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Naturliebe Wenn Freunde die Stadt verlassen

Naturliebe: Bushaltestelle auf dem Land
© Bouldi / Shutterstock
Die Freunde unserer Autorin zieht es gerade zuhauf in die Natur. Und sie fragt sich: Sind die irre? Zeit für eine dringende Warnung.

Treffe ich Bekannte, schaue ich als Erstes auf ihre Hände. Ist das etwa Erde unter den Fingernägeln? Erzählen sie dann noch mit leuchtenden Augen vom Pilzesuchen im Wald, vom neu angelegten Hochbeet, vom Kartoffeln-Ausbuddeln, weiß ich: Ich bin dabei, sie an die Natur zu verlieren. Gerade noch haben sie die Stadt nach den besten Craft-Beer-Bars abgesucht, jetzt begeistern sie sich plötzlich fürs Mulchen. Von da an dauert es nicht mehr lange, und sie kaufen sich ein Häuschen im Umland. Fürs Wochenende. Oder schlimmer: für immer. Am liebsten würde ich mich jedes Mal vor den Umzugswagen werfen und brüllen: "Tut es nicht!"

Expectation vs. Reality

Denn das echte Dorfleben sieht anders aus als auf Instagram. Wer auf der Manufactum-Gartenbank vor seinem Skandi-Traumhaus sitzt, guckt in der Regel nicht auf Rehe im Klee, sondern auf den 80er-Jahre- Klinkerbau der Nachbarn. Von irgendwo dröhnt in voller Lautstärke irgendwas von Böhse Onkelz. Immer. Woher ich das weiß? Weil ich selbst vom Land komme. Wenn ich an meine Jugend in einem 177-Einwohner-Dorf zurückdenke, sehe ich keine Kaffeetafel unterm Apfelbaum, sondern eine einsame Bushaltestelle. Und mich, wie ich auf dem Fahrrad in die nächste Kleinstadt strample, bibbernd vor Kälte, machtlos gegen den Wind, der immer ging. Meine Jahreszeiten hießen Rasen mähen, noch mehr Rasen mähen, faule Äpfel aufsammeln und Schnee schippen.

Das wollen meine Freunde aber nicht hören. Sie sagen: Die gesunde Luft. Ich sage: Pollenalarm, Mücken und Güllegeruch. Sie sagen: Die Stille. Ich sage: Die Ödnis. Sie sagen: Auf dem Land kennt jeder jeden. Ich sage: Richtig. Schlimm. Sie sagen: Keinen Bock mehr auf Stau. Ich sage nichts. Und warte auf den Moment, wo sie hinter einem Trecker hängen, der mit 25 Stundenkilometern durch die Walachei juckelt.

Das "Aber die Kinder ..."-Argument

So verlässlich wie das Krähen des Hahns gegen vier am Morgen kommt dann das "Aber die Kinder…"-Argument. Ja, natürlich ist es toll, wenn Finn und Emma stundenlang im Wald herumstreifen können. Doch spätestens, wenn sie 14 sind, werden sie erst das miese WLAN verfluchen und dann den Tag, an dem die Eltern aus Berlin, Köln oder Hamburg weggezogen sind. Aber, hey, angeblich ist man ja ganz schnell in der Stadt. Oder wie es die Neu-Dörfler ausdrücken: "Ich bin innerhalb von 20 Minuten am Hauptbahnhof." Immer! Wohnen die etwa alle in exakt demselben Radius um die Stadt?

Die schlimmsten Verräter aber sind die Schrebergärtner. Um elf Uhr "Mahlzeit!" über den Zaun rufen und die Buchsbaumhecke auf Linie trimmen: Sorry, aber galt es nicht immer als unausgesprochenes Gesetz, dass wir so etwas spießig finden? Inzwischen haben sogar meine Punkrock-Freunde ihre "Anti Establishment"-Einstellung in die Regentonne getreten und verschwinden am Wochenende auf ihre Parzellen. Und mit ihnen leider auch die guten Partys. Früher wurde wenigstens noch getanzt oder über Politik gestritten. Heute tauschen sie beim Kleingartenvereinsfest Tipps zur ökologischen Schneckenvernichtung aus.

Natur und ich? Das passt einfach nicht.

Natürlich bin ich auch ein bisschen neidisch. Wie gern würde ich ebenfalls beim Unkrautzupfen in einen Zustand maximaler Entspannung geraten. Aber es ist einfach so: Ich will nicht zurück in die Natur, und die Natur hat auch keinen Bock auf mich. Oder wie sonst ist es zu erklären, dass meine Zimmerpalme letztens, während ich fernsah, in der Mitte durchbrach und auf den Wohnzimmertisch knallte?

Ich bleibe zuversichtlich. Es wird nicht lange dauern, bis die ersten Stadtflüchtlinge umdrehen und ins Asphaltparadies zurückkehren. Und wenn sie dann wieder da sind, dann trinken wir Weißwein und schreien glücklich gegen den Straßenlärm an. Auf meinem Balkon. Mit dem vertrockneten Basilikum.

Dieser Artikel erschien ursprünglich im Barbara Heft Nr. 05/2021.

BARBARA 05/2021 Barbara

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