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Messenger-Freundschaft: Mein fremder Freund


Kann Zweisamkeit entstehen, wenn man sich noch nie im echten Leben begegnet ist? Unsere Autorin hat so eine Freundschaft im virtuellen Raum. 
Karina Lübke
Einen meiner besten, vertrautesten Freunde kenne ich nicht. Jedenfalls nicht persönlich: Er lebt in Köln und ich in Hamburg. Zusammen leben wir im Internet. Wir trafen uns vor fünf Jahren als Freunde von Freunden auf Facebook, kommentierten unsere Kommentare und tauschten uns schnell über Grundlegendes aus.

Zu jener Zeit war mein Vater sterbenskrank, und der Schmerz darüber lief als Untertitel durch meine Postings. Mein FB-Freund schrieb mir per Privatnachricht, wie das war, als seine Mutter starb, und was im Nachhinein dabei wichtig war. Er half mir per private messages durch die Beerdigung.

Kontakt nur über das Internet

Seitdem stehen wir in engem Kontakt. Wir chatten, telefonieren und skypen, wir schicken uns Musik, Videos, Fotos, Artikel, News, Klatsch. Wir haben uns unsere Kindheiten und Jugendzeiten anvertraut, unsere Träume und Neurosen. Ich weiß, wie seine Kinder und Exfrauen heißen und wer seine besten Freunde sind. In unserem zweiten Jahr flirteten wir zunehmend, waren heftig verknallt in den Geist des anderen und unsere Vorstellungen voneinander.

Wir planten, uns zu treffen, doch es hat nie geklappt. Vielleicht haben wir uns auch nicht getraut – aus Angst, uns zu verlieren als das, was wir gedanklich füreinander waren. Wir setzten die Einstellung unserer erotisierten Beziehung zurück auf die bewährte Freundschaftseinstellung. Unsere jeweiligen körperlichen Affären und Beziehungen vor Ort klammern wir thematisch aus. „Ich bin dein Freund, nicht deine Freundin – bequatsch solche Sachen mit der!“, sagte er einmal, als ich seinen Rat in Liebesdingen wollte.

Er ist mein Beweismittel, dass Männer und Frauen Freunde sein können. Bei wichtigen Entscheidungen frage ich nach seiner Meinung, denn wir arbeiten beide in der Medienbranche und er ist einer der schlausten Menschen, die ich kenne. Im Grenzgebiet zwischen spätabends und nachts, wenn wir nicht schlafen können, gucken wir zusammen Dokus auf ZDFneo – er da tief im Westen, ich hier oben im Norden. Seinetwegen habe ich per Wetter-App Köln auf dem Radar, weil ich weiß, dass er ohne Sonne leidet.

Wir sind zwei Parallelen, die sich im Unendlichen treffen. Frei von Ansprüchen.

Wir streiten über den Sinn und Unsinn von Karneval, Katholizismus, elektronischer Musik und warum es am Rhein so schön ist, aber an der Elbe noch schöner, nein, am Rhein. Wir tauschen Lesetipps und Erziehungsratschläge. Wir tüfteln zusammen an dem unlösbaren Rubik-Würfel „Leben“ mit all seinen Farben herum. Und dann reißt einer dabei einen ganz schwarzen Scherz, und wir bluten am Telefon zusammen bitteres Lachen aus. Wir sind zwei Parallelen, die sich im Unendlichen treffen. Neulich schrieb er mir wie aus dem Nichts: „Es ist gar nicht so schlimm, zu sterben.“ Mich durchzuckte plötzlich solche Angst, er hätte wegsterben können, ohne dass wir uns je gesehen und umarmt hätten. Uns final verpasst, in unserem Vertrauen, der andere werde schon irgendwie immer da sein.

Mein Herz setzte einen Schlag aus, eine Minute später schrie ich ihn durchs Handy an, ob es nach dem Tod etwa WLAN geben würde und wie zur Hölle er mich derart in Panik versetzen könne?! Er lag nach einem Unfall im Krankenhaus. Redete davon, wie sein Blut immer weiter aus ihm herausgelaufen wäre und wie er einfach nur sehr müde und friedlich geworden sei. Dass wir nie zusammen essen waren, spazieren an Elbe oder Rhein, trinken in seinen Kunstszeneclubs oder meinen Hansehipsterläden.

Distanz ist unser Geheimnis

Er ist wieder aus dem Krankenhaus raus und sagt beim Telefonieren wie immer, dass er jetzt echt mit dem Rauchen aufhören muss – und das Wort „mussss“ atmet er in einer Wolke Rauch aus (ich kann euch hören, dich und die Zigarette). Dann sage ich, dass ich dazu nichts mehr sage. Weil es mich nichts angeht. Durch unsere Distanz, dadurch, dass sich aus seinem (Fehl-)Verhalten keine Konsequenzen oder Einschränkungen für mein Leben ergeben, sind wir frei von Ansprüchen und Erziehungsversuchen. Vielleicht ist er zu gut, um wahr zu sein – ich will es nicht wissen.

Du, mein Freund, bist der ewige Mitreisende im Zug durch mein Leben. Der vertraute Fremde, dem ich alles anvertrauen kann. Du, das sind 275 966 Nachrichten, das digitale Kondensat unserer Beziehung. Ein fortlaufendes Tagebuch. Du lebst sicher in meiner Innenwelt – da ist es total egal, wo du wohnst. 

Karina Lübke

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