Mein Vater hat eine junge Thailänderin geheiratet

Als ihr Vater kurz vor der Rente eine Thailänderin heiraten will, die so alt ist wie sie selbst, ist Carolin Genreith entsetzt: Papa ein Sextourist? Sie schämt sich, will es am liebsten verschweigen – und entscheidet sich für den Versuch, ihn zu verstehen ...

von Lena Schindler

Mein Vater war mir eigentlich immer schon peinlich, er war der Grund, warum ich früher nie gern Leute mit nach Hause genommen habe. Wenn ich doch mal Freundinnen eingeladen hatte, konnte es passieren, dass wir morgens am Frühstückstisch saßen und er in blutverschmierten Stallklamotten und mit einem zerfledderten Huhn in die Küche kam, das er gerade geschlachtet hatte. So ist mein Vater! Schrullig, ein Kauz, der sein Herz auf der Zunge trägt. Seit ihn meine Mutter vor 16 Jahren verlassen hat, nach fast 30 Jahren Ehe, ist er noch mehr zum Sonderling geworden. Ich dachte, ich wäre bei ihm auf alles gefasst. Aber das war ich nicht.

Mein Vater – ein Sextourist?

Eines Tages bekam ich eine Urlaubskarte, auf der stand: "Meine Liebe, mir geht es gut hier, ich esse Pad Thai und trinke Chang Bier. Und ich habe eine Frau kennengelernt, die so alt ist wie du. Liebe Grüße, Papa." Mein Vater – ein Sextourist? Einer, der sich in Bangkok Frauen kauft? Unfassbar! Wie sollte ich das meinen Freunden erklären? Und vor allem: selbst begreifen? Als Filmemacherin beschloss ich damals, mich nicht still zu schämen, sondern einen Dokumentarfilm darüber zu machen, auch aus therapeutischen Gründen. Ich wollte mit ihm dafür nach Thailand fahren, zu Tukta, meiner Stiefmutter in spe. Um zu begreifen, was er dort sucht – und was eine so junge Frau an meinem Vater findet. Ich hoffte, dass er es ernst meint mit dieser Frau, dass er sie nicht nur ausnutzen würde. Ich wollte die Achtung vor meinem Vater nicht verlieren. Denn auch wenn er zu Hause in Steckenborn gern in Unterhosen seine Gänse über den Hof treibt, völlig ungeniert, hoffte ich trotzdem noch, er könnte mal ein Held für mich sein: ein altersmilder Ratgeber, jemand, zu dem ich aufsehen kann, der meine Steuererklärung macht. Von so einem langweiligen Vater habe ich immer geträumt. Nicht von einem, der Urlaub im Frauen-Schlaraffenland macht.

Aber wie konnte es überhaupt dazu kommen? Was war bloß mit meinem Vater los? "Bist du wirklich so einsam, Papa?" Diese Frage habe ich ihm gestellt. "Ja, Carolin, ich bin so einsam", lautete seine Antwort. Das hat mich getroffen, aber auch wütend gemacht, weil ich mich ein Stück weit schuldig fühlte. Wir hatten lange kaum Kontakt miteinander, doch ich ahnte, wie allein er war. Er war ein unglücklicher Mann geworden und hockte in diesem dunklen Haus, in dem ich mich als Teenager darüber aufgeregt hatte, dass er nie an die Tür klopfte, bevor er ins Zimmer stürmte.

Doch immer wenn ich nach einem Besuch bei ihm wieder zurückfuhr in mein Leben in der Großstadt, waren mein Heimatdorf und mein trauriger Vater schnell wieder ziemlich weit weg, und ich war erleichtert über die Distanz. Weil ich es nicht aushalten konnte, das mit anzusehen, auch das schleichende Älterwerden, die Vergänglichkeit. Man will seine Eltern ja einfrieren und behalten, egal wie schwierig es mit ihnen ist.

Was findet eine so junge Frau an meinem Vater?

Der Dreh und damit die lange, gemeinsame Reise nach Thailand, stand mir bevor, die Intensität, die ungewohnte Nähe. Ich hatte auch erwartet, dass es mich peinlich berühren würde, ihn mit seiner jungen Verlobten zu erleben. Ehrlich gesagt, fand ich die zwei dann aber sehr süß miteinander. Er bemühte sich, Thai zu sprechen, hat die ganze Zeit gekichert, und ich begriff, dass er sich verliebt hatte. Trotzdem war es mir anfangs unangenehm, mit den beiden unterwegs zu sein. Früher im Thailand-Urlaub, da habe ich mich immer vor den rotgesichtigen Rentnern mit ihren blutjungen Thaifrauen geekelt, bei denen jeder sofort denkt: Die sind gekauft! Bestimmt dachten jetzt alle das Gleiche über Papa und Tukta.

Das mag hart klingen, aber bevor ich Tukta näher kennenlernte, konnte ich nicht recht glauben, dass sich eine Frau in meinem Alter für meinen Vater entscheiden würde, wenn sie eine Wahl hätte. Zu erfahren, dass sie sich zum ersten Mal mit einem Mann sicher fühlt, weil sie vorher nur Beziehungen kannte, in denen sie geschlagen und verraten wurde, hat mir geholfen, sie besser zu verstehen. Durch die gemeinsame Zeit mit ihr und ihrer Familie habe ich viel gelernt. Ich habe nicht mehr nur Täter und Opfer gesehen, sondern eine Beziehung, die trotz kultureller Unterschiede funktioniert. Ich konnte Tukta ihre Zuneigung glauben. Auch wenn es erst mal sicher ein Tauschgeschäft war: Partnerschaft gegen Versorgung. Eine romantische Liebe, so wie ich sie verstehe, kann man sich in Tuktas Lebensrealität vielleicht auch gar nicht leisten, weil sie immer auch an ihre Familie denken muss. Dass mein Vater diese Dinge mindestens genauso hinterfragt hat wie ich, habe ich erst auf der Reise begriffen.

Alles ist besser als diese Einsamkeit 

In den gemeinsamen Wochen in Thailand hat es ganz schön gelodert, und wir sind oft aneinandergerasselt. Vielleicht war ich schonungslos mit meinem Vater, aber ich war ja auf einmal nicht nur Tochter, sondern auch die Regisseurin, und habe mich dadurch getraut, Fragen zu stellen, die ich sonst nie gestellt hätte. Er war aber auch gnadenlos ehrlich mit mir. Er hat sich lustig gemacht über meine Generation, die so viel spießiger sei als seine. Er hat auch gestichelt, was meine Familienplanung und meine damalige Orientierungslosigkeit betraf. Einmal ist es so eskaliert, dass ich weinend in meine Hütte gerannt bin. Da hat er mich wie ein kleines Mädchen getröstet. Diese versöhnlichen Momente gab es auch. Das alles war aufwühlend, verwirrend und auch sehr traurig. Wir hatten 19 Jahre zusammengelebt und kannten uns doch irgendwie gar nicht.

Es war irritierend für mich , wenn er mir ganz offen erzählte, dass es ihm wichtig ist, mit Frauen zu schlafen, er im Alter nicht abgeschrieben werden will als Mann. Das will man als Tochter am liebsten gar nicht so genau wissen. Doch die intensive Auseinandersetzung hat uns auch näher zusammengebracht. Wir haben über Dinge gesprochen, über die wir noch nie geredet hatten, haben gestritten, diskutiert und gelacht. Ich habe endlich erkannt, wie charmant mein Vater sein kann, wie klug und wie witzig. Und dass er mir nicht mehr peinlich sein muss.

Mein Vater sieht heute glücklich aus. Und ich denke: Alles ist besser als diese Einsamkeit! Er hätte ja auch einfach auf dem Sofa erstarren können. Darüber, dass er in Thailand auf Frauensuche gegangen ist, kann man sich wenigstens aufregen, aber wenn jemand aufhört zu leben, daran kann man doch nur verzweifeln.


CAROLIN GENREITH, 34, ist Regisseurin und Dokumentarfilmerin und hat gleich zwei Elternteile, die nicht alt werden wollen: In ihrem Film "Happy – Mein Vater, die Thaifrau und ich" hat sie die Eskapaden von Papa Dieter verarbeitet; in "Die mit dem Bauch tanzen" die späte Bauchtanz-Leidenschaft ihrer Mutter. In ihrer nächsten Kino-Doku "MeMyselfandI" porträtiert sie Social Influencer, in einem zweiten Dokumentarfilm junge Politikerinnen: www.carolin-genreith.de, Instagram: @carogenreith

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