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Neurogenes Zittern Wundermittel bei Stress und Blockaden?

Neurogenes Zittern: Frau steht auf dem Kopf
© Martin Kess
Neurogenes Zittern soll Stress, Blockaden und Verspannungen lösen. Ein schönes Versprechen, fand Yvonne Adamek – und hat es ausprobiert.
von Yvonne Adamek

VERSUCHSOBJEKT Autorin Yvonne Adamek soll alles einfach mal abschütteln. Brrrr

TESTUMGEBUNG Eine Yogamatte. Daneben: fachkundige Begleitung

MISSION Zittern – ganz ohne Frieren. Und vielleicht sogar vollkommen angstbefreit

Da liege ich nun also auf dem Boden. Meine Beine zucken, als stünden sie unter Strom, mein Bauch vibriert. Von dort aus zieht das Zittern weiter über die Arme bis in meine Hände. Sie tippen wild in die Luft, und selbst mein Kopf wackelt unkontrolliert auf und ab.

Neurogenes Zittern als Teil des Bewusstseinstrainings

Das ist jetzt aber ziemlich peinlich, denke ich still vor mich hin. Im Alltag bewege ich mich sonst sehr kontrolliert, manchmal fast steif. Allerdings mit ziemlich nervigen Folgen. Rücken, Schultern und Kiefer – allzu oft bin ich komplett verspannt. Manchmal so stark, dass es wehtut. Selbst Massagen bringen mir dann oft nicht mehr als eine kurze Verschnaufpause, und auch Yoga hilft nicht weiter. Dementsprechend groß war mein Interesse, als ich vom neurogenen Zittern hörte, mit dem sich solch hartnäckige Blockaden angeblich ganz einfach lösen lassen.

Zuckend auf meiner Yogamatte bin ich froh, dass nur die Bewusstseinstrainerin Beata Korioth neben mir sitzt, um mich sanft anzuleiten. Sie selbst lernte das Zittern vor einigen Jahren während einer Fortbildung in den USA kennen und lieben. "Sicher, zuerst kommt man sich komisch vor. Aber wenn man merkt, wie sämtliche Anspannung von einem abfällt, fragt man sich, warum wir das alle eigentlich nicht viel öfter machen." Seitdem integriert sie das neurogene Zittern in ihre Therapiesitzungen, und vom Manager bis zum Spitzensportler kommen Menschen zu ihr, um ihren Stress abzuschütteln.

Anfänger wie ich starten bei ihr immer in derselben Haltung: Man liegt auf dem Rücken auf der Matte, legt seine Fußsohlen gegeneinander, lässt die Knie seitlich auseinanderfallen und hebt das Becken ein paar Zentimeter vom Boden ab. Was sich anfühlt wie eine besonders gemeine Bauch-Beine-Po-Übung, soll den Psoas-Muskel aktivieren. Das sind zwei Muskelstränge in unserer Körpermitte, die die Wirbelsäule links und rechts stabilisieren und Oberkörper und Beine miteinander verbinden. Beata sagt: "Dort sitzt meistens die größte Verspannung. Es ist wie ein Speicherzentrum für Stress. Deshalb fangen wir hier mit dem Zittern an." Nach dem Sport, wenn die Muskeln bereits ermüdet sind, gehe das besonders leicht, erwähnt sie noch.

Stress ist nichts anderes als Angst 

Zu meinem Erstaunen dauert es bei mir auch ohne Sport nur wenige Minuten, bis mein ganzer Körper zuckt. Es geht ein bisschen zu schnell für mich. Es fällt mir schwer, die Kontrolle über meinen Körper abzugeben. Beata scheint das zu spüren, oder vielleicht kennt sie die Sorge auch von anderen Patienten, also fängt sie an, zu reden. "Eigentlich mag ich den Begriff Stress ja gar nicht", verrät sie. Ihre Stimme lenkt mich ab. Nicht vom Zittern, aber von meinen negativen Gedanken dazu. "Wenn man es genau nimmt, ist Stress doch nichts anderes als Angst. Angst davor, zu versagen, vor Situationen, die wir nicht steuern können, oder was uns sonst noch so in unserem Alltag bewegt."

Genau diese Angst ist es, die uns belastet, wenn wir sie nicht loslassen. "Egal ob Unfall, die Geburt eines Kindes oder ein Knochenbruch – jedes körperliche Ereignis hinterlässt Spuren, die auch noch viele Jahre, nachdem die äußeren Wunden verheilt sind, dein Wohlbefinden beeinflussen können." Manche Menschen sind dadurch in einigen Situationen schneller reizbar oder verspüren eine unbegründete Unruhe. "Mit dem neurogenen Zittern können wir all das Schicht für Schicht abschütteln und tief sitzende Ängste auf körperlicher Ebene lösen, ohne in die Psychologie eines Menschen einzusteigen." Beata ist sich sicher, dass unser Körper in der Lage ist, sich selbst zu heilen. "Doch dafür braucht es mehr als die richtige Ernährung, Sport oder auch Ruhe. Der Körper muss sich aus seinem Kern heraus erneuern. Neurogenes Zittern gibt ihm die Möglichkeit dazu."

Die Idee, das Zittern als Therapie anzuwenden, stammt von dem Traumaforscher David Berceli. Der Amerikaner war viele Jahre in Krisengebieten unterwegs, um dort Menschen zu helfen, bei denen Krieg und Gewalt körperliche und seelische Wunden hinterlassen hatten. Immer wieder war er dabei selbst Bombenangriffen ausgesetzt. Während er mit anderen Menschen im Schutzbunker saß, machte er zwei zentrale Beobachtungen: Zum einen spannen wir in jeglicher Art von Stresssituation unsere Muskeln an. Und zum anderen entlädt unser Körper diesen Stress direkt nach dem Erlebten durch Zittern. Diese Erkenntnis baute er schließlich in seine Therapien ein – mit Erfolg. In den USA gilt das neurogene Zittern seit 2011 als anerkannte Methode in der Traumatherapie. Hierzulande wird die Methode bisher vor allem als Bestandteil alternativer Therapien angeboten, es gibt aber mehr und mehr Interessenten, auch aus der Schulmedizin.

Traumata durch den täglichen Wahnsinn des Alltags

Beata Korioth ist es wichtig, zu betonen, dass es nicht immer nur folgenschwere Traumata sein müssen, die unseren Körper belasten. Der tägliche Wahnsinn unseres Alltags reiche schon aus. "Ich wünsche mir einfach, dass die Menschen wissen, wie sie sich selbst helfen können." Kleinen Kindern, so sagt sie, gelingt das noch instinktiv. "Sie zittern vor Angst, Aufregung und sogar Freude. Ganz unbemerkt und ungewollt." Doch wie so vieles verlernen wir auch diese völlig natürliche Reaktion im Erwachsenenalter. "Zittern gilt in unserer Gesellschaft entweder als Zeichen der Schwäche oder als etwas Krankhaftes. Kaum einer glaubt, dass es zum Heilungsprozess gehören könnte." Deshalb unterdrücken wir es, so gut es geht.

Beatas Erklärungen helfen mir dabei, die schamhaften Gedanken ein wenig abzuschütteln. Und schon vibriert mein Körper ein paar Nuancen intensiver. Als ich meine Augen schließe, zittern sogar meine Lider und Augenbrauen. Fast eine ganze Stunde liege ich so da. Mein Becken durfte ich zum Glück irgendwann wieder absenken. Manchmal ist das Zucken stärker, dann wieder wird es schwächer. Ich lasse es fließen, bis ich schließlich durch tiefes Ein- und Ausatmen langsam wieder zur Ruhe komme. Ich fühle mich frei und leicht, aber auch ein wenig erschöpft, als käme ich gerade von einer ausgedehnten Laufrunde aus dem Park. Ich mag das Gefühl. "Irgendwann wirst du das Zittern an- und ausschalten können wie eine Glühbirne. Du brauchst nur Übung."

Beata empfiehlt mir, zwei- bis dreimal pro Woche vor dem Schlafengehen etwa zehn Minuten zu zittern. Kein Problem, denke ich. Doch schon am nächsten Tag gönne ich mir lieber eine Pause, weil mich von der Sitzung bei Beata ein leichter Muskelkater plagt. Es dauert zwei Wochen, bis ich mich nach einem besonders stressigen Tag wieder auf den Boden lege und es ausprobiere. Ich muss kaum eine Minute warten, und es geschieht von ganz allein. Mein Körper schüttelt den ganzen Druck und die Anspannung ab. Schon verrückt, denke ich, als ich mich danach entspannt in mein Bett kuschele. Und dann schlafe ich doch tatsächlich so schnell ein wie schon sehr lange nicht mehr.

Eine Videoanleitung zum Zittern gibt es auf beatakorioth.de, eine ausführliche Beschreibung in ihrem Buch "Goodbye Stress!". 


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