NACHBARN, holt eure Pakete gefälligst selber ab!

Wenn der Paketmann zehnmal klingelt: An der Tür unserer Autorin spielen sich Dramen ab. Weil die Nachbarn nie zu Hause sind – und nur online shoppen.

Hier schreibt Karina Lübke

Gehe ich recht in der Paketannahme, dass große Teile des Welthandels über meinen Wohnungsflur laufen? Dieser liegt güterverkehrsmäßig perfekt im Erdgeschoss eines Mietshauses mit zwölf begeistert onlineshoppenden Parteien, die allerdings selten zu Hause sind.

Dass ich tagsüber zuverlässig im Homeoffice festsitze, macht mich zur Traumfrau aller Paketboten und zum „Lieblingsnachbarn“ von Unbekannten im Umkreis von einem Kilometer. Es klingelt andauernd in meinen Ohren wie ein schwerer Fall von DHL-Tinnitus – und UPS, Hermes ist mein Hausgötterbote. Das ist derart öde, dass ich schon hoffe, zur Abwechslung wäre mal jemand an der Tür, der mit mir über Gott reden wollte oder zumindest meine Messer schleifen.

Früher waren Pakete etwas Besonderes. Sie kamen zum Geburtstag oder vor Weihnachten. Durch E-Commerce brandet die Paketflut mittlerweile alltäglich gegen meine Pforte. Jährlich werden in Deutschland gut drei Milliarden Pakete hin- und hergeschickt, für 2020 erwartet man 3,8 Milliarden. Fast 80 Prozent der bestellten Sachen werden übrigens zurückgeschickt – Wahnsinn! Es ist also ein einziges Paketaufkommen und -gehen. Ich weiß, jeder hat sein Päckchen zu tragen – aber ich eben auch die der gesamten Nachbarschaft. Bis jetzt.

Einfach nicht abholen

Einiges ist für mich einfach nicht mehr annehmbar: Etwa wenn Leute aus dem Haus ihre Pakete trotz Benachrichtigungszettel tagelang nicht abholen. Pakete, für die ICH durch meine Unterschrift übrigens so lange rechtlich verantwortlich bin. Neulich hörte ich die eine im Hausflur und riss die Tür auf: „Bei mir liegt noch ein Paket für euch!“ Sie, lässig: „Ja, habe ich schon gesehen.“ Und verließ das Haus. Der Name kam bei mir direkt auf die schwarze Liste.

Ja, auch mir tun die Paketzusteller leid. Ich weiß, wie stark sie für Niedrigstlöhne unter Zeitdruck stehen, und versuche meistens, behilflich zu sein. Doch ich will mich auch nicht als einkalkulierter UM (unfreiwilliger Mitarbeiter) von DHL ausbeuten lassen. Und die Methoden werden rauer.

Der Kampf mit dem Boten

Ein Bote klingelte Sturm, rief euphorisch: „Paket für Sie!“ Ich öffnete die Tür zu meinen heiligen Lagerhallen. „Aber das ist doch gar nicht für mich!“, rief ich dann enttäuscht. „Ist für Ihre Nachbarn!“, sagte der Mann eindringlich und schob die drei Pakete mit sanfter Gewalt wieder über die Hemmschwelle in meinen Flur. Wie jede Frau habe ich Schwierigkeiten, Nein zu sagen, aber da reichte es mir: „Nein, ich will nicht!“

Der Paketbote schaute mich finster an: „Aber das ist für NACHBARN!“ Ich: „Ja, dann müssen die das wohl von der Post abholen.“ Er griff sich in Zeitlupe die Pakete und setzte in verächtlichem Tonfall den stärksten Hebel an: „Du bist keine nette Frau.“ Dann wartete er zufrieden auf meinen mentalen Einbruch. Und der kam: „Weißt du was, Junge? Deine Meinung ist mir scheißegal! Stell dich da mal ganz hinten an, in die Schlange hinter meinen Exmann!“, rief ich unbeherrscht. Und knallte die Tür zu. Mein Schalter bleibt ab sofort geschlossen.