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Ich halt sie jung! Meine Eltern sind alt! Na und?

Meine Eltern sind alt. Na und?
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Unsere Autorin kann das Gejammer über alte Eltern nicht mehr hören. Sie stört es nicht, dass ihre Eltern "alt" sind. Im Gegenteil – es hat und hatte auch früher durchaus Vorteile für sie. 
von Miriam Kühnel

Immer, wenn ich erzähle, dass meine Eltern schon über 40 waren, als ich geboren wurde, wird es leise um mich herum. Eltern über 40 – Was heutzutage in Kindergärten und Schulen ganz normal ist, scheint in unserer Generation total krass zu sein. Ich werde gefragt, wie es mir damit ging, dass meine Eltern schon jenseits der Wechseljahre waren, als ich in die Schule kam. Ob ich klarkomme, mit Mitte 30 schon Eltern über 70 zu haben... Und ich denke nur: HÄÄÄÄ? Offensichtlich bin ich sehr bemitleidenswert, verstehe nur leider kein bisschen, warum. Ob die alle denken, dass meine Eltern an einem Tisch mit Seidendeckchen sitzen und den ganzen Tag Kaffee schlürfen? Oder schon gestern ihre Anmeldung im Altersheim abegegeben haben? 

Meine Eltern waren immer die coolsten

Dabei waren schon in der Kindergarten- und Grundschulzeit meine Eltern mit Abstand die coolsten. Nicht dass ich das damals so gesehen hätte, aber aus meiner heutigen Position betrachtet, kommt mir ihre Haltung wirklich extrem entspannt vor. Sie hatten einfach schon drei Kinder vor mir durch diese Zeit geschleust und blieben dementsprechend immer erst mal ruhig. Wenn die Mama von Vanessa meinte, dass ich ein bisschen zu frech sei. Wenn meine Lehrerin einen Brief schrieb, weil ich so verträumt war. Und auch, wenn ich wieder mal entschloss, meinen Rucksack zu packen, um auszuziehen. Sie schickten einfach zur Sicherheit meine große Schwester hinterher und machten schon mal einen Kakao, zum Trösten nach meiner reumütigen Rückkehr. Das mag jetzt sehr gleichmütig und abgeklärt klingen, aber im Grunde war ihre Unaufgeregtheit genau das richtige Maß an Sicherheit für mein eher emotionales zum Drama neigendes Gemüt. Ob sie das auch fünfzehn Jahre früher so geschafft hätten? Ich bezweifle es.

Unser Timing ist super 

Zugegeben – würde ich auch erst jenseits der 40 über Nachwuchs nachdenken, wäre die Oma-und-Opa-Sache etwas schwierig. Aber da ich schon etwas früher dran war, passte alles ganz wunderbar zusammen. Als meine großen Geschwister Kinder bekamen, standen sie ziemlich alleine da. Meine Eltern waren noch voll in ihre Berufe eingebunden und so gab es zwar Oma-Opa-Wochenenden, aber was meine Eltern mir und meinen Kindern bieten können, ist einfach mehr. Sie kommen einfach mal eine Woche zur Unterstützung. Sie fahren auch mal an einem Montag zu uns, wenn ich aus Versehen nicht am Wochenende krank geworden bin. Und ich brauche kein schlechtes Gewissen zu haben, wenn sie mir helfen. "Ach, morgen können wir doch ausschlafen, Schätzchen", sagt meine Mutter gerne mal, wenn sie mich  Sonntagmorgens um 6 Uhr wieder ins Bett schickt und ein quietschfideles Bündel einfach übernimmt. Gott, wie ich sie in diesen Momenten liebe. 

Ich war wichtig für meine Eltern

Irgendwann hab ich meine Eltern mal gefragt, ob sie es zwischendurch bereut haben, sich all das, was ein Kind eben mit sich bringt, nochmal zugemutet haben. "Nachts immer", hat meine Mutter gelacht und zugegeben, dass sie die Nächte in dem Alter echt nicht gut weggesteckt hat. "Aber abgesehen davon hast du immer dafür gesorgt und sorgst noch immer dafür, dass wir nicht bequem werden." Durch mich mussten sie sich gezwungenermaßen mit der Digitalisierung beschäftigen, durch mich lernten sie eine Menge junge Eltern kennen, die sie heute ihre Freunde nennen. Und meinetwegen hat meine Mutter die aktuellen Charts gehört anstatt Oldies. "Du bist unser Jungbrunnen", sagt mein Vater gerne und ich glaube, er hat ein bisschen recht. 

Mir fehlt nichts

Ich will nicht behaupten, dass alte Eltern besser sind als junge, das wäre wohl vermessen und auch viel zu allgemein. Aber ich möchte trotzdem eine Lanze brechen für alle, die bemitleidet werden, obwohl sie sich überaus glücklich fühlen mit genau den Eltern, die sie nun mal haben. Und auch für alle, die sich anhören müssen, dass sie zu alt seien, um gute Eltern zu sein. Seid ihr nicht! Alter ist keine Frage des Geburtsdatums. Alter ist eine Haltung. Und manchmal ist eine etwas "reifere" Haltung sehr wertvoll. Wenn ich eine jüngere Meinung brauche, dann habe ich auch noch Geschwister, Freunde, Kollegen... und wo ich gerade dabei bin: Ich hab schon von Zwanzigjährigen wesentlich altbackenere Ratschläge gehört als von meinen "alten" Eltern. Um es kurz zu machen: Was das Leben so bringt, das weiß keiner von uns. Mal passen Dinge zueinander, mal nicht so sehr. Ich glaube, Alter spielt dabei aber echt nur eine Nebenrolle. Vielleicht sind meine Eltern nicht mehr da, wenn ich 50 bin, das mag sein. Aber erstens:Welche Garantie haben die anderen? Und zweitens: Ich hab gelernt, mein Leben nicht von Angst bestimmen zu lassen. Das haben mir meine Eltern beigebracht. Vielleicht obwohl sie so alt sind, vielleicht auch weil sie so alt sind. Ihr Credo: Solange das JETZT prima ist, machen wir uns um die Zukunft keine Sorgen. Klingt, als ob sie 20 wären... Und im Herzen sind sie das in Teilen womöglich auch noch – so wie wir alle.

Barbara

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