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Nachtzug So ist eine Fahrt durch die Nacht

Nachtzug: Autorin Kirstin Bock am Bahnsteig
© Hahn + Hartung / Brigitte
Die Nacht ist nicht allein zum Schlafen da – man kann auch Strecke machen. Unsere Autorin hat den Zug Richtung Morgen genommen.
Kirstin Bock

Versuchsobjekt: Autorin Kirstin Bock, jenseits des Interrail-Alters

Testumgebung: Der Liegewagen im „Nightjet“ von Berlin nach Basel

Mission: Na ja: eine gute Nacht haben. Wie auch immer…

Nachtzug, das klingt so schön nostalgisch ...

Berlin Hauptbahnhof, ich stehe am Bahnsteig Gleis 13 und frage mich, mit wem ich heute die Nacht verbringe und ob das wirklich so eine gute Idee war: mit dem Nachtzug von Berlin nach Basel. Weil der Schlafwagen über Wochen ausgebucht ist, habe ich einen Platz im Liegewagen gebucht, Viererabteil nur für Frauen, im Grunde ein fahrendes Hostelzimmer. In den Abteilen gibt es weder Waschbecken noch Klo, dafür je zwei Waschräume und Toiletten im ganzen Waggon. Na gut, für 10 Stunden und 13 Minuten wird das schon gehen. Der Flieger braucht 1,5 Stunden, aber davon nehme ich wegen Corona lieber Abstand, vom Klima her passt der außerdem auch nicht mehr zu mir. Nachtzug klingt dagegen so schön analog, oldschool, nostalgisch. Der Blick in die Menschenmenge mit Maske ist allerdings eher irritierend. Etwa jeder Zweite hat einen Wanderrucksack dabei, die Jogginghosen- und Leggings-Dichte ist selbst für Berlin außergewöhnlich hoch. Was wollen die jungen Leute in der Schweiz? Sind das raffiniert getarnte Businesstypen, die den Ruck- sack voller Scheine und die Ziffern ihres Nummernkontos im Kopf haben?

Um 21:02 Uhr wird es dann doch nostalgisch, eine schmutzig-rote Lok rumpelt ein, hinter sich Waggons, die ich so aus meiner Interrail-Zeit vor 30 Jahren in Erinnerung habe. Nichts mit automatischer Türöffnung, hier werden die Türen noch per Hand aufgeknallt. Alles einsteigen, bitte!

Mein erstes Mal Nachtzug habe ich mir irgendwie romantischer vorgestellt.

Eine blonde Frau steht bereits im leicht verwohnten Abteil, das ich auch gebucht habe, und weiß nicht, wohin mit ihrem Koffer. "Darunter?", schlage ich vor und deute auf die Polsterliege links unten, die ich als Nachtlager reserviert habe. Das klappt mit etwas Quetschen, dann wankt meine Mitbewohnerin unbeholfen die Leiter zum Schlafplatz darüber hoch. "Mein erstes Mal Nachtzug habe ich mir irgendwie romantischer vorgestellt", sagt sie, und ich bin froh, dass mir so eine Kletterei erspart bleibt.

Die Nachtzugprofifrau

Als Nächstes kommen eine Rucksacktouristin mit Gepäck vom Ausmaß einer Öltonne, das sie auf das Ende der Liege neben mir wuchtet, und eine zierliche Dunkelhaarige, die knapp grüßend die Schuhe abstreift und geschickt mit ihrer Tasche die Sprossen zur anderen Oberliege erklimmt. "Du machst das öfter", stelle ich fest, das förmliche Sie anzuwenden kommt mir erst gar nicht in den Sinn. Ihr auch nicht, sie erzählt, dass sie seit neun Jahren im Nachtzug herumdüst, so schon Deutschland, Schweiz, Serbien und sogar Russland bereist hat. Das spare Zeit, ihr sei noch nie was Blödes passiert, das Schlimmste wäre, wenn einer schnarcht. Ich erinnere mich an eine Nacht in einer norwegischen Hütte im gemischten Achtbettzimmer, die erschütternd verschnarcht war. Damals war ich mit Abstand die Älteste, hier ist es genauso, aber es hätte von der Belegung her schlimmer kommen können. Keines der Mädels wirkt wie ein aggressiver Schläfer.

Aus dem Nichts steht eine angespannte Zugbegleiterin mit zerfleddertem Zettel- Klemmbrett in der Tür und blickt unbestimmt ins Abteil. "Fahrkarte. Kaffee oder Tee", sagt sie teilnahmslos, nimmt die Tickets an sich, notiert die Getränkewünsche für das Frühstück und rumst die Tür hinter sich zu. Das scheint für die Frau mit dem Giga-Gepäck ein Stichwort zu sein: Sie zieht ihren Mund-Nasen-Schutz auch noch über die Augen und blendet sich aus.

Nach einer Weile verlässt die Nachtzugprofifrau mit einer Zahnbürste das Abteil, wieder zurück verriegelt sie die Tür mit der altmodischen Schließkette und beendet den Tag mit einer beeindruckenden Choreografie: noch im Hochsteigen das Rollo halb runterziehen, Deckenlampe aus, Leselampe an, hinlegen, zudecken. Schlaftablette und Ohrstöpsel rein, Schlafmaske auf, Leselampe aus. Puh. Da steckt Routine drin. Ich greife mangels solcher zum Handy – kein WLAN. Schade, ich hatte mich auf Folgen meiner Lieblingspodcasts gefreut, sie nur nicht vorher runtergeladen. Anfängerfehler. Aber natürlich habe ich das Buch "Nachtzug nach Lissabon" dabei. Das bringt mich aber auch nicht weiter. Das Werk um einen Endfünfziger, der im Nachtzug seinem Alltag entflieht, um per portugiesischem Philosophen sein wahres Ich zu finden, wirkt mit seinen umständlichen und ellenlangen Sätzen nur ermüdend, nicht aber einschläfernd.

Ich beschließe, meine eigenen philosophischen Gedanken zum Thema Nachtzug für die Welt festzuhalten, und krame Notizbuch samt Stift aus der Tasche. Erste Erkenntnis: Ich weiß jetzt, warum der Zug nachts drei Stunden länger braucht als tags. Er hält an wirklich jedem Bahnhof. Nach Spandau, Wannsee, Potsdam und einer Stunde Fahrt haben wir immerhin Brandenburg Hauptbahnhof erreicht. 22:31 Uhr, Stopp auf freier Strecke. Was ist da los? Ich lege meinen Schreibkram beiseite, starre minutenlang in die dunkle Landschaft, bevor der Zug abrupt wieder anfährt. Mein Kuli kullert von der Liege und wird unauffindbar vom Abteil verschluckt. Schluss mit schlauen Notizen.

Mit dem Schlafen klappt's noch nicht so recht

Als der Zug um 22:55 Uhr in Magdeburg hält, fällt mir ein, dass es an Bahnhöfen oft kostenloses WLAN gibt. Bingo! Ich logge mich ein und lade so viele Podcastfolgen wie möglich runter. Mit Geschichten auf den Ohren hocke ich jetzt am Fenster. 23:47 Uhr: Braunschweig. 0:13 Uhr: Hildesheim. Bequem geht anders. Die Liegen sind nicht zum Sitzen gemacht. Also: Kopfhörer ablegen, Körper ausstrecken. Das Polsterteil ist erstaunlich gemütlich, damit habe ich nicht gerechnet. Nur fällt mir jetzt – ohne die Stimmen im Ohr – auf, wie laut es ist, trotz Ohrstöpseln. Schritte poltern über den Gang, die metallene Leiter klappert, beim Halten quietschen die Bremsen gefühlt über Minuten. Hat der Zug wieder Fahrt aufgenommen, buckelt er wie ein Flieger in Turbulenzen, es schüttelt mich durch. Außerdem ist es zu warm, nicht nur wegen der Maske, die Lüftung kommt nicht gegen die stickige Atmosphäre an. Für den Fahrtenschreiber: Es ist 1:12 Uhr, und der Zug fährt nun rückwärts, bis es um 1:21 Uhr wieder vorwärtsgeht. Wohl ein Rangiermanöver. 1:26 Uhr: Göttingen. 2:56 Uhr: Fulda – gut, dass die Bahnhöfe beschriftet sind, sie sehen alle gleich aus und würden ein perfektes Setting für ein Post-Apokalypse-Movie liefern. Kein Mensch. Kein Anzeichen von Leben. Keine Durchsagen. Eine besenrein verlassene Szenerie. 4:25 Uhr: Frankfurt/Main. Ich gebe die Schlafversuche auf, werde sonst womöglich geräderter sein, als wenn ich durchmache. Außerdem bin ich sowohl in Fahrt als auch zum Arbeiten hier. Mir darf nichts entgehen, ich drehe noch mal alle Sinne schärfer. Die Lüftung quäkt in einem Singsang, als wolle sie geheime Botschaften senden – warum fällt mir das gegen 5:00 Uhr in der Stadt Mannheim auf? Hat das vielleicht was mit einem ihrer Söhne zu tun? 5:19 Uhr: Karlsruhe, 5:51 Uhr: Offenburg, hinein in die Morgendämmerung.

Ein Frühstücksarrangement wie 1990 in Lloret de Mar

Als es hell ist, steht die funktionale Zugbegleiterin an der Tür, streckt mir ein Tablett mit Pappbecher-Kaffee, zwei Semmeln, einem Päckchen Butter und Einweg- Erdbeermarmelade entgegen. Exakt dieses Arrangement hatte ich 1990 im Hotel Rosamar, Lloret del Mar. Ob das der gleiche Anbieter ist? Schmeckt jedenfalls ziemlich retro. Kurz vor 7 Uhr: Freiburg. Müssten jetzt nicht ein paar Grenzbeamte auftauchen? Nix da. Maximal unspektakulär rollen wir in die Schweiz hinein.

Kurz nach halb acht, die erste Durchsage des Tages: "Wir erreichen Basel." Herrlich. Ich packe meinen Kram, verlasse leise das Abteil, die anderen können noch bis Zürich schlafen. Erledigt, aber euphorisch humpele ich in den Bahnhof. Das mag am Schlafentzug liegen und weil ich mein Ziel erreicht habe. Tolles Gefühl, das bekommt eine Strecke wie Berlin–Hamburg nicht hin. Wenn man sich auf eine Nacht ohne Ruhe einstellt, ist der Nachtzug eine echte Alternative. Und bestimmt kommt es irgendwann zu einem Gewöhnungseffekt mit Schlafroutine. Ich werde es auspro­bieren, definitiv. Bevor ich die nächsten Reisemöglichkeiten checke, brauche ich aber erst mal einen anständigen Kaffee.

BARBARA 50/2020

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