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Nach der Trennung Warum es so hart ist, sich selbst wertzuschätzen

Frau vor blauem Hintergrund mit Gesicht zur Sonne
© Klaus Vedfelt / Getty Images
Es beginnt mit einer Trennung. Unsere Autorin war sehr lange und sehr früh mit dem Vater ihrer beiden Kinder zusammen, jetzt hat sie viel zu lernen. Vor allem das mit dem Selbstwert fällt ihr schwer. 
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Wir alle haben sie – eine kleine, feine Büchse der Pandora, die wir ganz tief in uns versteckt haben. Einen Trigger, der eine Lawine loslösen kann, Ängste, die wir verdrängen, Verletzungen, die wir erfahren haben. Das Wegsperren funktioniert gut, bis plötzlich ein Erdbeben, ein Goldgräber oder zu viel Schnaps die Büchse an die Oberfläche und uns selbst direkt vor die Nase spülen. Und plötzlich steht sie da, die große Krise, direkt vor uns und wir fragen uns: "Wer bin ich eigentlich?". 

Wo ist meine Haut hin?

Die Trennung von meinem Partner, dem Vater unserer beiden Töchter, katapultierte mich aus eintausend Metern Höhe direkt auf den Boden der Tatsachen. Da lag ich dann eine ganze Weile und wartete darauf, dass sich doch nun endlich das schwarze Loch auf tun und mich einfach verschlingen möge. Das Gefühl des Alleinseins, die Schuld unseren Kindern gegenüber, die Unsicherheit, was richtig und was falsch war und ist und der übermächtige Wunsch einfach von irgendwem gerettet zu werden, sind so groß, dass ich es oft kaum aushalten kann. Immer und immer wieder haben sich meine Freunde die ewig gleichen Geschichten, Plattitüden und all mein (Selbstmit)-Leid angehört, aber jeder gut gemeinte Rat, jeder Versuch mir klar zu machen, dass das vollkommen normal ist und dass diese schrecklichen Gefühle auch wieder vorbeigehen, ist einfach durch mich hindurch gesickert. Ich wollte es nicht hören, dass ich da durch kommen werde. Ich wollte nicht hören, dass ich lernen würde, mich selbst auszuhalten und mit mir allein zu sein und ich wollte nicht hören, dass die neue Beziehung, in die ich mich Hals über Kopf gestürzt hatte, keine gute Idee ist. Ich fühlte mich als hätte man mich komplett auf Null gesetzt und stünde ohne schützende Haut in der Welt, in die ich nicht mehr passte und weinte meinem alten Leben nach und wegen meines neuen. 

Im Keller, auf der Suche nach dem Selbstwert

Der Wunsch nach Rettung und die Angst vor dem Alleinsein sind keine gute Mischung und schon gar kein guter Ratgeber. Da saß ich nun und wollte partout weder auf mein Bauchgefühl noch meinen Verstand hören. Oxytocin ist eben ein Arschloch. Es gaukelt uns die ganz großen Gefühle vor, dabei ist es mit etwas Abstand nur ein Strohfeuer. Aber solange die Hormone in meinem Körper verrückt spielen, schiebe ich all meine Bedürfnisse weg, ordne mich unter oder denke nicht weiter darüber nach – das einzige, das ich möchte, ist zwischendurch eine Pause zu haben – um zu atmen. Das Dumme ist nur, all meine Themen sind durchweg sehr ausdauernd und klopfen in regelmäßigen Abständen wieder an, während ich auf den richtigen Moment warte, mich ihnen zu stellen. Morgen vielleicht. Jetzt noch nicht, es ist noch nicht die richtige Zeit gekommen. Blöd nur, dass die vermutlich auch nie kommen wird. Für Veränderungen muss man mutig sein, und auf diesen Moment warte ich.

Und während ich so warte, höre ich sie lauter und lauter: Die Stimme in meinem Kopf und die meiner Freunde: Sei dir doch mal selbst ein bisschen was wert! Kümmere dich erstmal um dich und heile!

Aber was ist mit der Angst?

Heilen – ja, wie macht man das? Das schlimmste an der Trennung ist das plötzlich auf sich selbst zurückgeworfen sein. Um mich selbst kümmern, heißt mich selbst aushalten. In der Vorstellung vieler bedeutet das: Gesichtsmaske, Badewanne und danach Eis und Netflix. Selbstliebe! Sorry, aber ich möchte brechen, wenn ich das Wort auch nur lese. Denn wer schon einmal richtige Angstattacken oder Panik hatte, sich selbst total aufgelöst gefühlt hat, die weiß, dass es unfassbar schwer ist, sich frei zu machen. Und genau das kollidiert dann mit dem Selbstwert. Mein Hirn gaukelt mir vor: "Du schaffst das nicht, du hälst diese Gefühle nicht aus." Mein Kopf spielt die schlimmsten Szenarien durch, die ich mir vorstellen kann und mein Herz? Das rast einfach. Und dann lege ich mich erstmal in die Badewanne? Ähm nein. Ich suche Ablenkung, eine Ersatzdroge oder irgendetwas, dass diese Gefühle ausschaltet und drehe und biege mir all das so schön zurecht, bis es passt oder schlimmer noch: Ich suche mir jemanden, dem ich die Last auferlege, mich glücklich zu machen. 

Die Sache mit dem Selbstwert ist kompliziert

Dabei ist all das nur ein Trostpflaster unter dem die Entzündung nicht heilen kann. Das zeigt sich dann daran, dass wir unsere Baustellen sehr gern auf andere übertragen, statt den Vorschlaghammer selbst in die Hand zu nehmen. Und genau das ist der Punkt, wenn wir von Selbstliebe und Selbstwert sprechen. Um dahin zu kommen, müssen wir uns selbst von Innen heraus verändern, statt Lösungen im Außen zu suchen. Und das ist das Schwerste überhaupt. Denn es bedeutet, sich von Menschen zu trennen, sich unangenehmen Gefühlen und Gedanken auszusetzen, zu lernen, zu akzeptieren und loszulassen. Das tut weh, sehr sogar und es braucht Zeit, deren Investition sich erst rückblickend auszahlt. In dem Moment gibt es keine Belohnung für unser hungriges Gehirn, aber umso länger wir durchhalten und uns neuen Blickwinkeln öffnen, alte Sichtweisen überdenken und uns an Neues gewöhnen, desto tiefer werden die neuen Spuren in unserem Gehirn und unser Autopilot nimmt dann irgendwann doch lieber die neugebaute Straße im Kopf, als die mit den Schlaglöchern. Doch damit es auch richtig abbiegt, braucht es den Moment, indem unser Selbstwertgefühl anklopft und sagt: "Hey, jetzt mal ehrlich: Bist du dir dafür nicht langsam wirklich zu schade?" und wir antworten nicht: "Eigentlich schon.", sondern "Ja!".

JB

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