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Female Health Week

#ZeitFürVeränderung Warum uns die Medizin endlich ernst nehmen sollte

Frau steht in Sonne
© Westend61 / Barbara
Es ist gruselig, wie unwissend wir Frauen zum Teil sind, was unseren Körper anbelangt. Noch viel unheimlicher ist es aber, dass es in der Medizin leider genauso ist. Denn auch als Forschungsobjekt wird unser Körper diskriminiert. Unsere Autorin checkt die Fakten.

Medikamente bislang überwiegend an Männern getestet

Die Medizin ist eine Männerdomäne, und dabei meinen wir nicht Ärzte und Pflegepersonal, sondern den männlichen Körper als Test- und Forschungsobjekt. Lange wurden Arzneimittel in der Forschung ausschließlich an Männern oder männlichen Tieren getestet, selbst jene, die Krankheiten heilen sollten, von denen hauptsächlich Frauen betroffen sind.

Das Problem dabei ist: Bloß, weil Männer das Medikament gut vertragen, heißt das nicht, dass das bei Frauen auch so ist. Zwar erkannte man zu Beginn der 90er-Jahre, dass Medikamente bei Frauen anders wirken als bei Männern (Beispielsweise Aspirin), doch erst jetzt, rund 30 Jahre später, setzt eine Veränderung ein. Der Grund: Sicherheitserwägungen. Nicht zuletzt die Contergan-Katastrophe der 50er und 60er Jahren hat die Pharmaindustrie sehr vorsichtig gegenüber Frauen als Testpersonen in klinischen Studien werden lassen. Zu groß ist die Angst, dass Spätfolgen eines Medikamententests bei einer Schwangerschaft oder der Geburt eines Kindes auftreten könnten, erklärt Dr. Michael Busse gegenüber Pharma-Fakten.de. Hinzu kommt, dass Frauen hormonellen Schwankungen unterliegen, die die Ergebnisse einer Studie verfälschen und unbrauchbar machen könnten. Dementsprechend komplexer, komplizierter und kostenintensiver macht die Teilnahme von Frauen das Unterfangen. 

Mittlerweile gibt es zwar Richtlinien zur Geschlechterverteilung in klinischen Studien, dennoch ist der Anteil an Männern und Frauen nicht ausgewogen. Begründet wird das vom Verband Forschender Arzneimittelhersteller e. V. (VFA) damit, dass die Unterschiede nicht so sehr in den Geschlechtern liegen, sondern vielmehr ein Zusammenspiel unterschiedlicher Faktoren wie Alter, Lebensstil, Ernährung und Co seien. Daher sei das Ziel aktuell nicht unbedingt eine genderspezifische, sondern vielmehr eine personalisierte Medizin. 

Frauen warten länger auf Schmerzmittel

"Frauen bekommen ja auch Kinder, sie können Schmerzen deswegen auch besser aushalten" – ein Bild, dass sich hartnäckig hält. Das zeigte auch eine Studie der University of Maryland Francis King Carey School of Law: Bis einer Frau in der Notaufnahme Schmerzmittel verabreicht werden, warten Ärzte im Schnitt 16 Minuten länger als bei einem Mann. Die Chance, dass man als Frau Opiate zur Schmerzlinderung bekommt, ist dabei bis zu 25 Prozent geringer als bei Männern. Also Ladys, Zähne zusammenbeißen!

Medikamente häufig überdosiert

Dass unser Körper sich vom männlichen unterscheidet, ist nicht nur äußerlich offensichtlich. Auch die Körperzusammensetzung, unser Hormonhaushalt und unser Stoffwechsel sind anders als bei Männern. Diese Tatsachen finden in der Dosierung von Medikamenten allerdings nur sehr selten Beachtung, was zur Folge hat, dass manche Medikamente entweder gar nicht oder anders wirken und zudem Wirkstoffe – in Impfungen beispielsweise – häufig überdosiert werden. 

Herzinfarkt, Tumore und Co.

Schmerzen im Brustbereich, Atembeschwerden, Übelkeit, Schmerzen im Arm oder Bauchbereich: typische Symptome eines Herzinfarkts – bei einem Mann. Bei einer Frau äußert sch ein Herzinfarkt oft ganz anders. Doch selbst, wenn Frauen mit den gleichen Symptomen zum Arzt gehen oder in die Notaufnahme kommen, werden sie seltener auf einen Herzinfarkt untersucht. Meist werden die Symptome nämlich auf hormonelle Ursachen wie Wechseljahre oder psychische Probleme zurückgeführt. Bei einer 65-jährigen Frau vergehen durchschnittlich 4,5 Stunden, bis der Herzinfarkt festgestellt wird und sie ins Krankenhaus eingeliefert wird. Erschütternderweise ist dieses Zeitfenster oft vom Geschlecht des medizinischen Personals abhängig. So sind die Chancen für Frauen höher, einen Herzinfarkt zu überleben, wenn sie von einer Ärztin behandelt werden, zeigt eine US-Studie. Wie das ausgehen kann, müssen wir wohl kaum erwähnen.

Doch auch wenn sie den Herzinfarkt überlebt hat, heißt das noch nicht, dass es jetzt bergauf geht. Um einen weiteren Infarkt zu verhindern, wird häufig die sogenannte ABC-Therapie (Aspirin, Betablocker, Cholesterinsenker) angewandt. Und hier wären wir dann wieder bei der unterschiedlichen Wirksamkeit von Medikamenten: Während Aspirin beispielsweise gesunde Männer vor einem Herzinfarkt schützen kann, wirkt das Mittel bei Frauen kaum. Die Nebenwirkungen von Betablockern sind bei Frauen stärker als bei Männern und Cholesterinsenker werden fast ausschließlich an Männern getestet, obwohl Frauen im höheren Alter sie meist nötiger haben als Männer. Es ist also fraglich, wie effektiv die Therapie bei Frauen ist.

Schwere Krankheiten werden später erkannt

Das alles betrifft nicht nur Herzinfarkte. Gehen Frauen mit Beschwerden zum Arzt, werden die Symptome in sehr vielen Fällen auf Stress, Wechseljahre oder die Psyche geschoben, bevor genauer geguckt wird, welche Ursachen dahinter stecken. Da ist es kaum verwunderlich, dass sechs von elf Krebsarten oft viel später als bei Männern entdeckt werden.

PMS, Endometriose und Vaginismus sind kaum erforscht

Dass der weibliche Körper noch immer ein Tabu ist, zeigt sich auch daran, dass er wenig erforscht ist. Das betrifft vor allem Krankheiten, die unsere Geschlechtsorgane betreffen, wie Lychen Sclerousus oder Vaginismus, aber auch Endometriose, Lipödem und Fibromyalgie. Und das, obwohl sehr viele Frauen darunter leiden. Für die hohe Anzahl an Betroffenen ist das medizinische Interesse erstaunlich gering.

Menstruationsbeschwerden werden nicht ernst genommen

Na, hast du deine Tage, oder warum bist du so mies drauf? Ein Spruch, den jede von uns nicht nur einmal in ihrem Leben gehört hat. Was lustig sein soll, ist es nur leider ganz und gar nicht. Menstruationsbeschwerden sind nichts, was man klein reden sollte. Manche Frauen können sich vor Schmerzen kaum gerade halten, andere sind müde, erschöpft und wollen nur ins Bett. Einmal im Monat spielt unser Körper verrückt. Einmal im Monat besucht uns dieses unangenehme Gefühl im Unterleib, das sich anfühlt, als würde unser Körper von innen einmal kernsaniert. Ein locker flockiger Spruch, ist genau das, was wir dann noch brauchen, vor allem von einem Mann. Aber hey, ist halt keine Krankheit, warum sollten wir uns also beklagen, wenn wir kaum am Schreibtisch sitzen können.

PMS kaum erforscht, Erektionsstörungen schon

90 Prozent aller Frauen leiden an PMS, 19 Prozent der Männer an Erektionsstörungen. Zu letzterem gibt es fünfmal so viele Studien wie zu PMS. Witzigerweise ist es bei Verhütungsmitteln anders herum. Das Interesse an der Pille für den Mann ist gering, die Pille für die Frau läuft ja. Hormone: Das ist unser Ding... Müssen wir nicht mehr zu sagen, oder?

Es wird Zeit ...

..., dass sich etwas ändert, dass wir unsere Kinder richtig aufklären, dass unsere Mütter ihren Körper kennenlernen und dass wir beim Arzt mehr sind als ein hormongesteuerter, gestresster Mann, dessen Psyche ein wenig angeschlagen ist. Wir wollen ernst genommen werden und Vertrauen haben können, dass man sich um unsere Gesundheit genauso kümmert. Und natürlich gibt es das auch: Ärzt:innen, die engagiert sind und Mediziner:innen, die zu Frauengesundheit forschen. Doch Erstere sind leider nicht leicht zu finden, Letztere scheitern oft an der Finanzierung. Wir Frauen sind leider oft nicht lukrativ genug. 

Barbara

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