Mein Freund hat mich geschlagen – warum ich trotzdem bei ihm blieb

Mayla (Name von der Redaktion geändert) war 18, als sie ihren Freund kennenlernte. Sie erzählt, warum sie ihn erst sechs Jahre später verließ, obwohl er ihr wehtat, sie terrorisierte und zu Sex nötigte, den sie so nie haben wollte. 

Protokoll: Miriam Kühnel

Ich bin Mayla, Mitte 30, habe zwei Kinder, einen lieben Mann, einen Hund und lebe in einem hübschen Reihenhaus am Ende der Stadt. Wenn ihr mich auf der Straße trefft, werdet ihr nicht glauben, was ich erlebt habe. Denn ich bin nicht still, nicht traurig, sondern selbstbewusst und lustig. Meistens zumindest. Vor sechzehn Jahren, als ich meinen Ex-Freund traf, war es wohl ebendiese fröhliche Leichtigkeit, die ihn anzog. Auch ich fand Timo, den ich durch eine Freundin kennenlernte, sofort spannend. Er wirkte geheimnisvoll, war sehr freundlich zu mir und wir unterhielten uns schon auf der ersten Party über tiefgründige Themen, während alle um uns herum im flackernden Licht tanzten.

Er war schwächer als ich und das wusste ich

Wir trafen uns immer wieder und nach und nach erzählte er mir seine Geschichte. Seine Eltern, zwei ehrgeizige Akademiker, hatten ihn früher viel alleine gelassen oder bei Bekannten untergebracht. Einer dieser Bekannten hat sich regelmäßig an Timo vergriffen. "Ich war zu klein, um zu begreifen, dass das kein gutes Geheimnis war zwischen uns" sagte Timo mit starrem Blick und erzählte mir von den Schuldgefühlen, die ihn nicht loslassen wollten. "Weißt du, dieser Typ hat jetzt selbst einen kleinen Sohn. Eigentlich müsste ich etwas tun, aber ich kann nicht." Dieses "Ich will, aber ich kann nicht" zog sich durch Timos Leben wie ein roter Faden. Je besser ich ihn kannte, je näher ich mich fühlte, desto tiefer versank ich mit ihm in seinem Schmerz, in seiner Lethargie und in seinen Schuldgefühlen. Ich versuchte, noch lauter zu lachen, noch leichtfüßiger zu sein für ihn und meist gelang mir das auch. Äußerlich. 

Es gab nicht den einen Tag, an dem es begann

Ich kann nicht sagen, dass es diesen einen Schockmoment gab, in dem ich begriff, dass Timo eine dunkle Seite hatte, die mir nichts Gutes wollte. Es begann schleichend. Erst waren es warnende Blicke, wenn ich vor unseren Freunden etwas sagte, was Timo nicht passte, dann kamen immer klarere sexuelle Wünsche dazu. Ich sollte auf der Party keine Unterhose tragen. Ich sollte ihn dominieren. Ich sollte ganz bestimmte Strümpfe tragen. Manchmal sagte ich, dass ich das nicht wolle, manchmal machte ich, was er sagte. Mir fehlte auch ehrlich gesagt einfach die Erfahrung, um zu wissen, wie es zwischen "normalen" Paaren läuft. Timo wurde immer besessener von seinen Fantasien und er wurde immer unwirscher, wenn ich nicht wollte. Bis er mein Nein eines Tages ignorierte. Als ich ihn anbrüllte, schlug er zu, dann ließ er von mir ab und brach weinend zusammen. An diesem Abend war ich es, die ihn tröstete, auch wenn das merkwürdig klingt. Er lag zitternd auf dem Boden, betitelte sich als Monster und bettelte mich an, ihn zu verlassen, damit wenigstens ich glücklich werde. Doch ich konnte nicht. Ich sah den kleinen Jungen in ihm, der immer verlassen worden war und versprach ihm: Ich bleibe. Für immer. 

So viele Jahre meines Lebens

Und ich blieb. Über fünf Jahre meines Lebens war ich mit Timo zusammen. Wir wohnten in einer kleinen Wohnung in Berlin, weit weg von zuhause. Während Timos Ausraster und Sonderwünsche immer häufiger und abstruser wurden, fühlte ich mich immer einsamer. Meinen Freunden log ich ein glückliches Leben vor, manchmal schaffte ich es, das selbst mir einzureden. So bescheuert das klingt, meine Einsamkeit konnte immer nur Timo lindern. Wenn er wieder zu weit gegangen war, ging ich spazieren. Ich beruhigte mich und kam immer wieder zurück. In den Momenten, in denen er sich dann bei mir entschuldigte, in denen er weinte, sich vor sich selbst ekelte, in diesen Momenten sah ich in ihm immer einen Verbündeten. In einem Film habe ich mal gehört: "Wir alle brauchen einen Zeugen unseres Lebens" . Es war vielleicht die Sehnsucht nach diesem einen Zeugen, die mich an ihn band. Wer, außer er hätte dieser Zeuge meines Lebens sein können, wenn doch keiner wusste, was bei uns zuhause passierte?

Wie ich den Absprung schaffte

Irgendwann fuhr ich mit ein paar Kommilitonen für eine Woche weg. Zu diesem Zeitpunkt bestand ich eigentlich nur noch aus Unsicherheiten, aber ich war längst zu abgestumpft, um das überhaupt zu merken. Timo hatte mir erfolgreich eingeredet, meine Wahrnehmung habe einen Knick, also gab ich nicht viel auf meine eigenen Gedanken. Nach ein paar Tagen unterwegs saß ich abends jedenfalls mit einem Kerl aus meinem Studiengang auf einem Klettergerüst. Wir hatten viel getrunken und wurden offener. Wir begannen, über Sex zu sprechen und über Beziehungen. Naja, eigentlich öffnete vor allem er sich, ich erzählte nichts Wahres – natürlich nicht. Aber allein durchs Zuhören eröffnete sich für mich eine neue Welt. Eine zärtliche, behutsame und achtsame Welt, in der beim Sex zwei Menschen und ihre Wünsche vorkommen und nicht nur einer. Und plötzlich fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Ich musste gehen. Um mir diesen Gedanken zu behalten und um mir zu beweisen, dass das hier ein wichtiger Moment war, küsste ich ihn. Ich wusste genau, dass ein Kuss zwischen mir und einem anderen Kerl ein Weltuntergang für Timo wäre, wenn er davon erfahren würde.

Wieder ein Mensch mehr, der ihn verließ

Als ich nach Hause kam, überlegte ich kurz, es einfach zu verschweigen und doch bei Timo zu bleiben. Ich kann mich nicht genau erinnern, wie ich es schaffte, diese so leichte Möglichkeit auszuschlagen. Ich sagte ihm, was passiert war und dass ich gehen würde. Ich werde niemals sein Gesicht vergessen. Jetzt war ich doch die, die ihn verließ, obwohl ich versprochen hatte, das nie zu tun. Auch wenn das total krank klingt, es fiel mir schwer, ihn so leiden zu sehen. Ob ich auch Angst vor Vergeltung hatte? Ja, das hatte ich und zwar zu recht. Als wir gemeinsam ein paar Umzugskisten in meine neue Wohnung fuhren, griff er mir plötzlich ins Lenkrad und riss es herum. "Wenn wir nicht zusammen sein können, dann eben so!", schrie er dabei unter Tränen. Es war eine halbherzige Aktion, sonst hätte ich sie nicht retten können. Aber ich wusste, es würde wieder passieren und beschloss: Ich darf auf keinen Fall mehr Kontakt zu ihm haben. Nie nie niemals wieder. Zum Glück ist mir das gelungen. Auch aus dem Kerl auf dem Klettergerüst und mir ist nichts geworden. Er ist mittlerweile Radiomoderator und manchmal, wenn ich seine Stimme im Radio höre, muss ich lächeln, schicke ein stummes DANKE ins Universum und hoffe, das es irgendwie bei ihm ankommt. 

Warum ich die Beziehung nicht bereue

Es wäre leicht, mich selbst zu bemitleiden und jedes Scheitern in meinem Leben diesem einen Menschen zuzuschreiben. Aber ich glaube generell nicht an das Hadern. Wer wäre ich heute, wenn all das nicht passiert wäre? Hätte ich je meinen Mann kennengelernt? Hätte ich genau diese Kinder? Wäre ich so achtsam in meinem Urteil über Menschen? Wäre ich ich? Auf all diese Fragen gibt es keine Antwort, die mich dazu bringen würde, mit meiner Vergangenheit zu kämpfen. Sie war so, wie sie war. Ich habe damals so entschieden, wie ich entscheiden konnte, weil ich es zu diesem Zeitpunkt einfach nicht besser wusste. Manchmal holt mich die Erinnerung ein. Dann wird mir kurz übel von einem Geruch oder ich muss kurz vor die Tür und durchatmen. Vielleicht will mein Körper mich in diesen Momenten einfach nochmal daran erinnern: Ich bin es wert, geliebt zu werden, geachtet zu werden und meine eigenen Grenzen zu setzen. Wenn ich mir etwas wünschen dürfte, dann wäre es wohl, dass all die Frauen da draußen, die so leben wie ich es tat, endlich erkennen, dass auch sie es wert sind. Und dass es nichts bringt, sich für einen schwachen Menschen aufzuopfern. Wir können niemanden retten, wenn wir nicht mal uns selbst retten können. Also nehmt die Beine in die Hand und rennt! Da draußen könnte ein glückliches Leben warten.


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