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Nationaltrainerin Monika Staab "Frauen bekamen auf dem Platz öfter zu hören: Kann ich mit dir duschen gehen?"

Monika Staab: eine ältere Frau im grünen Trikot lehnt gegen ein Fußballtor
© Tasneem Alsultan / Barbara
Auf Vorurteile gegenüber Frauen pfeift die Nationaltrainerin Monika Staab. Stattdessen bringt sie den Frauenfußball in möglichst vielen Ländern ins Rollen.

Barbara: Frau Staab, 1955 erließ der DeutscheFußball-Bund ein Verbot für Frauenmannschaften mit der Begründung: "Im Kampf um den Ball verschwindet die weibliche Anmut, Körper und Seele erleiden unweigerlich Schaden, und das Zurschaustellen des Körpers verletzt Schicklichkeit und Anstand." Was denken Sie heute, wenn Sie das hören?

Monika Staab: Da kann ich nur noch drüber lachen. Die Begründung zeigt, wie Frauen in der damaligen Zeit gesehen wurden: als zarte Wesen. Frauen waren da, um Kinder zu kriegen, und sollten nichts tun, was sie vielleicht unfruchtbar machen könnte. Wir Frauen haben in den letzten 50 Jahren bewiesen, dass wir Fußball spielen und Kinder bekommen können – wenn wir das wollen.

1970 wurde das Verbot aufgehoben.Konnten Sie damals schon begreifen, was das bedeutet?

Nicht so richtig. Ich war elf Jahre alt und habe mich nur darüber gefreut, endlich in einer Mannschaft spielen zu dürfen. Doch die Unterschiede zu den Männermannschaften habe ich schon mitbekommen.

Welche waren das?

Lange Zeit konnten wir nur einmal in der Woche trainieren, weil es schlichtweg keine freien Plätze für uns gab. Damit keine zusätzlichen Kosten anfielen, wurden wir von Verwandten trainiert, denn für Frauenmannschaften wurde damals kein Geld ausgegeben.

Gab es auch bei den Spielregeln Unterschiede?

Wir spielten anfangs zweimal 30 Minuten, mit einem kleineren Ball. Stollenschuhe durften wir auch noch nicht tragen. Außerdem sollten wir Brustschützer anziehen, doch wir weigerten uns, denn wir wollten selbst entscheiden, was wir tragen. Heute spielen wir selbstverständlich auch 90 Minuten und haben dieselben Regeln wie die Männer. Das zeigt doch: Hartnäckig zu bleiben und immer wieder unsere Rechte einzufordern lohnt sich.

Wann haben Sie mit dem Fußballspielen begonnen?

Schon mit vier Jahren habe ich mit den Jungs aus meiner Nachbarschaft gekickt. Mein Vater musste eine Zusatzversicherung abschließen, weil ich einige Fensterscheiben einschoss. Ich kam als dritte Tochter zur Welt. Mein Vater hatte sich einen Sohn gewünscht, der später mal die Familien-Bäckerei übernehmen sollte. Vielleicht war genau das der Grund, dass ich mich nicht so verhielt, wie man es von einem Mädchen damals erwartete.

In der Ausbildung zur Trainerin waren Sie 1994 die einzige Frau, neben 29 Männern. Wie haben die auf Sie reagiert?

Als ich damals den Fußballlehrer-Lehrgang absolvierte, wurde ich schon komisch angeschaut. Die Männer raunten sich zu: Was will die denn hier? Aber sie haben schnell gemerkt, dass ich mir nichts gefallen lasse. Das Ergebnis: Sie haben mich erst akzeptiert und dann respektiert. Nach 14 Tagen wurde ich sogar zur Sprecherin des Lehrgangs gewählt.

Mussten Sie sich in Ihrer Laufbahnhäufig unangebrachte Sprüche anhören?

Damals bekamen wir Frauen auf dem Platz leider oft Sätze zu hören wie: "Kann ich mit dir duschen gehen?" Und dass zu den ersten Spielen unserer Frauenmannschaft 3000 bis 4000 Besucher kamen, lag vor allem daran, dass die Männer hofften, einen Trikottausch zu sehen.

Ein Mann hat mal zu Ihnen gesagt: "Eine Frau ist wie ein Kristall, wenn sie Fußball spielt, zerbricht sie."

Und ich entgegnete ihm, dass ich das beste Gegenbeispiel bin. Ich spiele seit mehr als 50 Jahren Fußball und bin auch nicht zerbrochen. Aber das gehört eben zu diesen Vorurteilen, die man fast überall auf der Welt zu hören bekommt. Fußball ist ein gutes Werkzeug, um diese Vorurteile abzubauen.

Inwiefern?

Der Fußball stärkt das Selbstbewusstsein der Frauen. Dabei zählen zum einen die sportlichen Erfolge, aber auch das Training und die regelmäßige Aufmerksamkeit, die sie dadurch bekommen. Das gibt ihnen die nötige Kraft, um auch außerhalb des Platzes für Gleichberechtigung zu kämpfen.

Sie haben in mehr als 85 Ländern als Entwicklungshelferin den Frauenfußball vorangebracht. Welche Erlebnisse beeindruckten Sie besonders?

In einigen Flüchtlingslagern konnte ich erleben, wie die Frauen beim Spielen für einen kurzen Moment all das Schreckliche, was sie erlebt haben, vergessen konnten. Aber Fußball baut auch Brücken: Ich habe in Palästina gesehen, wie Israelis und Palästinenser gemeinsam hinter dem Ball herrannten.

Was geben Sie den Frauen mit auf den Weg?

Hoffnung! Ich erzähle ihnen, dass selbst die Frauen in Deutschland jahrelang kämpfen mussten, um Fußball spielen zu dürfen. Wir haben es damals auch geschafft, dass das Verbot aufgehoben wurde. Und nun gibt es in Deutschland eine tolle Frauen-Bundesliga und eine erfolgreiche Frauen-Nationalmannschaft.

Das allein motiviert schon?

Ich war zweimal in Nordkorea. Und natürlich weiß ich, dass ich die Politik dort nicht verändern kann, aber ich kann mein Wissen und meine persönlichen Erfahrungen mit den Frauen vor Ort teilen. Ich gebe ihnen die Funken, das Feuer müssen sie selbst entfachen.

Doch nicht überall auf der Welthaben Frauen die Möglichkeit, Fußball zu spielen.

Stimmt. In Afrika zum Beispiel dürfen Frauen nach der Hochzeit häufig nicht mehr spielen, weil der Mann es ihnen verbietet. Und bei jungen Mädchen liegt es oft an der Einstellung der Eltern. Als ich Schulen in Gambia besuchte, um dort den acht- bis zwölfjährigen Mädchen den Sport näherzubringen, habe ich gemerkt: Ich muss die Eltern überzeugen, weil die letztendlich entscheiden, ob ihre Tochter spielen darf oder nicht. Manchmal droht es aber auch, am fehlenden Equipment zu scheitern.

Aber einen Ball sollte man doch fast überall auftreiben können.

Also auf der Insel Vanuatu im Südpazifik bekam ich in keinem Geschäft einen Fußball. Allerdings standen den Männern dort genügend Bälle zur Verfügung. Aber davon ließen wir Frauen uns nicht abhalten: Aus Kleidern und Plastiktüten bastelten wir Fußbälle, mit denen wir dann trainieren konnte.

Seit dem letzten Jahr trainieren Sie die erste Frauen-Nationalmannschaft Saudi-Arabiens. Wie kam es dazu?

Mein Telefon klingelte, auf dem Display eine ausländische, unbekannte Nummer. Es war der saudi-arabische Fußballverband: Ich sollte dort Trainerinnen-Lehrgänge durchführen. Saudi-Arabien war noch ein blinder Fleck auf meiner Landkarte, also sagte ich spontan zu. Auch weil ich mir selbst einen Eindruck davon verschaffen wollte, was in dem Land gerade im Frauenfußball passiert.

Und, was ist da so los?

Seit 2006 spielen Frauen in Saudi-Arabien Fußball, doch 2019 hat sich der Fußballverband offiziell der Sache angenommen und eine eigene Frauenfußball-Abteilung gegründet. Die Frauen dort sind sehr engagiert und mit viel Leidenschaft bei der Sache. Das hat mich überzeugt, den Job als Trainerin der Nationalmannschaft anzunehmen.

Wie sind denn die Reaktionen auf eine weibliche Nationalmannschaft in einem Land, in dem Frauen etwa erst seit 2018 Auto fahren dürfen?

Es ist unglaublich, wie alle das Team unterstützen. Der Frauenfußball wird hier wirklich ernst genommen, und es gibt eine langfristige Strategie, um ihn weiter auszubauen. Ich trainiere nicht nur die weibliche Nationalmannschaft, ich kümmere mich zudem um die Trainerinnenkurse und den Aufbau von lokalen Trainingszentren für Mädchen. Was viele nicht wissen: In Saudi-Arabien lebt man Fußball richtig, das ist in anderen arabischen Ländern etwas anders, die sind zurückhaltender.

Was macht die saudi-arabische Fußballkultur aus?

Wenn man hier in ein Stadion geht, herrscht eine unglaublich tolle Atmosphäre. Die Stimmung erinnert mich an das, was in großen Stadien wie in Dortmund oder München abgeht. Ich konnte mir schon mehrere Länderspiele der Männermannschaft ansehen, da ging eine La-Ola-Welle nach der anderen durch die Reihen. Mal gucken, wie sich das bei unserem Frauenteam entwickelt.

Gibt es besondere Regeln oder gar Verbote für die Frauenmannschaft?

Nicht von unserer Seite. Manche tragen beim Fußballspielen Hijab, also ihre Kopfbedeckung, manche nicht. Einige Frauen ziehen kurzärmlige Trikots an, andere bedecken mit langen Ärmeln und Leggings lieber ihre Haut. Das kann jede Spielerin frei für sich entscheiden. Vonseiten der Fifa ist das erlaubt.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft des Frauenfußballs?

Dass jedes Mädchen und jede Frau die Erlaubnis und auch die Möglichkeit bekommt, Fußball zu spielen, wenn sie es möchte. Und zwar überall auf der Welt.

Monika Staab erzählt ihre Geschichte neben anderen Persönlichkeiten in "Welt der Frauen. Von Worten und Taten, die für uns alle gut sind", Elisabeth Sandmann Verlag, 25 Euro.

Barbara

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