage. Strategien für mehr Durchsetzungsvermögen“ geschrieben. Als selbstständige Journalistin sind Hierarchieebenen gar nicht so mein Ding. Ich will nicht den Job von Angela Merkel, und Weltherrschaft muss auch nicht sein. Aber darum geht es auch nicht. Sondern: um meine ganz persönliche Chefetage, darum, innerlich zu wachsen.

Als meine personifizierte Hoffnung auf mehr Schlagkraft mir gegenübersitzt, merke ich sofort: Diesem Mann brauche ich nichts vorzumachen, der wusste schon Bescheid, als ich zur Tür reinkam. Noch bevor wir richtig einsteigen, höre ich mich sagen: "Herr Herkenrath, ich fühle mich von Ihnen durchschaut.“ – "Das sind Sie“, sagt er, ohne wenigstens überrascht zu tun. Wir müssen beide lachen. Dass in seinen Seminaren auch Tränen fließen, glaube ich ihm aber sofort. "Emotional wird es immer dann, wenn die Menschen zum ersten Mal erleben, wie es sich anfühlt, zu sagen: ,Das akzeptiere ich nicht‘ oder ,Geh mir aus dem Weg!‘“ Positive Aggression nennt er das, was meinen Körper schon beim bloßen Gedanken in Alarmbereitschaft versetzt. Mir wird warm. "Zur eigenen Kraft gelangt man nur über die Angst, es gibt keine Abkürzung“, sagt mein Coach.

Aggressionen rauslassen 

Als Erstklässlerin habe ich mich auf dem Schulhof mit älteren Jungs geprügelt. Ich konnte das mal mit dem Durchgreifen. Und ich kann es immer dann, wenn jemand meinen Kindern zu nahe kommt. Nur eben nicht, wenn es um mich selbst geht. "Das schulden Sie sich aber!“, sagt Lutz Herkenrath ernst: "Wenn wir die Aggression nicht rauslassen, dann richtet sie sich irgendwann gegen uns selbst. Wer alles runterschluckt, verliert sein Selbstvertrauen und seine Lebendigkeit.“ Dabei weiß ich sogar, warum ich mich so schwer damit tue: In meiner Familie gab es einfach keine Streitkultur, null. Und der Platz des Sorgenkindes war von meinem depressiven Vater dauerbesetzt, also bloß nicht auch noch Probleme machen, lieb sein!

"So, wie Sie mir zuhören, sind Sie fällig“, stellt Lutz Herkenrath nach dem zweiten Heißgetränk ganz selbstverständlich fest. Das Gefühl habe ich auch. Ich möchte lernen, mehr für mich einzustehen. Aber wie? Er rät mir, im Alltag zu üben: keine Ungerechtigkeit ertragen. Keine Unverschämtheit tolerieren. Sätze mit einem Punkt beenden. Mich nicht ohne Grund entschuldigen. Keinen Männern auf der Straße ausweichen. Gar nicht so schwer? Geht so.

Bei der Verabschiedung reicht er mir die Hand, lässt abrupt los und drückt beherzt meine Schultern runter. "So, jetzt noch mal!“, sagt er. Dass ich etwa so dagestanden hatte, als befände ich mich nackt in einem Kühlhaus, merke ich erst, als sich die Schultern entspannen. Meine Mission hier ist noch längst nicht zu Ende …

Körperlich und seelisch im Gleichgewicht 

Keine Woche später berühren meine Hände zum ersten Mal in meinem Leben das kühle Buchenholz einer Ballettstange. Ich trage einen strengen Dutt, Leggings und T-Shirt. Die meisten, die den Anfängerkurs für Erwachsene an der Hamburger Ballettschule in Hoheluft besuchen, an der ausschließlich klassischer Tanz unterrichtet wird, sind halb so alt wie ich. Aber das, was mir Leiterin und Ballettpädagogin Susanne Grüttner vorher über die Wirkung des Balletttanzes erzählt hat, hält mich im wahrsten Sinne des Wortes bei der Stange: "Wenn man lange und intensiv trainiert, verändert sich nicht nur der Körper, sondern auch der Ausdruck, die Ausstrahlung. Die Körperspannung, das Gefühl, aus sich herauszuwachsen, das gibt Selbstvertrauen, man ist körperlich und seelisch im Gleichgewicht.“ Durch ihre langjährige Tanzerfahrung hat sie genau die Haltung, die ich auch gern hätte: anmutig, gerade und in sich ruhend.

Als der Unterricht beginnt und ich mich auf die Fußspitze erhebe, mich aus der Körpermitte herausziehe, als steckte ich in einem Korsett, merke ich sofort, wie anders sich das anfühlt, so stolz – auch wenn mir ein bisschen die Beine zittern. Ich hatte erwartet, eine erbärmliche Figur abzugeben, aber das tue ich gar nicht. Hier wird sehr genau auf die korrekte Ausführung der Positionen geachtet, auch bei Total-Laien wie mir, aber wenn es einmal sitzt, sieht es richtig gut aus. Und fühlt sich noch besser an. "Brust raus“, "langer Hals“, "Schultern runter“, "wachsen“, sind die Anweisungen, die ich in den kommenden 90 Minuten am häufigsten höre. Und: "Stellt euch vor, ihr werdet von einem unsichtbaren Faden am Hinterkopf hochgezogen.“

Dass sich die Selbstwahrnehmung komplett verändern kann, wenn man diesen körperlichen Ausdruck verinnerlicht, glaube ich sofort. Das legt man nicht mit den Ballettschläppchen ab, sondern trägt es in sein Leben. In der Umkleide erzählt mir eine Jura-Studentin, dass sie Techniken aus dem Ballett nutzt, wenn sie Präsentationen an der Uni hält. Auch, dass die Disziplin und die Konzentration, die man fürs Tanzen braucht, auf den Beruf ausstrahlen. Eine besonders zierliche Schülerin sagt: "Seit ich Ballett mache, fühle ich mich nicht mehr so klein.“ Und auch ich komme mir trotz zwei fehlender Zentimeter heute Abend mindestens wie 1,60 Meter vor!

"Lass dich nicht unterbuddern" 

Ich erwache mit Muskelkater an seltsamen Stellen meines Körpers und dem Gedanken daran, was Lutz Herkenrath "überqualifizierte Mutlosigkeit“ nannte: "Frauen trauen sich oft erst an einen Job, wenn sie ihn zu 150 Prozent abdecken. Aber wenn man vor einer Aufgabe keine Angst hat, dann ist sie zu klein.“ Was also könnte eine echte Herausforderung sein, etwas, bei dem ich das Erlernte erproben kann? "Geh doch zu Aale-Dieter“, murmelt mein Mann noch im Halbschlaf. Aale-Dieter, der eigentlich Dieter Bruhn heißt, den kennt in Hamburg jeder, seit 60 Jahren steht er auf dem Altonaer Fischmarkt in seiner Bude vor der Kaimauer. Der 80-Jährige ist der König der Marktschreier, als Kind hatte er bei einem Tenor der Staatsoper Gesangsunterricht. Mit seinem derben Charme würde er auch Veganern Räucheraal verkaufen, nicht nur einen. Gegen eine Legende antreten, gegen einen der zehn besten Verkäufer Deutschlands? Ich lasse mich doch sogar auf dem Flohmarkt abzocken, werde gleich heiser, wenn ich mal lauter reden muss ...

Trotzdem sitze ich am nächsten Sonntag um 4:30 Uhr mit dem Hünen beim Bäcker neben der Fischauktionshalle und lasse mir erklären, wie ein starker Auftritt geht: "Man muss echt bleiben und auf die Leute zugehen können“, sagt Dieter zwischen Eibrötchen und Kakao. Dann in großväterlichem Ton: "Ich möchte dir das aber eigentlich gern ersparen, mien Lütten. Die Leute kommen doch nur meinetwegen. Ärgerlich, wenn du dir Mühe gibst, und die gucken dich wie blöd an.“ Kann sein. Aber ich bin doch nicht zum Spaß zu dieser unmenschlichen Uhrzeit aufgestanden!

Mit klopfendem Herzen steige ich zu ihm in den Hänger, er gibt gleich Vollgas: "Hey, ihr, kommt mal näher ran, Ferngespräche kosten extra!“ Vor dem Stand bildet sich eine Menschentraube. Auch jene, die nur gucken wollten, verlassen mit Papiertüten den Tatort, aus denen eingeschweißte Fische ragen. Ganz großes Kino, Dieter, wirklich! "Mich kann man nicht kopieren, das ist so“, sagt er mit Stolz in der Stimme. Und ich muss mir eingestehen: Stimmt. Das kann für mich nur erbärmlich enden. Hier werde ich nicht über mich hinauswachsen, eher auf Stichling-Größe schrumpfen. Ich entscheide mich in diesem Moment, meine Würde zu wahren und dem Meister seine Bühne zu überlassen. "Lass dich nicht unterbuddern“, gibt er mir mit auf den Weg.

Und der eignet sich perfekt für die Hausaufgabe von Lutz Herkenrath: Nicht ausweichen! Ich denke an den imaginären Faden aus der Ballettstunde, fixiere einen Punkt am Horizont und bahne mir langsam den Weg durch Gruppen überfeierter Männer, die nach der Reeperbahn hier gestrandet sind. Ich muss ein paar Mal stehen bleiben, bis sie tatsächlich eine Lücke bilden und schimpfend an mir vorbeischwanken. Aber ich bleibe auf Kurs, ich weiche nicht aus. Das ist ein ungewohntes, ein gutes Gefühl. Es ist erst 8:37 Uhr, und ich bin schon so nah an Lara Croft wie selten in meinem Leben.