Nicht mit dieser Oma. Wie Heidi Witzig eine Revolution startete

Viva la Großmama!, denken sich viele, wenn die Kids betreut werden müssen. Nicht mit mir, dachte Heidi Witzig und startete eine Oma-Offensive.

Hier schreibt Lena Schindler

Frau Witzig, es hat fast drei Wochen gedauert, Sie ans Telefon zu kriegen. Ständig auf Achse – ist das typisch für die neuen Großmütter?

Ein bisschen schon. Das Bild von der Frau mit Dutt und Kittelschürze, die daheim auf dem Sofa Socken strickt, stimmt jedenfalls nicht mehr. Die neue Großmütter-Generation ist ziemlich vital und aktiv, wir reisen, gehen auf Konzerte. Wir sind keine selbstlosen Wesen und haben ein Recht auf eine Lebensphase, die nicht nur aus Verpflichtungen besteht.

Und für diese Freiheit gehen Sie sogar auf die Straße?

Genau, fast wie 1968. Seit acht Jahren engagiere ich mich in der „Großmütter-Revolution“, einer Schweizer Bewegung von alten Frauen für alte Frauen. Mein Leben lang habe ich mich bereits für Frauenrechte eingesetzt, aber Seite an Seite mit diesen Großmüttern, das ist unvergleichlich – inspirierend, lustig und so gar nicht verbissen. Ach, ich kann wirklich nur empfehlen, alt zu werden!


Dabei haben gerade Frauen ja eine riesige Angst davor ...

Weil in unserer Gesellschaft das Alter als eine Zeit des Abstiegs angesehen wird! Dagegen wehren wir revolutionären Omas uns. Wir setzen dem negativen Image etwas entgegen, etwa die von uns gegründete Großmütter-Rockband Crème Brûlée, die richtig reinhaut ... Wir haben viel Spaß zusammen, aber vor allem wollen wir ernsthaft etwas bewegen. Denn es liegt in der Verantwortung der Gesellschaft, dass unbezahlte Arbeit wie Kinderbetreuung gerechter verteilt wird. Sie darf nicht selbstverständlich auf den Schultern der Großmütter landen, weil alle glauben, wir hätten sonst nichts zu tun! Viele Familienmodelle funktionieren ja überhaupt nur, weil die Omas dauernd einspringen.


Heißt das, Sie persönlich sind als Enkelsitterin raus?

Als mir meine Tochter erzählte, dass ich Oma werde, war ich noch als Historikerin voll berufstätig. Regelmäßig aufpassen? Unmöglich! Dann aber schaute mich im Krankenhaus dieses Neugeborene an – und alles war anders. Seit neun Jahren betreue ich jeden Donnerstag meinen Enkel, inzwischen auch meine zweijährige Enkelin. Ich tue das mit Hingabe und absolut freiwillig, das ist entscheidend. Ich bestimme, wie viel ich übernehme, denn ich bin für mein Leben selbst verantwortlich.


Gilt man dann doch irgendwie als Rabengroßmutter?

Wenn man erwartet, dass alte Frauen immer nur für andere da zu sein haben, auf jeden Fall. Mir ist es aber noch nie in den Sinn gekommen, mich dafür zu verteidigen. Auch wenn ich eine fitte, feurige Oma bin: Donnerstagabend bin ich immer fix und fertig. Außerdem war ich immer aktiv und politisch engagiert, das ist ein Teil meines Lebens, den ich nicht aufgeben werde. Wir haben auch in der Familie besprochen, ob die Enkel bei mir leben könnten, sollte den Eltern etwas zustoßen. Da musste ich meiner Tochter ehrlich sagen, dass sie und ihr Mann eine andere Lösung finden müssen. Ich liebe meine Enkel, aber das ist auch gar nicht der Punkt. Mehr könnte ich allein körperlich gar nicht leisten.


Wie hat Ihre Tochter reagiert?

Es hat sie im ersten Moment verletzt, aber sie hat es verstanden. Da sie mich ja schon als selbstbestimmte Mutter kennt, werden solche Fragen bei uns mit Vorsicht und Respekt besprochen. Aber das läuft nicht bei allen so. Ich kenne Frauen, denen ihre Kinder die Pistole auf die Brust setzen, wenn sie vielleicht zum ersten Mal im Leben für ihre eigenen Interessen eintreten: Gibst du jetzt nicht alles für die Enkel, stehst du eben auch allein da, wenn du später Hilfe brauchst! Da wird dann aufgerechnet.


Fällt es deshalb vielen Großmüttern so schwer, Nein zu sagen?

So eine Haltung braucht Mut. Viele Frauen meiner Generation haben gelernt, dass sie nur dann geliebt werden, wenn sie brav und angepasst sind. Aber es rächt sich, wenn man ein Leben lang seine Bedürfnisse unterdrückt und sich für andere aufopfert.


Wie denn?

Irgendwann kommt die Bitterkeit, besonders lebendig wird sie in der Demenz, da teilen die einst liebsten, fürsorglichsten Mamis richtig aus. Besser also, man eckt vorher mal ein bisschen an für sein Lebensglück. Mir ist es auch schwergefallen, als ich meiner Tochter vor einem halben Jahr sagen musste, dass ich nicht mehr so viel Zeit für die Enkel haben würde, weil ich mich wieder verliebt habe, in einen Mann aus Irland. Aber ich bin vor 15 Jahren Witwe geworden, und jetzt gibt es wieder einen Mann in meinem Leben. So schön! Niemals würde ich meine neue Liebe hintanstellen.


HEIDI WITZIG gehört zu den Gründerinnen der Schweizer „Großmütter-Revolution“: www.grossmuetter.ch

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