Nach der Affäre: "Ich wünschte, er könnte mir wieder vertrauen"

Lisa, 38, ist seit über 13 Jahren mit ihrem Mann zusammen, die beiden haben zwei Söhne (7 und 9 Jahre alt). Sie ist ihrem Mann fremdgegangen. Hier kommen beide zu Wort.

von Lena Schindler

WAS SIE SAGT

Nicht eine Sekunde hatte ich damals überlegen müssen, ob ich mit ihm nach Stockholm gehe, wo wir bis heute zusammenleben. Große Entscheidungen fielen uns leicht, weil wir einfach dasselbe wollten. Heiraten? Kinder? Auswandern? Klar! Doch seit der Geburt unseres zweiten Sohnes steckten wir in einer heftigen Krise, acht Jahre waren wir da schon zusammen. Der Kleine schrie in den ersten Monaten oft über Stunden. Ich erinnere mich an Momente, in denen ich mit dem brüllenden Baby in der Trage versuchte, den Großen zu beruhigen, der auf das Geschrei und unsere mangelnde Aufmerksamkeit mit Wutanfällen reagierte. Ich funktionierte wie eine Maschine, so als würde ich mich auslösen. Da war nur Überforderung, kein Raum mehr für uns als Paar. Nie zuvor hatte ich meinen Mann so sehr gebraucht wie in dieser Zeit, doch er hatte sich völlig in sich zurückgezogen. Selbst als es mit den Kindern einfacher wurde, fanden wir nicht wieder zueinander. Bei mir hatte sich das Gefühl festgesetzt, allein gelassen zu sein. Wir hörten auf, miteinander zu reden.

Ich brauchte dringend eine Pause

Aus dieser Situation heraus beschloss ich, den Sommer mit unseren Jungs bei meinen Eltern in Deutschland zu verbringen. Ich brauchte dringend eine Pause, Zeit für mich. Als ich mich mit diesem alten Schulfreund traf, sehnte ich mich nicht nach einem anderen Mann. Nur danach, endlich mal wieder einen Abend allein zu verbringen, nach Gesprächen, die sich nicht um die Kinder drehten. Mich faszinierte sein freies, unabhängiges Leben, der komplette Gegenentwurf zu meinem. Ich ließ mich deshalb auf ihn ein, weil er mich als Frau wahrnahm, nicht als Mutter. In diesen fünf Wochen, in denen wir uns trafen, war ich fast wieder der Mensch, der ich früher gewesen war und den ich vermisste. Es ging nicht um ihn, es hätte genauso gut jemand anderes sein können.

Ich schaffte es nicht, die Wahrheit zu sagen

Ich hatte nicht vor, es meinem Mann zu erzählen. Meine Angst war zu groß, dass er mir nicht verzeihen könnte. Und verlassen wollte ich ihn in keinem Moment. Auch wenn ich selbst diejenige war, die es provoziert hatte: Nach dem Seitensprung wurde mir in aller Deutlichkeit bewusst, dass ich meine Familie verlieren könnte. Auch als mein Mann mich direkt fragte, ob ich jemanden kennengelernt hätte, schaffte ich es nicht, ihm die Wahrheit zu sagen. Er fand sie dann selbst – weil er Nachrichten auf meinem Handy las, die wir, dieser andere und ich, einander geschickt hatten.

Trotzdem ist es gut, dass alles rauskam

Heute, fünf Jahre danach, merke ich, dass sein Vertrauen in mich noch immer fragil ist. Es gab seither keine größere Auseinandersetzung, in der es nicht darum ging, dass ich ihn damals belogen habe. Ich weiß selbst, dass es keine Entschuldigung dafür gibt, einen Menschen zu hintergehen, den man liebt. Aber es frustriert mich auch, dass es gar nichts ändert, ihm meine Bewegründe zu erklären.

Trotzdem ist es gut, dass alles rauskam. Es war ein heftiger Weckruf, aber ich betrachte es eben doch als solchen. Irgendein Einschnitt war nötig, damit wir uns wieder füreinander öffnen konnten. Meinem Mann fällt es schwer, die Sache so zu sehen. Für ihn überwiegt der Vertrauensbruch. Gehe ich mal allein mit meinen Freundinnen weg, erlebe ich ihn danach oft ablehnend. Und wenn ich heute ohne ihn in Deutschland bin, melde ich mich übertrieben oft bei ihm. Ich wünsche mir, dass seine Zweifel irgendwann aufhören.

Es schmerzt mich, dass ich ihm dieses Gefühl der Sicherheit genommen habe. Aber genau die hat uns eben auch unaufmerksam für den anderen gemacht. Heute sehen wir unsere Liebe nicht mehr als etwas Selbstverständliches. Weil sie schon einmal so erschüttert wurde.

Beziehung ist Arbeit

Früher fand ich es immer furchtbar, wenn jemand sagte, man müsse an seiner Beziehung arbeiten. Aber es stimmt. Das heißt nicht, alles zu zerreden, aber: offen sein, sich nicht einfach ab nden, wenn man unzufrieden ist. Ein festes Date jede Woche, nur wir beide. Oder dass wir manchmal auch dann Sex haben, wenn wir eigentlich zu müde und erschöpft sind. Dann eben mit Ansage.


WAS ER SAGT

Fast wie bei einem schweren Unfall gibt es in unserer Beziehung ein „Davor“ und ein „Danach“. Früher dachte ich immer, ich kenne diese Frau so gut wie mich selbst, heute glaube ich, man weiß nie alles über den anderen. Dass uns so was pas­siert, hätte ich nicht für möglich gehalten, es passt irgendwie gar nicht zu uns. Genaue Details ihres Seitensprungs will ich nicht wissen. Im Grunde wäre ich froh, nie wieder darüber reden zu müssen, aber irgendwie landen wir doch immer wieder bei dieser Geschichte. Weil sie eben alles infrage gestellt hat.

Heimlich fremde SMS zu lesen verstößt eigentlich gegen alle meine Grundsätze. Aber was bedeuten die noch, wenn gerade alles auseinander­ bricht? Ich tat es, weil ich sicher war, dass sie log. Seit diesem Tag, als ich sie und unsere Jungs am Flughafen in Stockholm abgeholt hatte. Sie sah verändert aus. Glücklich.

Ich habe es gespürt

Intuitiv wusste ich: nicht wegen der tollen Zeit mit ihren Eltern. Vor allem aber nicht meinetwegen. „Lief da was?“, konfrontierte ich sie immer wieder: „Nein!“, antwortete sie. Jedes Mal.

Obwohl ich wusste, wonach ich suchte, war ich fassungslos, als ich diese eindeutigen Nachrichten auf ihrem Handy fand. Von irgendeinem Idioten an die Mutter meiner Kin­der. Und von der Frau, die gerade in unserem Bett schlief, an ihn. Die Enttäuschung war maßlos, ich saß eine Ewigkeit in Boxershorts in unserer Küche, wie paralysiert. Von den Fotos am Kühlschrank schienen mich alle auszulachen. Ich ging ins Schlafzimmer, packte sie am Arm und riss sie hoch. Wir starrten uns an wie zwei Fremde. In den Wochen danach herrschte zwischen uns nichts als Sprachlosigkeit.

Und ich rannte durch mein kaputtes Leben und stellte mir zwanghaft vor, diesem Typen, von dem ich nichts kannte außer miese Selfies und schwülstige SMS, eine zu drücken. Da war eine gewaltige Energie in mir, mit der ich nichts anzufangen wusste. Ich versuchte, mich durch Überheblichkeit zu retten: Von so einem kleinen Kläffer lass ich mir doch nicht ans Bein pinkeln! Jede Souveränität war weg.

Der Neuanfang ist nicht einfach

Aber ich bin nicht der Typ, der eine Ehe einfach so hinwirft. Mir war ziemlich schnell klar: Ich will, dass wir das hinkriegen. Sie wollte diese Paartherapie, und inzwischen denke ich, dass sie gut für uns war. Obwohl Dinge auf den Tisch kamen, die unangenehm waren. Sie fühlte sich von mir im Stich gelassen. Ich dachte immer, ich leiste meinen Beitrag, arbeitete doch wie ein Verrückter für unsere Familie.

Auf einmal erfuhr ich, dass es nicht genügt hatte. Das war hart. Für mich war diese permanente Anspan­nung zu Hause damals schwer auszuhalten. Manchmal habe ich einfach Abstand gebraucht. Gleich­ zeitig vermisste ich meine Frau, deren Welt sich nur noch um die Kinder drehte.

Schlimmer als der Seitensprung war die Lüge

Es brauchte Zeit, bis ich ihre Affäre als Hilferuf wegsortieren konnte. Ja, ich hätte merken müs­sen, wie überlastet sie war, ihr mehr abnehmen sollen. Aber sie hätte doch auch mit mir reden können! Schlimmer als der Seitensprung war, dass sie mir offen ins Gesicht gelo­gen hat. Das hinterlässt Spuren. Ich erwarte heute schonungslose Offenheit von ihr, denn ich will auf keinen Fall noch mal die Zeichen über­ sehen. Wenn ich das Gefühl habe, sie enthält mir Dinge vor, merke ich, wie es noch in mir arbeitet. Dann werde ich schnell unsachlich. Kont­rollieren würde ich sie nicht. Ihr neu zu vertrauen heißt ja auch, es auszu­halten, dass es Dinge wie Facebook gibt, auf die man keinen Zugriff hat. Das soll auch so bleiben, obwohl es mich manchmal unruhig macht. Ganz so entspannt schlafe ich jeden­falls nicht mehr auf dem Sofa ein, wenn sie mal mit ihren Mädels feiern geht.

Kurz nach unserem Neuanfang forderte ich eine offene Beziehung, bildete mir ein, dass ich dadurch besser mit der Situation klarkäme. Vielleicht wollte ich mir bloß be­weisen, dass es nichts bedeuten muss, mit jemand anderem zu schla­fen. Getan habe ich es nicht. Es wäre doch nur eine billige Retour­kutsche gewesen.