VG-Wort Pixel

Mit deiner Lehrerin hab ich früher Strip-Poker gespielt

Mit deiner Lehrerin hab ich schon Strippoker gespielt
© Getty Images
Tequilatrinker Timo ist heute Investmentbanker und Annette, die im Abi nur für ihre leidenschaftlichen Strip-Poker Spiele bekannt war, erzieht heute in Grundschulen unsere Kinder. Was ist eigentlich mit den Leuten geschehen, mit denen wir uns früher die Nächte um die Ohren geschlagen haben? Und müsste deswegen nicht eigentlich bald die Welt untergehen? Unsere Autorin geht der Sache auf den Grund…
von Eva Lindemann

Ja, es gibt sie. Diese Momente, in denen man den Nebel seines Alltagstrotts für ein paar Minuten verlässt und kurz, aber nur ganz kurz, aus der Distanz beobachten kann, was gerade um einen herum geschieht. Und neulich hatte ich genau so einen Moment. Bei meinem Klassentreffen. Nach wochenlangem Zaudern und viel gutem Zureden meiner besten Freundin, und, ja, ich gebe zu, nach dem dritten Gläschen Sekt, machte ich dieses Mal tatsächlich keinen Rückzieher und ging zu einem Klassentreffen. Was mich dort erwartete, war mir ich bisher nur aus wagen Erzählungen bekannt. Ja, da war der offensichtlich gespielte Enthusiasmus beim Widersehen, das höfliche Fragen nach dem Befinden des neuen Hundes – über dessen Kastration man ungefragt stündliche Updates auf Facebook erhielt – und das Schwelgen in alten, wilderen Zeiten. Den durchfeierten Nächten, heftigen Knutschereien und jugendlichen Verirrungen. Und genau da dämmerte es mir. All diese Menschen, die früher nicht mal die Verantwortung für ihre Haustiere, kleinen Geschwister, geschweige denn sich selbst übernehmen konnten – in deren Händen sollte nun unsere Gesundheit, die Erziehung unserer Kinder und die politische Entwicklung unserer Gesellschaft liegen?! Meine plötzliche Verwirrung erreichte ihren Zenit als ich meinen Blick durch den Raum schweifen ließ. Da war Timo. Früher war er betrunken in Baumkronen und auf fremde Balkons geklettert, heute verantwortete er ein dickes Investmentbudget bei einer internationalen Bank. Daneben Julia, die zwei Mal haarscharf an einem Schulverweis vorbeischrammte. Heute war sie Pilotin. Meine Hände fingen an zu schwitzen. Und dann war da Sarah. Ihr hatte ich beim Feiern nicht nur ein Mal die Haare gehalten. Nun war sie Ärztin. Oh Gott. Vor meinem inneren Auge sah ich wieder die jugendliche, pinke Kleidchen tragende Sarah. Nur diesmal wie sie bei Operationen schlagende Herzen in den Händen hielt. Und Medikamenten-Rationen verteilte, wie damals die Kurzen in der Disko. Weil wir heute ganz anders und trotzdem noch die Alten sind! Und dann passierte es. Ein Jahr später war ich mit meiner Familie für meinen Job in eine neue Stadt gezogen. Außer meinen Arbeitskollegen und Sarah, die hier in einer Hausarztpraxis arbeiteten, kannte ich wirklich noch niemanden. Dann wurde ich krank. Als mein Husten und Fieber sich durch meine Besserungsversuche nur zu intensiveren schienen, hatte ich keine andere Wahl. Entgegen meines Kopfkinos von durchfeierten Nächten und schlagenden Herzen in jugendlichen Händen, rief ich Sarah an, da ich wusste hier würde ich sofort einen Termin bekommen. Sie beschrieb mir den Weg zur Praxis bis ins kleinste Detail und sorgte dafür, dass ich innerhalb der nächsten halben Stunde einen festen Termin hatte. Bei ihr. Stunde der Wahrheit. Ich war viel zu krank, um zu zögern. Und als sie mich in der Praxis in Empfang nahm, schämte ich mich ein wenig für die Gedanken, die ich mir gemacht hatte. Wie hatte ich derart an ihr zweifeln können? Vor mir stand eine selbstbewusste, herzliche und intelligente Sarah in einem weißen Kittel und erklärte mir meinen Körper und wie sie ihn nun heilen würde. Nur das kleine pinke Stethoskop, das um ihren Hals baumelte, verriet, dass sie etwas anders war, als alle anderen Ärzte hier. Halt einfach nicht so langweilig. Und das war auch gut so.


Mehr zum Thema


MEHR ZUM THEMA