Minimalismus? Ich sammle lieber!

Drei sind einer zu viel? Nicht für unsere Autorin, die gern Gruppen bildet – aus Gegenständen. Nur die Kritiker dieser Kollektionen würde sie gern aussortieren.

von Karina Lübke

Neulich bin ich beim Aufräumen auf einen dunklen Punkt meiner Vergangenheit gestoßen. Eigentlich waren es viele bunte Punkte: meine Briefmarkensammlung nämlich. Als Kind liebte ich diese kleinen Bilder, erfreute mich an Sonderserien wie jene über "Märchen" und träumte von Schätzen wie der Blauen Mauritius. Später verlagerte ich mein Sammelinteresse und kaufte bei jedem Sylt-Urlaub von meinem Taschengeld in der Keitumer Töpferstube ein kleines Keramiktier. Die Tiere präsentierte ich dann zu Hause in einem hölzernen Setzkasten. Bis ich noch später, als Teenager dann, mal Jungsbesuch bekam – und der Typ sich nicht wieder einkriegte vor Lachen.

Weniger ist mehr 

Seitdem versuche ich mehr oder weniger erfolgreich daran zu glauben, dass weniger mehr ist. Während man früher Sammlungen stolz herzeigen und sogar darauf hoffen durfte, die intime Besichtigung des Besitzes würde den anderen bestenfalls umhauen – Schallplatten, Briefmarken, Münzen, Wände voller Bücher –, gelten solche Gruppierungen heute eher als Ballast. Gesellschaftlich akzeptiert ist nur der Minimalist oder höchstens der Kunstsammler. Alle anderen lernen loszulassen, zu teilen oder digitalisieren: Was man "wirklich" braucht, soll am besten in einen VW Bulli passen; bei geschlossenen Türen.

Ich habe es versucht. Aber wie zum Beispiel meine 60er-Jahre-Keramikvasen so harmonisch zusammenstehen, jede eine individuelle Schönheit, aber erst als Ensemble ein Gesamtwerk, das tut meinen Augen und meiner Seele gut.

Das ganze Leben ist eine große Sammlung 

Menschen waren immer Jäger und Sammler. Das Jagen liegt mir nicht; aber ich sammle mich gern – in Gegenständen, die mich daran erinnern, wer ich war und bin. Psychologe Professor Alfred Gebert bestätigt den emotionalen Sammlerwert von Gegenständen: "Sie können ein Gefühl von Sicherheit und sogar Gesellschaft vermitteln." Gute Gesellschaft kann man also doch kaufen! Und jetzt sitze ich hier und heule, weil ich damals meine kleinen Sylter Keramiktiere beschämt weggeworfen habe, um cool zu werden. An jedem hingen Erinnerungen an zeitlose Wochen aus Wellenrauschen, Freiheit und salziger Luft, sandigen Füßen und Ausritten am Strand. Auch die von meiner Oma geerbten Sammeltassen mit verschiedenen Rosenmotiven habe ich aus falscher Coolness weggegeben – und damit ein Stück Erinnerung an sie. Vor allem auf lange Sicht: Denn eine Ansammlung zum Anfassen soll beim lebhaften Erinnern helfen und sogar Demenz entgegenwirken, das wurde von Neurologen gerade wissenschaftlich bestätigt.

Letztlich ist das ganze Leben eine möglichst große Sammlung von Minuten, Tagen, Nächten, Jahren. Nein, Sammlungen sind nicht sinnlos. Jedes einzelne Stück hat für mich Sinn und Sinnlichkeit, weil ich meine Erinnerungen damit begreifen und nachfühlen kann. Meine Sammlungen sind seelische Wertanlagen: Das ist Lebenskunst, das kann nicht weg. Folglich werde ich meine Büchersammlung weiter ausbauen, Schwerpunkt Minimalismus, klingt für mich gut.

Karina Lübke lebt und arbeitet in Hamburg. Sie sammelt Buchstaben, bis daraus ein Text wird


BARBARA November 2019
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