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Nachgefragt Sind Männer nur große Kinder?

Nachgefragt: Mann mit Wasserpistolen
© BRAIN2HANDS / Shutterstock
Für alle, die sich öfter fragen, wieso die durchschnittliche Familie 1,5 Kinder hat: Der Mann wird zur Hälfte mitgerechnet. Gemein, findet unser Kolumnist.

Über Mike gehen die Lichter aus. Ein gezielter Tritt gegen die Straßenlaterne, und es wurde finster. "Weißt du noch", sagt er und macht eine Bewegung wie Karate-Kid, "früher haben wir so auf einen Schlag einen halben Stadtteil abgedunkelt!" Erinnerungen werden wach, Konfetti hinter meiner Stirn. Wo steht die nächste Laterne?

"Werdet erwachsen!"

Werde sofort ausgebremst von einer verbalen Temposchwelle. Mikes Frau. "Werdet erwachsen!" sagt Anne und schüttelt den Kopf. Möchte ja über den Satz nachdenken, wirklich, bin aber abgelenkt von Mikes Achselfürzen. Wenn Blicke töten könnten.

Früher war Mike ihr süßer Chaot. Ein rebellischer, anarchistischer, unkonventioneller Mann, in den sie sich schneller verliebt hatte, als er ihr einen Mercedes-Stern klauen konnte. Heute ist er für sie ein albernes Kind. Was sich in der Zwischenzeit geändert hat? Bei ihm nichts!

Mike und ich, wir brauchen das Alberne gegen die Tristesse des Alltags, gegen die Langeweile und vorzeitige Vergreisung. Die Begeisterungsfähigkeit für das Verspielte hält uns lebendig. Das Gehirn übergibt den Staffelstab ans Herz. Wir denken dann weniger, fühlen mehr. Mit den Kindern in uns. Und denen auf unserem Schoß.

Früher waren Väter diejenigen, mit denen Mütter ihren Kindern drohten, wenn diese etwas angestellt hatten. Strenge Autoritäten, denen die Mundwinkel tiefer runterhingen, als es irgendwann die Köpfe ihrer Kinder taten. Männer, die so ernst waren, dass sie auch so hießen. Oder Hartmut, Gerhart, Siegfried.

Erwachsen sein - UND Spaß haben

"Peter-Pan-Syndrom", kreischt Anne jetzt. Jungs, die nie erwachsen werden wollen. Die Wahrheit aber lautet: Es ist genau andersherum. Wir wollten immer schon erwachsen sein. Haben auf dem Weg dahin nur nie den Spaß verloren.

Vielleicht gehört Anne zu den Frauen, die sich schon mit elf etwas auf ihre geistige Reife eingebildet und später mit ihren BFFs in der Raucherecke diskutiert haben, wie sie später als Mütter sein würden. Während Mike Ahoi-Brause durch die Nase zog und Popel an Fensterscheiben schnipste. Dabei war sie auch mal albern. Aber Mädchen überqueren die Brücke ihrer Kindheit rüber zum Erwachsensein eben oft schneller als Jungs. Warum schauen sie nur so selten zurück?

Die Laterne flackert, es wird wieder hell. Nur die Beschattung durch Anne läuft weiter. Wir, die eben noch wild mit unseren Armen herumgefuchtelt haben, tun jetzt – nichts. Bis wir uns wieder in einem anderen Licht zeigen können.

BARBARA 06/2021 Barbara

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